
Endlich wieder zu Hause – mit diesen vier Worten lässt sich die Stimmung beim VfB vor dem Spiel gegen die Werkself wohl am besten beschreiben. Zweimal in Folge hatten die Stuttgarter zuletzt auf fremdem Terrain antreten müssen, der Ertrag war – wie bereits in der gesamten Saison – dürftig. In Hannover reichte es immerhin zum ersten Auswärtspunkt der Spielzeit, bei Werder Bremen ging das Team aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt am Samstag aber einmal mehr leer aus. Nur einen Zähler aus acht Spielen fuhren die Schwaben bislang in der Fremde ein. Ganz anders die Bilanz vor heimischem Publikum: In der Mercedes-Benz-Arena gab es für die meisten Teams bislang nichts zu holen, einzig der FC Augsburg trotzte den Cannstattern am 6. Spieltag ein 0:0 ab. Mit einem Sieg gegen Bayer 04 könnte der VfB in der Heimtabelle gar mit Tabellenführer Bayern München gleichziehen. Viel wichtiger jedoch im Schwabenland: Der Abstand auf die Abstiegsränge soll nach dem direkten Wiederaufstieg im vergangenen Jahr möglichst vergrößert werden. Aktuell liegen die Stuttgarter mit 17 Punkten (davon 16 aus Heimspielen) auf Tabellenplatz 13.
Der zweite Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte im Frühjahr 2016 hat nachhaltig Spuren hinterlassen beim Traditionsklub aus dem Südwesten der Republik. In Timo Baumgartl (im Bild, links), Emiliano Insúa, Daniel Ginczek und Christian Gentner (im Bild, Mitte) stehen gerade einmal vier Spieler noch im aktuellen Kader, die vor anderthalb Jahren den Gang in Liga zwei antreten mussten. Hannes Wolf (im Bild, 2. v. rechts), nach dem Abstieg als Cheftrainer installiert, setzt in erster Linie auf junge, unverbrauchte Talente – mit Erfolg. Als Zweitliga-Meister gelang dem VfB der direkte Wiederaufstieg. Um sich nun im Oberhaus wieder nachhaltig zu etablieren, holte der neue Sport-Vorstand Michael Reschke (ehemals Bayer 04 und Bayern München) im Sommer Erfahrung hinzu. In Ron-Robert Zieler, Holger Badstuber, Dennis Aogo und Rückkehrer Andreas Beck kamen gleich vier ehemalige Nationalspieler, die darüber hinaus auf zahlreiche Bundesliga-Einsätze zurückblicken können. Gemeinsam mit Kapitän Gentner hat das Quartett maßgeblich zur Stabilisierung der Stuttgarter Defensive beigetragen und soll den vielen jungen Spielern helfen, den nächsten Schritt zu machen.
Vor allem auswärts tut sich der VfB schwer, strukturierte Offensivaktionen zustande zu bringen. Zwar verfügt Hannes Wolf über konterstarke Außenbahnspieler wie Chadrac Akolo oder Josip Brekalo. Ein ausgewiesener Kreativspieler, der diese in Szene setzt, fehlt nach den Abgängen von Daniel Didavi und Alexandru Maxim in den vergangenen Jahren jedoch im Kader der Stuttgarter. Darunter leidet auch Mittelstürmer Simon Terodde (im Bild, rechts), der zuletzt immerhin zweimal in Folge Torschützenkönig der 2. Bundesliga geworden ist, in dieser Saison jedoch erst zwei Treffer beisteuern konnte. Sein hochveranlagter, aber verletzungsanfälliger Sturmkollege Daniel Ginczek fällt mit einem Muskelfaserriss für das Spiel gegen die Werkself wohl ebenso aus wie der langzeitverletzte Flügelstürmer Carlos Mané – zwei Spieler, auf die Wolf in seiner Offensive nur sehr ungern verzichtet.
Nach zahlreichen chaotischen und sportlich teils katastrophalen Jahren scheint es beim VfB derzeit wieder aufwärts zu gehen. Knapp 15 Millionen Euro Gewinn im Geschäftsjahr 2016 vermeldete der Verein auf der Mitgliederversammlung am vergangenen Sonntag. Ein wichtiger Grund dafür ist das wohl gleichzeitig größte Kapital der Schwaben: eine exzellente Jugendarbeit. Zuletzt konnten die Eigengewächse Antonio Rüdiger und Timo Werner gewinnbringend an größere Klubs verkauft werden – wie in den Jahren zuvor bereits ihre Nationalmannschaftskollegen Mario Gomez, Sami Khedira, Joshua Kimmich und Bayer 04-Keeper Bernd Leno. Somit kam es auch nicht überraschend, dass im Rahmen der Mitgliederversammlung die Vertragsverlängerungen von Timo Baumgartl und Berkay Özcan, – zwei weiteren Talenten aus der VfB-Jugend, die zuletzt in der ersten Mannschaft gesetzt waren – bekanntgegeben wurde. Setzen die Stuttgarter weiterhin konsequent auf diesen Weg, sollte sich der Verein bald wieder fest in der Bundesliga etabliert haben, ohne Jahr für Jahr gegen den Abstieg kämpfen zu müssen. Auch, wenn die ganz großen Sprünge nach vielen schwierigen Jahren vorerst wohl nicht zu schaffen sind.
Beim fünfmaligen deutschen Meister wäre wohl jeder erleichtert und zufrieden, wenn die Mannschaft in diesem Jahr nicht erneut bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt zittern müsste wie so häufig in den Jahren vor dem Abstieg. Bleibt die heimische Mercedes-Benz-Arena auch in der Rückrunde eine Festung und wahrt die Abwehr ihre Stabilität, sollte jedenfalls nichts dagegen sprechen, dass der Aufsteiger die Klasse hält. Mehr als eine Platzierung im Tabellenmittelfeld erscheint aufgrund der begrenzten spielerischen Möglichkeiten zwar wenig realistisch – aber mit zu hohen Zielen will man ja ohnehin vorerst sparsam sein im Schwabenland.


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