Spiel des Monats: Vor 50 Jahren – Alles oder nichts

Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga Nord im Sommer 1975 kämpft Bayer 04 nur acht Monate später gegen den Abstieg. Der Verein erwartet von allen vollen Einsatz in dieser prekären Situation. Aufstiegstrainer Manfred Rummel soll seinen Hauptberuf als Lehrer im Beamtenstatus an der Sonderschule Mülheim aufgeben und Vollzeit-Trainer bei Bayer 04 werden. Der bei der Mannschaft sehr beliebte Coach sieht sich nicht in der Lage, diesem Anliegen des Klubs zu entsprechen. Trotz eines 2:0-Heimspiel-Erfolges gegen die SpVgg Erkenschwick wird Manfred Rummel im „partnerschaftlichen Einvernehmen“ beurlaubt.
Heimspiel gegen Borussia Dortmund am 5. Juni 1976

Der Jugoslawe Radoslav Momirski wird als Nachfolger mit einem Vertrag bis zum Saisonende ausgestattet. Er startet in Berlin mit einer 0:1-Niederlage gegen den Tabellenletzten Spandauer SV. Ende März hat sich die Situation für Bayer 04 nicht verbessert – nach drei aufeinanderfolgenden Niederlagen wird Momirski entlassen. Am 5. April 1976 übernimmt ein neuer Mann das Ruder unterm Bayer-Kreuz: Willibert Kremer. Er feiert mit einem 2:1-Heimsieg gegen Westfalia Herne einen erfolgreichen Einstand.

Zwei Endspiele um den Klassenerhalt

Unter dem neuen Trainer scheint sich Bayer 04 in ruhigere Gewässer zu bewegen. Die Werkself punktet in den ersten Spielen unter der neuen Führung regelmäßig, aber die Kontrahenten aus der Abstiegszone tun das auch. Nach drei Niederlagen in Folge liegt Bayer 04 am vorletzten Spieltag nur zwei Punkte vor dem Abstiegsplatz und erwartet im Ulrich-Haberland-Stadion den Aufstiegskandidaten Borussia Dortmund. Der Stadionkurier, die damalige Stadionzeitung von Bayer 04, titelt: „Gegen Borussia Dortmund geht es um alles oder nichts.“

Im Text heißt es: „Aber gerade in dieser schwierigen Situation bedarf es der zahlreichen Unterstützung unserer Anhänger. Es kann einfach niemandem gleichgültig sein, ob Bayer 04 auch in der Saison 1976/77 in der 2. Bundesliga spielt oder nicht. Helfen Sie mit, denn gerade die Begeisterung durch den eigenen Anhang kann eine Mannschaft zusätzlich motivieren. Und noch eins: Die Anhänger von Borussia Dortmund wissen um den Wert solcher Unterstützung. Sie kommen zu Tausenden – auch nach Leverkusen. So darf diese Begegnung auch nicht zu einem Heimspiel für die Borussia werden.“

Heimspiel gegen Borussia Dortmund am 5. Juni 1976

Der direkte Kontrahent der Werkself ist der 1. FC Mülheim. Zwar hat Bayer 04 das leicht bessere Torverhältnis, doch die Mülheimer treffen in Westfalia Herne und Arminia Bielefeld auf zwei Gegner aus dem sicheren Mittelfeld, für die es um nichts mehr geht. So sind für Mülheim vier Punkte aus den letzten beiden Spielen durchaus möglich.

Ehrung des Bayer 04-Urgesteins Gustav Schmitz

Am Samstag, den 5. Juni 1976 zeigt sich, dass der Aufruf im Stadionkurier leider nicht die erhoffte Wirkung erzielt hat. Das Stadion ist in schwarz-gelber Hand und die Bayer 04-Fans haben nur wenig Chancen sich stimmlich durchzusetzen.

Vor dem Spiel gibt es noch eine Ehrung. Der langjährige Platzwart Gustav Schmitz wird verabschiedet. Er tritt Ende Juni seinen Pensionsurlaub an, um dann am 1. Januar 1977 in den verdienten Ruhestand zu gehen. Im September 1957 hatte  Schmitz bei der Bayer AG begonnen. Er war zunächst noch für den Rasen am Alten Stadtpark zuständig, übernahm dann ab 1958 als Stadionverwalter die Verantwortung für das Ulrich-Haberland-Stadion. Nach 18 Jahren, in denen für ihn die Veranstaltung zum hundertjährigen Firmenjubiläum der Bayer AG 1963 ein Höhepunkt war, ging nun ein Stück Bayer 04-Geschichte. Aber Gustav Schmitz gibt seine Passion an seinen Sohn und seinen Enkel weiter, die beide für die Rasenflächen an der Bismarckstraße verantwortlich waren beziehungsweise noch sind. Denn Gustav Schmitz‘ Enkel Georg ist heute Head-Greenkeeper von Bayer 04.

Erleichterung trotz einer Niederlage

Aber zurück zum Spiel gegen Dortmund, das schnell erzählt ist. Schon in der 9. Minute gehen die Borussen mit 1:0 in Führung. Die Telefonleitung von Geschäftsführer und Stadionsprecher Dieter Czysz zum Parallelspiel der Mülheimer in Herne ist mindestens genauso wichtig wie das Spiel auf dem Rasen im Ulrich-Haberland-Stadion. Trainer Willibert Kremer und Manager Hermann Büchel werden immer schnellstens über den Zwischenstand informiert. Sie gehen trotz des 0:1-Rückstandes ihrer Mannschaft zur Pause zufrieden in die Kabine, denn Westfalia Herne führt mit 2:0. Als dann kurz nach Wiederanpfiff der dritte Herner Treffer fällt, ist die Erleichterung auf der Bank spürbar.

In Leverkusen fällt der zweite Dortmunder Treffer. Bayer 04 versucht noch den Anschlusstreffer zu erzielen, aber am Ende bleibt es beim 2:0-Sieg des BVB. Trotzdem verharren die Werkself-Fans im Stadion, denn sie warten auf das Ergebnis aus Herne. Dort fällt in der 90. Minute das 6:1 und der Jubel auf Seiten der schwarz-roten Anhänger ist groß, denn vor dem letzten Spieltag hat die Werkself nicht nur zwei Punkte Vorsprung, sondern auch das um zehn Treffer bessere Torverhältnis. Und niemand der Bayer 04-Verantwortlichen glaubt, dass dieser Vorsprung noch verspielt werden könnte.

Und so kommt es am letzten Spieltag auch. Die Mülheimer besiegen Arminia Bielefeld zwar mit 5:1, doch auch Bayer 04 gewinnt endlich mal wieder. Der Gegner Wattenscheid 09 geht mit einem Elfmeter in Führung, jedoch unterläuft seinem Abwehrspieler Klee danach ein Eigentor. Nach der Pause bringt Bayer 04-Mittelfeldspieler Peter Surbach die Werkself in Führung, die Gerd Kentschke mit einem verwandelten Elfmeter ausweitet. Der späte Anschlusstreffer, erneut durch einen Elfmeter, ändert nichts mehr am Sieg von Bayer 04 und der endgültigen Rettung. Auch in der Saison 1976/77 wird Bayer 04 Leverkusen in der 2. Bundesliga Nord spielen.

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