
Von der äußerst stimmungsvollen Atmosphäre beim Hinspiel im legendären Ibrox zehren wohl noch viele Rangers-Fans. Irgendwo müssen sie es auch. Denn der 3:1-Sieg von Bayer 04 am 12. März war für über viereinhalb Monate das letzte Pflichtspiel des Teams. Die schottische Liga war der Coronavirus-Pandemie zum Opfer gefallen und nicht fortgesetzt worden, die Rangers, zum Zeitpunkt des Abbruchs bei einem Spiel weniger 13 Punkte hinter Dauerrivale Celtic liegend, zum Vize-Meister erklärt worden. Damit wird der RFC in der kommenden Spielzeit in der 2. Qualifikationsrunde zur Europa League einsteigen.
In die neue Saison der schottischen Liga ist das Team von Steven Gerrard bereits am vergangenen Wochenende gestartet. Im ersten und einzigen Pflichtspiel zwischen den beiden Duellen mit der Werkself siegte Glasgow durch einen Treffer des ehemaligen Liverpool-Akteurs Ryan Kent mit 1:0 beim FC Aberdeen. Damit setzte sich der positive Trend fort, den die Rangers bereits zuvor in den Freundschaftsspielen gezeigt hatten. Vier Siege aus vier Tests standen im Juli, dabei kassierte das Team kein einziges Gegentor. Aufhorchen ließ Glasgow vor allem durch die beiden Siege gegen die französischen Topteams Olympique Lyon und OGC Nizza (jeweils 2:0). Sicher auch deshalb sieht Gerrard im Rückspiel in der BayArena trotz der Hinspiel-Niederlage durchaus noch Möglichkeiten für seine Elf. „Wir haben immer noch eine realistische Chance“, führte der ehemalige Weltklassespieler zuletzt aus. „Wir werden hinfahren und versuchen, eine Überraschung zu schaffen. Wir wissen um die Schwere der Aufgabe, aber wenn du das Rangers-Wappen trägst, gibst du niemals auf.“
Während der Corona-Spielpause haben sich die Rangers derweil einen alten Bekannten aus der Bundesliga geangelt: Leon Balogun, ehemals unter anderem für Fortuna Düsseldorf, Mainz 05 und den SV Darmstadt 98 am Ball, wechselte im Juli von Wigan Athletic nach Glasgow. Beim Auftakt in Aberdeen stand er gleich auf dem Feld – und erhielt auf Anhieb beste Kritiken. „Er hat in der Kabine eine Runde Applaus bekommen, was völlig verdient war“, verriet Gerrard nach dem starken Debüt des Innenverteidigers. Gegen Bayer 04 ist der mittlerweile 32 Jahre alte Abwehrspieler allerdings nicht spielberechtigt, da die Europa League noch zur Saison 2019/20 zählt.
Anders sieht es bei zwei weiteren Neuzugängen mit großen Namen aus. Der mittlerweile 37-jährige Routinier Jermain Defoe (57 Länderspiele für England) sowie Ianis Hagi, Sohn der rumänischen Spielmacher-Legende Gheorge Hagi, wurden beide im Sommer fest verpflichtet. Da sie zuvor aber bereits ausgeliehen und damit für die Europa League gemeldet waren, dürfen sie am Donnerstag in der BayArena auflaufen.
Nicht mehr mit von der Partie ist hingegen unter anderem Rechtsverteidiger Matt Polster, der im Hinspiel kurz vor Schluss eingewechselt wurde, in der Zwischenzeit aber in die USA zu New England Revolution gewechselt ist. Zudem haben in Ersatztorwart Wes Foderingham sowie den Defensiv-Akteuren Andy Halliday und Jon Flanagan drei weitere Spieler den Verein verlassen, die beim 1:3 gegen Bayer 04 noch auf der Bank saßen. Ihre Leistungsträger inklusive des europaweit begehrten Top-Torjägers Alfredo Morelos haben die Rangers aber bislang halten können.
Die Defensive war in der Vorbereitung und im Auftaktspiel gegen Aberdeen zwar das Prunkstück, für das Spiel gegen Bayer 04 muss Gerrard aber hoffen, dass keine weiteren Ausfälle in der Abwehrkette hinzukommen. Denn für den Donnerstag stehen für die Viererkette nur fünf Spieler zur Verfügung. Gerade auf den Außenverteidigerpositionen gibt es keinerlei Alternativen zu Borna Barisic (links) und Kapitän James Tavernier (rechts), nachdem Polster und Flanagan nicht mehr im Kader stehen und Neuzugang Calvin Bassey (Leicester City U23) – ebenso wie Balogun – noch nicht ins Geschehen eingreifen darf. Hinzu kommen die schwere Verletzung von Innenverteidiger Nikola Katic, der sich im Juli während der Saisonvorbereitung einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, sowie die Sperre von Abräumer Glen Kamara, der im Hinspiel die dritte Gelbe Karte im Wettbewerb gesehen hatte.
Unter Gerrard hat sich das Team bereits weiterentwickelt, allein das Erreichen des Achtelfinals in der Europa League ist schon der größte Erfolg auf internationaler Ebene seit neun Jahren (damals Aus im Achtelfinale gegen die PSV Eindhoven). Zudem haben die Rangers – gerade in der Offensive – einige junge und entwicklungsfähige Spieler wie Hagi, Kent und Morelos in ihren Reihen. Sie könnten den Verein – sei es durch Leistung oder durch das Geld, das sie bei einem Verkauf einbringen – in den kommenden Jahren zumindest ein bisschen näher heranbringen an den Glanz vergangener Tage.
Die Aufgabe in der BayArena wird für die Rangers eine schwierige. Drei Auswärtstore müssten den Schotten mindestens gelingen, um noch eine Chance auf das Viertelfinale zu haben. Die Herausforderung ist groß und Bayer 04 sicher der Favorit, doch die Schotten sind nach so langer Pause auch eine Art Wundertüte – zumal auch Bayer 04 seit über einem Monat kein Spiel mehr absolviert hat. Stellt sich also die Frage: Wer legt den wärmeren Kaltstart hin?

Auf dem Teppich bleiben – dank Bayer 04 können das nun zahlreiche Kinder aus der Region. Denn der Bundesligaklub spendete in der vergangenen Woche 100 Spieleteppiche an Kindertagesstätten in Leverkusen und Umgebung. In drei Kitas freuten sich die Kinder über den Besuch von zwei Akteurinnen der Bayer 04-Frauen und zwei Spielern aus der U19 der Werkself, die die schwarz-roten Geschenke persönlich vorbeibrachten.
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