Sai­son-Rück­blick 2025/26

Teil I: Auf­bruch, Verän­de­rung, Eupho­rie

Nach dem abschließenden Saisonspiel 2025/26 überwog bei Bayer 04 natürlich die Enttäuschung über das Verpassen der Champions-League-Qualifikation. Die Werkself beendete die Spielzeit auf Platz sechs und wird damit 2026/27 in der UEFA Europa League starten. „Aber deswegen jetzt alles schlechtzureden, wäre falsch“, betonte Kapitän Robert Andrich nach dem letzten Duell in dem Wissen, dass dieses Fußballjahr von Bayer 04 wie kaum ein anderes geprägt war vom Aufbruch in eine neue Zeit, vom Mut zur Veränderung – und insbesondere vom Glauben in eine positive Entwicklung. Dass dieser Prozess Zeit brauchen würde, war allen Beteiligten bewusst. Teil I des Rückblicks auf die Saison 2025/26.

Abschied, Aufbruch, Anfang

Bereits im Frühjahr hatte sich abgezeichnet, dass sich die Mannschaft für die neue Saison neu aufstellen würde. Der in Sachen Transferbewegungen ereignisreichste Sommer der Bayer 04-Geschichte stand bevor. Nach Cheftrainer Xabi Alonso und Abwehrchef Jonathan Tah, die sich bereits am Ende der Vorsaison von den Bayer 04-Fans verabschiedet hatten, verließen im Sommer 2025 weitere Helden des einstigen Double-Märchens den Klub – von Kapitän Lukas Hradecky über Jeremie Frimpong und Piero Hincapie bis hin zu Granit Xhaka und Leverkusens „Fußballgott“ Florian Wirtz. Letzterer erklärte damals: „Für die große Sympathie, die mir von den Verantwortlichen, den Mitspielern und wirklich allen Mitarbeitern an jedem Tag entgegengebracht wurde, möchte ich mich bedanken. Und den Fans von Bayer 04, die mich und die Mannschaft all die Jahre angetrieben haben, möchte ich sagen: Es war mir eine Ehre, für euch mein Bestes zu geben.“

Der Weggang jener Spieler bedeutete zugleich den Beginn eines neuen Kapitels, das in Leverkusen aufgeschlagen wurde. Der Blick richtete sich nach vorn, mit Mut und neuen Ideen. Aus Abschied wurde Aufbruch, aus Veränderung Euphorie. Der Werksklub begrüßte im Sommer mehr als ein Dutzend Neuzugänge, darunter erfahrene Titelsammler sowie junge Talente, um unterm Bayer-Kreuz ein neues „Fundament für eine erfolgreiche und titelfähige Mannschaft“, so hatte es Geschäftsführer Sport Simon Rolfes einst formuliert, zu bauen. Ein neuer Spirit, ein neuer Hunger, eine neue Geschichte sollte entstehen.

Transfers, Trainingslager, Testspiele

Los ging diese Geschichte mit einem besonderen Highlight: dem Trainingslager in mehreren tausend Kilometern Entfernung in Rio de Janeiro, einem Höhepunkt der vielen Aktivitäten von Bayer 04 im brasilianischen Markt. Einige der Neuzugänge waren hier bereits Teil der Mannschaft, andere sollten in den Wochen danach in Leverkusen aufschlagen. Zwischen Cristo Redentor, Copacabana und Zuckerhut arbeitete das Team in der brasilianischen Metropole unter dem neuen Trainer Erik ten Hag intensiv auf den Spielstart hin. Zurück in Leverkusen schuftete das Team weiter hart, nutzte die Zeit ebenso zum weiteren Kennenlernen und Zusammenwachsen. Denn klar war: Diese neu formierte Mannschaft brauchte erst einmal Zeit, um sich zu finden. Nicht etwa nur in einem neuen Klub, sondern teils auch in einer neuen Liga, einem neuen Land oder sogar einer neuen Kultur.

Bayer 04

Nach fünf Testspielen (CR Flamengo U20: 1:5, VfL Bochum 1848: 2:0, Fortuna Sittard: 2:1, Pisa SC: 3:0, FC Chelsea: 0:2) begann mit dem DFB-Pokal-Erstrundenspiel bei der SG Sonnenhof Großaspach die Pflichtspielsaison. Die von einer rund 40-minütigen Gewitter-Unterbrechung und zwei Platzverweisen für den Regionalligisten geprägte Partie endete zugunsten von Neu-Kapitän Robert Andrich und Co. (4:0). Auch weil im Anschluss die ersten beiden Partien der neuen Bundesligasaison allerdings für enttäuschte Gesichter sorgten – gegen die TSG Hoffenheim hatte es ein 1:2 gegeben, beim SV Werder Bremen verspielte die Werkself einen Zwei-Tore-Vorsprung in Überzahl (3:3) –, entschied die Klubführung, die Zusammenarbeit mit Cheftrainer Erik ten Hag zu beenden.

Herbst-Hoch unter Hjulmand – Grimaldos goldene Geschosse

Auf ten Hag folgte während der ersten Länderspielpause der noch jungen Saison der langjährige dänische Nationalcoach Kasper Hjulmand, der bis dato an einem Campus-Projekt für den dänischen Fußballbund gearbeitet hatte und als Trainer eigentlich nicht auf dem Markt war. Dem Ruf von Bayer 04 konnte der damals 53-Jährige aber nicht widerstehen, wie er selbst erklärte: „Nur ein Klub konnte mir dieses Gefühl geben – und das war Bayer 04.“ Viel Zeit, die Spieler vor seinem ersten Auftritt an der Seitenlinie kennenzulernen, hatte der Däne nicht. Nur eine halbe Woche lag zwischen seiner Ankunft in Leverkusen und dem 3. Spieltag. Gestört hat ihn das wenig: „Natürlich kann nicht alles sofort perfekt funktionieren. Im Nationalteam aber habe ich gelernt, immer präzise und effizient zu arbeiten.“ Und in der Tat war schnell zu spüren, dass es bergauf ging. Gegen Eintracht Frankfurt siegte das Team bei Hjulmands Einstand in doppelter Unterzahl 3:1. Nach einem Remis gegen Mönchengladbach (1:1) gewann die Mannschaft um Bundesliga-Debüttorschütze Ernest Poku 2:1 beim FC St. Pauli. In der Königsklasse gab es zum Auftakt der neuen UCL-Saison zwar „nur“ ein 2:2 beim FC Kopenhagen in Dänemark, doch überzeugte das Team auch hier mit großer Moral. Nach langem Rückstand hatte Alejandro Grimaldo in der 83. Minute das zwischenzeitliche 1:1 auf die ihm, so schien es, in diesen Wochen einzig bekannte Art und Weise erzielt: per direktem Freistoß. Schon zuvor hatte der Standardkünstler gegen Frankfurt den Ball gleich zweimal über die Mauer hinweg ins Netz gezirkelt. Nur vier Minuten nach dem Ausgleich stand erneut ein Rückstand auf der Anzeigetafel, doch Grimaldo und Co. erzwangen den erneuten Ausgleich per Eigentor seitens der Dänen noch in der Nachspielzeit.

In den letzten beiden Spielen des ersten großen Blocks der Saison gab es gegen die PSV Eindhoven aus den Niederlanden in der Königsklasse bei Aleix Garcias 50. Bayer 04-Einsatz trotz großer Dominanz nur ein 1:1. Gegen den 1. FC Union Berlin stand danach ein souveräner 2:0-Erfolg. In beiden Spielen als Torschütze erfolgreich: Christian Kofane, der gegen Eindhoven zum jüngsten Leverkusener UCL-Torschützen aller Zeiten avancierte (19 Jahren und 67 Tage) und gegen Union Berlin sein erstes Bundesligator bejubeln durfte. Beim Spiel gegen die Köpenicker gejubelt hatten auch die Fans, und das schon vor Anpfiff: Der zu diesem Zeitpunkt noch verletzte Exequiel Palacios betrat vor Beginn der Partie den Rasen und wurde für seine Vertragsverlängerung bis 2030 gefeiert. Im Nachgang des erfolgreichen Auftritts sagte Torhüter Mark Flekken dann: „Man merkt, dass das Selbstvertrauen in der Mannschaft wächst, dass die Verbindungen wachsen.“ Und zwei Wochen später, als das Team nach der Länderspielpause 4:3 beim 1. FSV Mainz 05 gewann, brachte Jonas Hofmann das Gefühl dieser Wochen wie folgt auf den Punkt: „Es fühlt sich an, als würden die Räder immer mehr ineinandergreifen.“

Bayer 04

Rekordserie reißt – Fans feiern furiose Fußballfeste

Nach sieben ungeschlagenen Spielen am Stück folgte in der Champions League gegen Titelverteidiger Paris Saint-Germain die erste Niederlage für Kasper Hjulmand (2:7). Unbeirrt davon holte die Mannschaft aber schon im nächsten Spiel wieder einen Sieg, gewann gegen den SC Freiburg 2:0. Drei Tage später dann ging es zum SC Paderborn 07, und jener Abend in Ostwestfalen sollte alles bieten, was Laterkusen einst zum Mythos gemacht hatte: Erst schlenzte Grimaldo einmal mehr einen Freistoß auf direktem Wege ins Tor, ehe er mit seinem Team dann aber in der 90. Minute den Ausgleich und kurz nach Beginn der Verlängerung den Rückstand hinnehmen musste. Sollte es das Pokal-Aus sein? Mitnichten! Mit gleich drei Toren in der Nachspielzeit schossen Jarell Quansah (105.+1), Ibrahim Maza (120.+2) und Aleix Garcia (120.+4) Laterkusen in Ostwestfalen ins Achtelfinale des Pokalwettbewerbs.

Anfang November endeten gegen den FC Bayern München dann allerdings zwei Serien: Zum einen verlor die Werkself erstmals seit drei Jahren wieder ein Bundesligaspiel gegen den Rekordmeister. Zum anderen bedeutete das 0:3 an diesem 1. November nach 889 (!) Tagen das Ende der historischen Rekordserie von 37 Liga-Auswärtsspielen ohne Niederlage. Historisch wurde es auch eine Woche später – dieses Mal im positiven Sinne: Nachdem die Werkself unter der Woche bei Benfica Lissabon in Portugal ihren ersten UCL-Sieg der Saison gefeiert hatte (1:0), begeisterte die Mannschaft die Fans in der BayArena mit einem furiosen 6:0 gegen den 1. FC Heidenheim 1846, das unzählige Geschichten, Rekorde und Debüts mit sich brachte. Beim abschließenden Spiel des zweiten großen Blocks mit sieben Partien binnen drei Wochen schnürte unter anderem der in diesen Wochen hervorragend aufgelegte und später als „Rookie des Monats“ November ausgezeichnete Ibrahim Maza seinen ersten Profi-Doppelpack. Außerdem hatte die Werkself nie zuvor ein Heimspiel im Oberhaus mit mehr Toren Differenz gewonnen.

Nach der anschließenden und letzten Länderspielpause des Kalenderjahres wartete noch einmal ein eng getaktetes Programm bis Weihnachten, in das die Werkself souverän mit einem 3:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg startete. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Leverkusener 22 von 27 möglichen Punkten unter Kasper Hjulmand geholt. Nie hatte ein Bayer 04-Trainer in seinen ersten neun Ligaspielen mehr Zähler eingefahren. Erfolgreich ging es auch weiter, und zwar auf der größten Bühne Europas: Beim englischen Spitzenklub Manchester City von Coach Pep Guardiola und unter anderem mit Starstürmer Erling Haaland in den Reihen überzeugte Schwarz-Rot mit Mut und Klasse und siegte 2:0. Ein glücklicher Hjulmand erklärte im Nachgang: „Ich habe den Jungs gesagt, dass ich sehr stolz auf sie bin. Dieses Team hat so viel Potenzial, einen so großen Charakter.“

Bayer 04

Topspiele, Traumtore, Teamgeist

Einige Tage später stand der Dortmund-Zweiteiler bestehend aus dem Bundesligaspiel und dem Pokal-Achtelfinale an. Während die ausgeglichene Ligapartie trotz kämpferischer Leistung seitens Bayer 04 1:2 verloren ging, siegte im Pokal die Werkself 1:0 und zog somit ins Viertelfinale ein. Im Anschluss blieb ein dominanter Auftritt beim FC Augsburg mit fast 70 Prozent Ballbesitz und drei Alutreffern unbelohnt (0:2). Anders in der Königsklasse: In dieser stand gegen Newcastle United dank einer starken Leistung nach Wiederanpfiff ein 2:2. Charakter, Reaktion, Teamgeist – all das stimmte nach wie vor in diesen Wochen auch trotz dieser zwei unbefriedigenden Resultate. Und dann fand Schwarz-Rot auch ergebnistechnisch wieder in die Erfolgsspur: Im abschließenden Heimspiel des Jahres gewann Bayer 04 2:0 gegen den 1. FC Köln. Dabei staunten Trainer, Mitspieler, Fans und Medienvertretende allesamt nicht schlecht, als Martin Terrier seine Mannen in der 66. Minute per Scorpion-Kick kunstvoll in Führung brachte. Der Franzose hatte sich damit für das laut eigener Aussage „schönste Tor meiner Karriere“ den perfekten Moment ausgesucht. Schließlich war es sein Treffer, der den Weg zum Derbysieg ebnete. Torschütze Nummer zwei, Robert Andrich, nannte Terriers Kunstschuss im Nachgang ein „Wahnsinns-Tor“, Trainer Kasper Hjulmand einen „magic moment“. Und Werkself-Radio-Kommentator Niko Hartmann verlor bei diesem Geniestreich sogar völlig die Zurückhaltung. „Ein Riesen-Tor! Mit der Hacke! Das Tor des Jahres in der BayArena! Und das im Derby gegen den 1. FC Köln!“, schrie er voller Inbrunst, voller Leidenschaft.

Zum Abschluss des Kalenderjahres feierte die Mannschaft schließlich bei RB Leipzig einen 3:1-Sieg. Bayer 04 ging dadurch mit 29 Punkten auf Rang drei und mit 33 Toren, der zu diesem Zeitpunkt zweitbesten Offensive, in die Winterpause. Ob er im September, nach dem mäßigen Saisonstart, mit solch einer Punkteausbeute und Platzierung zu Weihnachten gerechnet hätte, wollten die Medienvertretenden nach dem Sieg von Malik Tillman wissen. Seine Antwort war kurz und knapp, aber unmissverständlich: „Um ehrlich zu sein – ja.“ Und die Erklärung ebenso deutlich: „Weil ich einfach an dieses Team glaube.“ Mit ebenjenem Glauben hatte dieses Team die Leipziger auch bezwungen und ihnen die erste Heimniederlage der Saison zugefügt. Tillman und Co. drehten das Spiel nach 0:1-Rückstand in den 3:1-Erfolg. Neben Martin Terrier traf auch Patrik Schick, der sich damit vorbei an Dimitar Berbatov zum alleinigen ausländischen Leverkusener Rekord-Torschützen krönte. Den Schlusspunkt setzte dann ein 18-Jähriger: Montrell Culbreath aus der U19 feierte sein Profi-Debüt und veredelte es mit dem Tor zum Endstand. Er hatte sich damit selbst das „größte Weihnachtsgeschenk überhaupt“ gegeben, wie er im Nachgang betonte. Außerdem erfreulich: Axel TapeLucas Vázquez und Ezequiel Fernández feierten nach mehrwöchigen Verletzungspausen ihre Comebacks.

Bayer 04

Viele positive Geschichten also, die der Abschluss der ersten Saisonmonate und zugleich des Kalenderjahres mit sich brachte. Coach Kasper Hjulmand fand dazu diese Worte: „Ich bin sehr stolz auf das, was die Mannschaft bisher geleistet hat.“ Und Geschäftsführer Sport Simon Rolfes resümierte vorausblickend: „Die ersten sechs Monate des ‚Kennenlernens‘ liegen hinter uns. Jetzt gilt es, die Mannschaft ans Leistungslimit zu bringen. Unsere Ambitionen und unser Ehrgeiz werden auch im neuen Jahr hoch sein.“

Teil II erscheint am morgigen Pfingstmontag, 25. Mai.