Spiel des Monats: Vor 30 Jahren – Rettung in letzter Sekunde

Die Saison 1995/1996 bringt einige Neuerungen. Erstmals bekommt jeder Spieler seine feste Rückennummer und sein Name steht hinten mit auf dem Trikot. Erstmals darf der Trainer dreimal auswechseln und auch erstmals gibt es drei Punkte für einen Sieg. Und erstmals bin ich nicht mehr die Nummer 1 meiner Mannschaft. Ich trage sie zwar auf dem Rücken, aber im Tor hat mir Dirk Heinen den Rang abgelaufen. So sitze ich anfangs etwas beleidigt auf der Reservebank, aber in der Rückrunde dieser Saison merke ich, dass auch ich meinen Beitrag zum Erfolg einer Mannschaft leisten muss.

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Die Werkself startet gut in die Saison. Am 7. Spieltag kommt es im Münchener Olympiastadion zum Spitzenspiel des Tabellenführers Bayern München gegen den Tabellenzweiten Bayer 04 Leverkusen. Allerdings haben die Münchener schon sechs Punkte Vorsprung auf die Werkself, somit sind die Vorzeichen klar. Aber Bayer 04 macht ein gutes Spiel und hält bis zur 89. Minute ein verdientes 0:0. Dann fällt der Bayern-Spieler Mehmet Scholl im Strafraum und der Schiedsrichter gibt einen mehr als zweifelhaften, wenn nicht sogar unberechtigten Elfmeter. Jürgen Klinsmann verwandelt zum 1:0-Sieg der Bayern und die Werkself fährt ohne Punkte nach Hause.

Nach dem letzten Spiel in der Hinrunde, einem 0:1 auf dem Lauterer Betzenberg, steht Bayer 04 auf Platz 6, einen Punkt hinter Platz 5, der zur Teilnahme am UEFA-Cup berechtigt, und neun Punkte vor dem Abstiegsplatz 16. An eine Negativspirale denkt an Weihnachten 1995 niemand.

Dreimal Rot bei den Königsblauen

Die ersten beiden Spiele der Rückrunde fallen dem Wetter zum Opfer. Erst am Freitagabend, 23. Februar 1996, startet für die Werkself die Rückrunde mit einem 0:0-Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach. In den nächsten Wochen gewinnt die Werkself allerdings kein Spiel, holt nur drei Punkte und ist vor dem 27. Spieltag beim Tabellenfünften Schalke 04 sieben Punkte hinter den Knappen, aber auch nur fünf Punkte vor dem Abstiegsplatz. Und das Spiel bei den Königsblauen geht mit den drei Roten Karten gegen die Werkself, einem Abwehrkampf ab der 63. Minute mit acht Spielern und einem sehr unglücklichen Ausgleich in der 89. Minute in die Bundesliga-Geschichte ein. Denn nie wieder hat es eine Mannschaft, die drei Rote Karten hinnehmen muss, geschafft, einen Punkt zu ergattern.

Nach einem erneuten Unentschieden gegen Fortuna Düsseldorf im Ulrich-Haberland-Stadion – Bayer 04 gelingt selbst im elften Spiel der Rückrunde immer noch kein Sieg – ist die Tendenz der Werkself eigentlich klar: Es geht nur noch gegen den Abstieg. Nicht so für Trainer Erich Ribbeck. Nach einem weiteren Remis beim Hamburger SV rechnet er seiner Mannschaft vor dem Heimspiel gegen den Karlsruher SC vor, wie der UEFA-Cup-Platz noch zu erreichen ist. Die Mannschaft denkt eher in die andere Richtung.

Trennung von Ribbeck – Hermann übernimmt

Und so kommt es, wie es kommen muss – das Heimspiel gegen den KSC geht mit 1:2 verloren und der Coach wird entlassen. Interimsmäßig übernimmt sein Co-Trainer Peter Hermann bis zum Ende der Saison die Mannschaft. Und die geht direkt beim schon fast als Absteiger feststehenden Tabellenletzten Bayer 05 Uerdingen mit 0:3 unter. Die Sorgen unterm Bayer-Kreuz werden immer größer und die Angst spielt mit.

Fünf Spieltage vor Schluss steht Bayer 04 auf Platz 15 der Tabelle, drei Punkte vor dem Abgrund. Doch nach Toren von Rudi Völler und Ulf Kirsten ringt die Werkself den TSV 1860 München mit 2:1 nieder. Der erste und gleichzeitig auch einzige Sieg in der Rückrunde. Drei Tage später tritt Bayer 04 zum Nachholspiel in Dortmund an und verliert mit 0:2. Torhüter Dirk Heinen, der bis dahin eine herausragende Saison gespielt hat, sieht bei beiden Toren nicht glücklich aus. Am nächsten Morgen führe ich ein Gespräch mit Peter Hermann, in dem er mir mitteilt, dass er vorhat, mich beim nächsten Spiel am vorletzten Spieltag auswärts beim SC Freiburg wieder ins Tor zu stellen. Ich rate ihm davon ab, denn, so meine Begründung, wenn ich am Samstag schlecht halten sollte, hat Peter beim dann wahrscheinlich saison- und zukunftsentscheidenden Spiel für Bayer 04 zwei Torhüter, die verunsichert sind. Mein Rat an ihn: „Lass Dirk am Samstag in Freiburg spielen. Dann entscheiden wir danach, ob ich gegen Kaiserslautern auflaufe.“

Die Nerven liegen blank

Dirk hält gut in Freiburg, aber wir verlieren erneut. Und treten meine persönlich längste Busheimreise mit Bayer 04 an. Die Sorgen in diesen fünfeinhalb Stunden Rückfahrt aus Freiburg wurden mit jedem Kilometer in Richtung Farbenstadt größer. So beginnt die entscheidende Woche der Saison 1995/96.

Manager Reiner Calmund und Trainer Peter Hermann entscheiden, dass wir uns ab dienstags in Much, einem kleinen Ort im Rhein-Sieg-Kreis, auf das so wichtige Spiel am 18. Mai 1996 vorbereiten. Es folgen vier nervenzerreißende Tage. Das Training besteht nur noch aus leichtem Lauftraining im Wald, um den Kopf freizubekommen. Im Vordergrund stehen Essen, Schlafen und Ruhe, die am Freitagabend durch eine Delegation von Bayer 04-Mitarbeitern „gestört“ wird. An diesem Abend wird auch dem Letzten klar, dass es um mehr geht als die Existenz des Vereins. Es geht auch um Arbeitsplätze, und nicht nur um unsere.

Markus Münch, der große Retter

Am 18. Mai 1996 steigt der Abstiegsschlager gegen den 1.FC Kaiserslautern im Ulrich-Haberland-Stadion. Bayer 04 reicht ein Unentschieden, die Pfälzer würden sich auf jeden Fall mit einem Sieg von den Abstiegsplätzen verabschieden. Bei einer Niederlage können wir immer noch auf eine Niederlage des 1. FC Köln hoffen, der auswärts bei Hansa Rostock anritt, der noch um einen UEFA-Pokal-Platz kämpft. In der Woche vor dem „Endspiel“ versuchen die Lauterer, die eh schon mit 10.000 Fans nach Leverkusen anreisen, die Stehplätze in der damals noch nicht ausgebauten Südkurve zu bekommen.

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Nach dem Ende der Saison sollen dort im Süden die neuen Büros der Geschäftsleitung und ein paar weitere Sitzplätze für Zuschauer hochgezogen werden. Die Anfrage des 1. FC Kaiserslautern beantwortet Calli mit einem: „Wir haben schon mit dem Umbau begonnen“. Und er lässt schnell eine Baufirma mit Baggern ein paar Bahnen ziehen. Der Umbau würde nur bei einem Verbleib in der Bundesliga über die Bühne gehen. So kamen also „nur“ 10.000 Fans aus der Pfalz, um ihre Mannschaft zu unterstützen.

Das Spiel ist geprägt von viel Nervosität. Es läuft auf beiden Seiten nicht viel zusammen und so geht es mit einem 0:0 in die Pause. In der zweiten Halbzeit gehen die Roten Teufel durch einen Kopfball in der 58. Minute mit 1:0 in Führung. Für die Werkself bedeutet das den Abstieg. Umso mehr, als der 1. FC Köln in Rostock in der 72. Minute in Führung geht. Jetzt heißt es zittern. Und das tun alle Bayer 04-Fans. In der 80. Minute krümmt sich der Lauterer Olaf Marschall am Boden. Schiedsrichter Bernd Heynemann sieht darin ein Zeitspiel und lässt keine Behandlung zu. Lauterns Libero Miroslav Kadlec schießt den Ball ins Aus, doch die Werkself reagiert nicht so, wie es damals eigentlich üblich war. Anstatt den Ball zurückzugeben, wirft Paulo Sergio die Kugel zu Torhüter Dirk Heinen. Der bedient Rudi Völler mit einem weiten Abschlag.

Nach einem Foul am Weltmeister von 1990, der zwei Tage später mit einem Abschiedsspiel im Ulrich-Haberland-Stadion seine Karriere beenden wird und in die Chefetage zu Manager Reiner Calmund wechselt, wird der folgende Freistoß zu Mike Rietpietsch gespielt. Dessen Weitschuss kann Lauterns Keeper Andreas Reinke nur abklatschen, den Nachschuss verwandelt Markus Münch zum vielumjubelten Ausgleich. Ausgerechnet Markus Münch, der in den letzten Partien nur noch mit Schmerzspritze spielen kann, denn ein Loch in der Leiste bereitet ihm Probleme. Obwohl schon früh in der Rückrunde klar ist, dass er nach der Saison zum FC Bayern wechseln wird, verzichtet Markus auf eine Operation. Er spielt die Saison zu Ende, lässt sich erst danach operieren und kann die Vorbereitung und die Chance auf einen Stammplatz bei den Bayern vom ersten Spieltag an vergessen. Dafür genießt er noch heute ein hohes Ansehen bei den Bayer 04-Fans.

In den letzten Minuten versuchen die Pfälzer nochmal alles. Holger Fach lenkt kurz vor Schluss mit einem Flugkopfball noch einen Schuss zur Ecke, aber am Ende bleibt es beim 1:1. Nicht abgestiegen. Die Erleichterung ist nicht nur Manager Reiner Calmund nach dem Spiel anzusehen.

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