Sonstiges: Das Wunder von Leverkusen – Das Final-Hinspiel gegen Espanyol Barcelona – 35 Jahre danach

Zwei Spiele, ein Titel: Am 4. Mai 1988 steht in Barcelona das Final-Hinspiel des UEFA-Cups an, zwei Wochen später das Rückspiel in Leverkusen...
crop_19880521_Mannschaftsfoto_87_88_UEFA_Pokal.jpg

Das Hinspiel im „Sarria“

Am 3. Mai 1988 beziehen wir unser Quartier in Barcelona im „Princesa Sofia“. Im 14. Stock stehen zwei Wachposten vor dem Fahrstuhl und lassen keine ungebetenen Gäste in unsere Etage. Abends dürfen wir nicht im Stadion von Espanyol trainieren. Das „Sarria“ wurde nicht für uns geöffnet, denn der Rasen soll geschont werden, sagt Javier Clemente, Trainer von Espanyol. So kommen wir zum zweiten Mal in den Genuss, auf der Anlage des FC Barcelona zu trainieren. Ein Trainingsplatz direkt neben dem kleinen Stadion der zweiten Mannschaft, ganz normales Training ohne große Besonderheiten. Die Anspannung steigt langsam. Abends noch was essen und dann in Ruhe schlafen.
Am späten Nachmittag des 4. Mai trinken wir Kaffee, haben unsere Mannschaftssitzung und ziehen uns noch für ein paar Minuten auf unsere Zimmer zurück. Während der Busfahrt zum Stadion ist es extrem leise. Jeder ist in sich gekehrt und mit der eigenen Nervosität beschäftigt. Alle merken, dass es heute etwas Besonderes ist und als wir im Stadion ankommen, spüren wir, dass es auch für die Spanier ein großes Ereignis ist. Das alt-ehrwürdige, heute nicht mehr existierende Stadion „Sarria“ hat sehr steile Tribünen, und die Fans sind unglaublich laut. Die Kabine wirkt schmuddelig und man kommt durch eine enge Tür direkt auf den Platz. Der Geräuschpegel dringt von draußen in unsere Kabine. Nach dem Aufwärmen setze ich mich entspannt mit Handtuch über dem Kopf auf meinen Platz und versuche, in mich zu gehen. Dann gibt es noch ein paar abschließende Worte unseres Trainers und dann geht es raus in die „Hölle von Sarria“.

Espanyol ohne Schnörkel

Christian Schreier ist leider nicht rechtzeitig fit geworden. Peter Zanter ist verletzt, Erich Seckler gesperrt, Falko Götz und Herbert Waas sind angeschlagen. Waas spielt von Anfang an, Götz muss in der 18. Minute für Bum-kun Cha aufs Feld, der sich leider verletzt hat. Das Spiel beginnt gut für uns. Wir sind mutig, ohne große Chancen herauszuspielen. Wir verteidigen gut und lassen nur eine Torchance zu. Espanyol spielt nicht spanisch, sie bevorzugen den englischen Stil. Immer wieder lange Bälle und Kopfballduelle zwischen Alois Reinhardt und Losada, dem spanischen Mittelstürmer. Die ins Halbfeld tropfenden Bälle versuchen sie sich dann zu erarbeiten und auf dem direkten Weg zum Torerfolg zu kommen – ohne Schnörkel und ohne Tiki-Taka. Unsere Taktik geht auf. Wir haben die Lufthoheit, meine Vorderleute putzen alles weg, was in den Strafraum kommt, sowohl Bälle als auch Gegner. Bis zur 44. Minute. Falko Götz grätscht an der Außenlinie, Soler setzt sich gegen ihn durch, flankt scharf und hoch nach innen und Losada köpft den Ball an die Unterkante der Latte ins Tor: 1:0 – Espanyol und das fanatische Publikum toben. Dann ist Halbzeit. Ruhe, Ruhe, Ruhe, alles im Lot, nichts verloren, nichts passiert! Wir haben noch keins unserer internationalen Spiele verloren, also warum sollte das heute anders sein.

crop_19880504_Bayer_04.jpg

Wieder auf dem Platz, dauert es gerade mal vier Minuten, bis Soler mir aus zehn Metern Entfernung den Ball neben den Pfosten ins Tor jagt, 2:0. Das Stadion wird zum Tollhaus. Wir schauen uns bedröppelt an. Und nu? Was tun? Alles versuchen, um ein Tor zu schießen. Aber es kommt leider noch schlimmer. In der 57. Minute vertändelt Florian Hinterberger den Ball und Valverde jagt die Kugel in Grasnarbenhöhe vor das Tor. Losada macht einen Flugkopfball und es steht 3:0. Danach sind die Fans der Spanier kaum noch zu halten, sie rasten förmlich aus und feiern schon ab der 60. Minute den Gewinn des UEFA-Pokals. Die Mannschaft spielt das Spiel noch runter, und wir versuchen krampfhaft, einen Mittelweg zu finden zwischen „bloß irgendwie ein Tor schießen“ und „hoffentlich keins mehr kriegen“. Hätte Espanyol unsere Verunsicherung an diesem Tag ausgenutzt, wäre es nie zu einer Chance im Rückspiel gekommen.

Tiefes Schweigen

Unsere Emotionen, unsere Leidenschaft und unser Kampfgeist sind weg. Mit leerem Blick gehen wir vom Platz, lautlos unter die Dusche und schleppen uns kraftlos zum Bus. Wie konnte das geschehen? Nach 14 Spielen ohne Niederlage im UEFA-Pokal gibt es nun diesen Schlag, 90 Minuten lang völlig chancenlos. Gegen einen Gegner, der seine Chancen eiskalt nutzt, gegen ein Publikum, das enthusiastisch seine Mannschaft unterstützt und gegen uns selbst. Man kann nicht beschreiben, was in einem nach so einem Spiel vorgeht. Für mich bricht eine Welt zusammen. Alles, wofür ich in den letzten Monaten gelebt, trainiert und gespielt habe, ist verloren. Der Traum, MEIN Traum, ist geplatzt.

Wir nehmen unseren Platz im Flugzeug ein, mit uns fliegen Journalisten und VIP-Gäste. Es herrscht Schweigen, tiefes Schweigen. Dann nimmt unser Trainer Erich Ribbeck das Bordmikrofon in die Hand und wendet sich an alle Fluggäste, sowohl an Spieler als auch an Fans und Journalisten: „Jeder Spieler wird nochmal alles geben. Wir werden versuchen, das Unmögliche doch noch möglich zu machen.“

„Blablabla“, denke ich. Wie soll das denn noch zu drehen sein? Als wir in Köln/Bonn gelandet sind, gehen wir in unseren Bus. Ich weiß nicht, wer der Initiator ist, aber auf jeden Fall versammelt sich die komplette Mannschaft im hinteren Teil unseres Mannschaftsbusses. Dort haben wir eine große Sitzecke, der Rest verteilt sich auf die hintersten Sitzreihen. Das Thema ist klar und der Tenor auch. „Das kann es nicht gewesen sein. Wir haben uns nicht das ganze Jahr von Runde zu Runde gekämpft, um kurz vor Toresschluss so erbärmlich zu scheitern.“ Zu Hause finde ich wenig Schlaf.

Die Kabinenuhr

Am nächsten Morgen gehe ich dann auch völlig übermüdet zum Training. Ich setze mich auf meinen Platz, ziehe meine Schuhe aus und schaue kurz auf unsere Kabinenuhr an der Wand. Diese Uhr hängt schon seit Jahren in unserer Kabine und hat den Umzug von der alten Tribüne in die Container mitgemacht. Die Container beherbergen uns ja wegen des Umbaus momentan und dienen als Umkleidekabinen auch für Gegner und Schiedsrichter. Neben der Uhr hängt ein Zettel, auf dem steht: „Nur noch 13 Tage“. Ich sehe und lese den Zettel, erfasse aber nicht den Sinn. Nächster Tag, Freitag, 6. Mai, mittags vor dem Spiel in Hamburg. Abschlusstraining, Kabine. Ich setze mich, schaue auf die Uhr und sehe wieder diesen Zettel, die „13“ ist durchgestrichen, daneben steht jetzt „12“ – „Nur noch 12 Tage“. Jetzt habe ich verstanden. Diese Prozedur wiederholt sich jetzt jeden Tag. Mal wird ein neuer Zettel geschrieben, mal die alte Zahl durchgestrichen und durch die nächste ersetzt. Systematisch wird bis zum Rückspiel des Finales runtergezählt. Es kommt nie heraus, wer das alles instruiert hat, die Vermutung ist: unser Masseur Dieter „Tscholli“ Trzolek gemeinsam mit Tita. Beweisen kann es niemand und zugegeben hat es auch keiner, beide haben, darauf angesprochen, immer nur gegrinst.

Das nächste Bundesligaspiel gegen den HSV verlieren wir mit 2:3. Am Dienstag, 10. Mai, haben wir ein Nachholspiel gegen den VfB Stuttgart. Wir gewinnen mit 2:1. Das Wichtigste an diesem Spiel ist die Einweihung unserer neuen, sehr großen Anzeigetafel. Samstags dann noch ein 2:2 in Dortmund. Und genauso wie ich hier über die beiden Spiele schreibe, genauso wichtig waren sie uns. Nämlich gar nicht.

Ähnliche News

Minas Hantzidis wird 60 | Geburtstagskind des Monats Juli
Bayer 04 - 01.07.2026

Geburtstagskind des Monats 1: Minas Hantzidis wird 60

Minas Hantzidis wird am 4. Juli 1966 in Kettwig bei Essen geboren und wächst in Deutschland auf. Schon in jungen Jahren begeistert er sich für Fußball und wechselt noch in der Jugend vom Wuppertaler SV unter das Bayer-Kreuz. Der offensive und torgefährliche Mittelfeldspieler macht dann in seinem ersten Seniorenjahr bei Bayer 04 auf sich aufmerksam. In der Amateurmannschaft schießt er in der Hinrunde Tor auf Tor, trainiert bald bei den Profis mit und wird am 22. November 1985 beim Heimspiel gegen den FC Bayern München erstmals von Trainer Erich Ribbeck eingewechselt.

Mehr zeigen
Sascha Dum wird 40 | Geburtstagskind des Monats Juli
Bayer 04 - 01.07.2026

Geburtstagskind des Monats 2: Sascha Dum wird 40

Sascha wird am 03. Juli 1986 in Leverkusen geboren. Er ist der Sohn des ehemaligen Zweitligaspielers Manfred Dum, der vor allem für Union Solingen auf Torejagd ging, aber auch Spiele für den 1. FC Saarbrücken, SC Freiburg und den Wuppertaler SV bestritt. Sascha spielt schon früh in der Jugend des HSV Langenfeld. Dort fällt er den Scouts von Bayer 04 auf und wechselt in jungen Jahren unter das Bayer-Kreuz. Nach einem Wachstumsschub in der C-Jugend, der ihn zu einer neunmonatigen Pause zwingt, hat der Linksfuß schließlich die optimalen Voraussetzungen, um sich in der Bayer 04-Jugend durchzusetzen. Schon als U17-Spieler rutscht er in die A-Jugend. Ausgestattet mit einer immensen Geschwindigkeit, spielt Sascha vor allem im offensiven Mittelfeld. Technisch nicht der versierteste, aber ausgestattet mit einem scharfen Schuss, landet er im Sommer 2005 gemeinsam mit Gonzalo Castro, noch als A-Jugendlicher, beim Training der ersten Mannschaft.

Mehr zeigen
crop_19760723_B04_KSC_001.jpg
Bayer 04 - 01.07.2026

Mottenkiste: Vor 50 Jahren – Debakel in der Vorbereitung

Einen besseren Start in die neue Saison der 2. Bundesliga Nord 1976/77 hätte sich die Werkself nicht wünschen können. Zum Abschluss eines einwöchigen Trainingslagers im schleswig-holsteinischen Quickborn kommen die Schützlinge von Trainer Willibert Kremer zu zwei klaren Erfolgen über den BSC Brunsbüttel (5:0) und TuS Holstein Quickborn (6:0). Nach diesem Aufgalopp steht Bayer 04 am 23. Juli 1976 um 19.30 Uhr im Ulrich-Haberland-Stadion gegen den Bundesligisten Karlsruher SC eine erheblich schwierigere Aufgabe bevor.

Mehr zeigen
Vor 25 Jahren – Die Vize-Triple-Saison 2001/02 | Geschichte des Monats Juli
Bayer 04 - 01.07.2026

Geschichte: Vor 25 Jahren – Die Vize-Triple-Saison 2001/02 (Juli)

Am 27. Juni 2001 führen der neue Trainer Klaus Toppmöller und sein Co-Trainer Peter Hermann die Werkself zum ersten Training aus den Kabinen. Mit ihnen betreten die vier Neuzugänge Hans Jörg Butt, Yildiray Bastürk (mit einer Sondergenehmigung des VfL Bochum, weil sich Bayer 04 und der VfL noch nicht über die Ablösesumme einigen konnten), Zoltan Sebescen und Jugendnationalmannschafts-Rekordspieler Michael Zepek den Rasen des Trainingsplatzes 1.

Mehr zeigen
Hans Sarpei wird 50 | Geburtstagskind des Monats Juni
Bayer 04 - 01.06.2026

Geburtstagskind des Monats: Hans Sarpei wird 50

Hans Sarpei wird am 28. Juni 1976 in Tema in Ghana geboren und kommt mit seinen Eltern als Dreijähriger nach Deutschland, wo er in Köln aufwächst. Seine Mutter und sein Vater arbeiten schon vor seiner Geburt zeitweise in Hamburg im Import-Export-Bereich. Dort lernen sie einen älteren Mann kennen, der ihnen die deutsche Kultur näher bringt und sie unterstützt. Aus Dankbarkeit erhält Hans später dessen Vornamen, obwohl dieser Mann bereits vor seiner Geburt verstirbt. Hans stammt aus einer sportlichen Familie, sein älterer Bruder Edward sowie seine Neffen Hans Nunoo Sarpei und Kingsley Sarpei waren beziehungsweise sind ebenfalls Profi-Fußballer.

Mehr zeigen