Sonstiges: Das Wunder von Leverkusen – Viertelfinale gegen Barcelona – 35 Jahre danach

Unser Vorstand hat sich entschieden, dass wir unser Heimspiel gegen den FC Barcelona am 2. März 1988 in Köln austragen. Da alle davon ausgehen, dass wir ausscheiden, macht Bayer 04 wenigstens große Kasse. Im Ulrich-Haberland-Stadion sind die Bagger im Einsatz, es gibt hier deshalb nur Platz für knapp 14.000 Zuschauer. Am Spieltag ist das Müngersdorfer Stadion dann sehr gut gefüllt. 41.000 Zuschauer sind da, davon mehr als die Hälfte nicht unbedingt für uns.
19880316_59_0_1_Tita_2.jpg

Der FC Barcelona steckt 1987/88 vom ersten Saisonspiel an in einer Krise. Der englische Trainer Terry Venables, noch zwei Jahre zuvor mit Barcelona Spanischer Meister geworden, wird schon im September entlassen und durch Luis Aragones ersetzt. Außerdem herrscht ständig Unruhe zwischen der Mannschaft, dem Präsidenten Nunez und den Zuschauern. In der heimischen Liga belegt Barcelona im März 1988 einen Mittelfeldplatz.

Alles dreht sich bei der Berichterstattung zum Spiel um den deutschen Mittelfeldspieler Bernd Schuster. Schuster nach der Landung am Flughafen, Schuster beim Betreten des Hotels, Schuster beim Einlaufen zum Abschlusstraining im Müngersdorfer Stadion, Schuster im Interview vor den Kabinen, in der Hotellobby usw. – Schuster, Schuster, Schuster. Als ehemaliger FC-Spieler und Weltstar zieht er das Interesse medial auf sich.

Trotz der Unruhe im Klub hat sich der FC Barcelona nach Siegen gegen Belenenses Lissabon, Dynamo Moskau und Flamutari Vlora für das Viertelfinale qualifiziert. Die Partie wird um 20:15 Uhr vom französischen Schiedsrichter Vautrot angepfiffen. Bayer 04 spielt überlegen, ohne die Abwehr zu entblößen. Erich Seckler kommt mit dem spanischen Nationalspieler Francisco Carrasco gut klar, Alois Reinhardt engt die Kreise des Engländers Gary Lineker ein. Chancen für Barca gibt es in der ersten Halbzeit keine. Dafür setzt die Werkself immer wieder Nadelstiche. Direkt nach Anpfiff hat Kapitän Wolfgang Rolff eine große Chance. Die zweite folgt in der 22. Minute. Da zirkelt Tita eine Ecke auf den Kopf von Alois Reinhardt, dessen Weiterleitung kommt zu Cha, der sofort abzieht. Aber Zubizarreta lenkt den Ball um den Pfosten. Doch ab der 35. Minute nehmen die Spanier das Heft in die Hand. Barcelonas Abwehr steht immer sicherer, Schuster spinnt die Fäden im Mittelfeld. Bayer 04 hat nur noch einmal in der 55. Minute eine Torchance durch Bum-kun Cha. Nach dem Abpfiff ist Barcelona mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Aber auch die Werkself kann durchaus damit leben. Vor 100.000 Zuschauern in Nou Camp zu bestehen, erscheint zwar auf den ersten Blick unmöglich. Dennoch herrscht so etwas wie vorsichtiger Optimismus.

crop_19880302_Thomas_Hoerster_4.jpg

Vor dem Rückspiel in Barcelona müssen wir nach Frankfurt und verlieren dort mit 2:3. Am Dienstag, 8. März 1988, tragen wir unser Nachholspiel gegen Borussia Mönchengladbach aus und gewinnen durch zwei Tore von Tita mit 2:1. Freitagabend steigt dann das Derby gegen den 1. FC Köln im ausverkauften Ulrich-Haberland-Stadion. Ausverkauft bedeutet in diesem Fall 14.000 Zuschauer. Es wird ein richtig tolles Spiel mit zahlreichen Torraumszenen, rassigen Zweikämpfen, viel Tempo und Kampf. Am Ende sind beide Mannschaften mit dem 1:1 zufrieden. Die Werkself fliegt guten Mutes nach Barcelona.

Am Mittwoch, 16. März, wird dann um 21:15 Uhr das Viertelfinalrückspiel im Stadion Nou Camp angepfiffen. Es verlieren sich nur 20.000 Zuschauer im weiten Rund, und die angereisten 2.000 Bayer 04-Fans können sich von ihren Plätzen im Oberrang durchaus bemerkbar machen.

Von der ersten Minute an zeigt die Werkself ihr UEFA-Cup-Gesicht. Hoch konzentriert, aggressiv in den Zweikämpfen und spielfreudig nimmt Bayer 04 das Heft in die Hand, erarbeitet sich die eine oder andere kleine Torchance und lässt keine zu. Der FC Barcelona wähnt sich sicher und wartet geduldig auf Chancen, die sich nach Wiederanpfiff auch bieten. Aber in der 59. Minute schickt Herbert Waas auf der rechten Seite Christian Schreier mit einem herrlichen Steilpass auf die Reise. Dieser dringt in den Strafraum ein, Barcelonas Torwart Zubizarreta legt sich ihm in den Weg, foult ihn. Alles wartet auf den Pfiff – und dann kommt der Brasilianer Tita aus dem Hintergrund und drischt den Ball mit aller Konsequenz in die Maschen. 1:0 für die Werkself. In der letzten halben Stunde gibt es wütende Angriffe der Spanier, aber außer einer kleinen Chance von Bernd Schuster aus spitzem Winkel und einem Kopfball von Carrasco nach einem Freistoß springt nichts heraus. Dann foult der eingewechselte Falko Götz in der 85. Minute Carrasco. Den fälligen Elfmeter verschießt Bernd Schuster und die Bayer-Elf erkämpft einen am Ende verdienten 1:0-Sieg in Camp Nou. Die Nacht verbringt die Mannschaft noch in Barcelona an der Hotelbar – mit Bier und Zigarren. Samstag ist das nächste Spiel, aber so oft kommt es nicht vor, dass man den FC Barcelona schlägt und ins Halbfinale des UEFA-Pokals einzieht. Kapitän Wolfgang Rolff mahnt allerdings: „Das Gefühl ist schön, sicher. Aber erst mal warten jetzt eine Menge schwerer Aufgaben auf uns. Zum Feiern bleibt später noch Zeit.“ Wie recht er behalten sollte.

Am nächsten Morgen geht es wieder heimwärts. Der nächste Gegner in der Bundesliga ist Werder, in Bremen. Also kein leichtes Spiel und wie sich herausstellt: die Generalprobe für das UEFA-Cup-Halbfinale. Denn Bayer 04 bekommt hier das ungünstigste Los, das nur denkbar ist: Werder Bremen und dann zuerst zu Hause. Die Begeisterung in beiden Lagern hält sich in Grenzen. Das Bundesligaspiel hingegen begeistert alle. Mit frischem Selbstvertrauen aus dem Barcelona-Spiel geht die Werkself bis zur Halbzeit mit 2:0 in Führung. Christian Schreier trifft zweimal. Doch in der zweiten Halbzeit kocht das Weserstadion. Es rollt Angriff auf Angriff auf das Bayer 04-Tor. Nach einer Stunde schließt Karl-Heinz Riedle einen Angriff mit dem Anschlusstreffer zum 1:2 ab und der Druck wird immer größer. In der 86. Minute fällt der Ausgleich durch Manfred Burgsmüller und nur drei Minuten später das 3:2 für Werder – erneut durch Riedle. Wutentbrannt verlässt Erich Ribbeck die Trainerbank und verschwindet in den Katakomben. In der Nachspielzeit bekommt Bayer 04 einen Freistoß aus halbrechter Position, rund 30 Meter vom Bremer Tor entfernt. Tita hämmert den Ball rein zum 3:3-Endstand! Riesenjubel bei der Werkself. Trainer Ribbeck sagt lapidar nach dem Spiel: „Ich wusste, dass der Tita noch einen reinhaut, was soll ich mir das anschauen.“ Seine Wut über die verspielte 2:0-Führung ist noch nicht verraucht, aber die Mannschaft hat für sich gemerkt, dass man durchaus nicht chancenlos gegen den kommenden Deutschen Meister Werder Bremen in den beiden UEFA-Cup-Halbfinalspielen ist.

Drei Tage später, es ist der 22. März 1988, schlagen wir an einem Dienstagabend Schalke 04 mit 3:2, nach 1:2- Pausenrückstand. In der zweiten Halbzeit belagern wir den Schalker Strafraum und gewinnen hoch verdient durch die beiden Tore von Klaus Täuber und Erich Seckler. Mit 25:25-Punkten steht die Werkself auf Platz 7, zwei Punkte hinter Platz 6. Jetzt geht es nach Hannover, die 96er kämpfen als Aufsteiger gegen den Abstieg. Wir wollen dort unbedingt punkten. Es wird stattdessen die höchste Bayer 04-Niederlage in der Bundesliga. Hannover gerät in einen Spielrausch und jeder Schuss ist ein Treffer. Am Ende kassieren wir ein 1:6. In der letzten Partie vor dem Hinspiel im UEFA-Cup-Halbfinale gegen Werder Bremen am 6. April erlebt die Werkself ihr Waterloo.

Ähnliche News

Michael Ballack wird 50 | Geburtstagskind des Monats September I
Bayer 04 - 01.09.2026

Geburtstagskind des Monats 1: Michael Ballack wird 50

Michael Ballack wird am 26. September 1976 in Görlitz in der damaligen DDR geboren. Schon früh zeigt sich sein Talent für den Fußball. Nach dem Umzug seiner Familie nach Karl-Marx-Stadt, das heutige Chemnitz, beginnt er bei der BSG Motor „Fritz Heckert“ Karl-Marx-Stadt mit dem Fußballspielen, wobei er seine Fähigkeiten stetig weiterentwickelt. Ab dem siebten Schuljahr besucht er die Kinder- und Jugendsporthochschule und erhält eine systematische Sportförderung, die 1988, begründet mit seiner wachsenden Spielstärke, zu einem Wechsel zum FC Karl-Marx-Stadt führt. Mit 16 Jahren muss er aufgrund von Wachstumsproblemen ein halbes Jahr pausieren, aber dann ist Michael nicht mehr aufzuhalten.

Mehr zeigen
Zé Elias wird 50 | Geburtstagskind des Monats September II
Bayer 04 - 01.09.2026

Geburtstagskind des Monats 2: Zé Elias wird 50

José Elias Moedim Júnior, genannt Zé Elias, wird am 25. September 1976 in Sao Paulo geboren. Seine fußballerische Ausbildung erhält er bei Sport Club Corinthians Paulista, kurz Corinthians, und wird bereits mit 17 Jahren in die erste Mannschaft hochgezogen. Schon jetzt wird die PSV Eindhoven auf ihn aufmerksam, aber der Schritt nach Europa kommt für ihn noch zu früh. Der zweikampfstarke defensive Mittelfeldspieler etabliert sich in den folgenden drei Jahren bei den Profis. Mit Corinthians gewinnt Zé Elias 1995 die Stadtmeisterschaft von Sao Paulo und den brasilianischen Pokal. Mit seiner guten Übersicht, seinem Einsatzwillen und seiner sicheren Ballkontrolle trägt er wesentlich zum Erfolg seiner Mannschaft bei.

Mehr zeigen
Die Werkself im September 1976
Bayer 04 - 01.09.2026

Mottenkiste: Vor 50 Jahren – Kentschke-Tor reicht nicht

Im zweiten Jahr in der 2. Bundesliga Nord trifft die Werkself am 7. Spieltag im heimischen Ulrich-Haberland-Stadion auf die Fortuna aus Köln. Beide Mannschaften stehen punktgleich mit 7:5 Punkten auf den Tabellenplätzen 8 und 9.

Mehr zeigen
Von Szech bis Chicharito | Tore des Monats September
Bayer 04 - 01.09.2026

Tore des Monats: Von Szech bis Chicharito

Im Video seht ihr eindrucksvolle und wichtige Tore der Bayer 04-Geschichte aus dem Monat September. Es geht dabei nicht immer um die Schönheit der Tore, sondern es sollen euch auch besondere Spiele und Spieler in Erinnerung gerufen werden.

Mehr zeigen
Vor 25 Jahren – Die Vize-Triple-Saison 2001/02 | Geschichte des Monats September II
Bayer 04 - 01.09.2026

Geschichte: Vor 25 Jahren – Die Vize-Triple-Saison 2001/02 (September)

Der September startet mit einem Debakel, aber nicht für die Werkself: Die deutsche Nationalmannschaft mit den Bayer 04-Spielern Jens Nowotny, Michael Ballack und Oliver Neuville erleidet im Münchener Olympiastadion in der WM-Qualifikation eine 1:5-Schlappe gegen England. Und vor allem Jens Nowotny wird scharf kritisiert. Mit dieser Niederlage steht die direkte Qualifikation der DFB-Elf auf wackeligen Beinen.

Mehr zeigen