Geschichte: Vor 75 Jahren – Die Saison 1950/51 (November)

Als unangefochtener Tabellenführer, begleitet von rund tausend fahnenschwenkenden Bayer 04-Anhängern, reist die Werkself am 5. Oktober 1950 ins benachbarte Solingen. Dort wartet im Stadion am Hermann-Löns-Weg die Elf von Union Ohligs auf den Spitzenreiter.
Mannschaftsfoto 22. November 1950

Der tiefe, unebene Rasen lässt gepflegten Kombinationsfußball kaum zu – folglich dominieren lange Bälle das Geschehen auf beiden Seiten. Die erste Halbzeit verläuft weitgehend ereignislos. Das Aufregendste: die immer wiederkehrenden Abseitsstellungen von Mittelfeldspieler Richard Job. Nach dem neunten Pfiff gegen ihn ist ein Spitzname geboren – aus „König Richard“ wird kurzerhand der „Abseits-Job“. Doch eben jener „Abseits-Job“ sorgt schließlich in der 65. Minute für den Durchbruch: Nach einer traumhaften Flanke von Theo Kirchberg vollendet er per Flugkopfball zur verdienten 1:0-Führung. In der Schlussphase spielt Bayer 04 seine überlegene Kondition aus, erspielt sich mehrere klare Torchancen – darunter ein verschossener Elfmeter von Hans Flohr – und erhöht durch denselben Spieler fünf Minuten vor dem Ende auf 2:0.

Mit diesem Sieg behauptet die Werkself souverän die Tabellenführung und geht selbstbewusst in eine zweiwöchige Punktspielpause. Doch ganz fußballfrei bleibt es nicht: Nur eine Woche nach dem Auswärtserfolg in Solingen gastiert der Südwest-Oberligist TuS Neuendorf zu einem Freundschaftsspiel im Leverkusener Stadtpark.

Am 12. Oktober ist um 14:30 Uhr Anstoß. 4.000 Zuschauer finden sich ein, um das Aufeinandertreffen zweier ambitionierter Mannschaften zu verfolgen – und werden nicht enttäuscht. Trotz drückender Überlegenheit gerät Bayer 04 zunächst in Rückstand. Doch nach dem Seitenwechsel dreht die Werkself auf: Emil Becks trifft zum Ausgleich, und Hans Steingans verwandelt einen Elfmeter zur 2:1-Führung. Bayer 04 beweist an diesem Nachmittag nicht nur Moral, sondern auch seine spielerische Klasse – ein weiteres Ausrufezeichen auf dem Weg in die Erstklassigkeit.

Am Sonntagmorgen des 19. Oktober 1950 macht sich die Bayer-Elf auf den Weg nach Köln. Gegner ist die noch junge Fortuna, nur eine Woche nach dem großen Rivalen 1. FC Köln gegründet – mit demselben Ziel: Aus mehreren Stadtteilmannschaften eine schlagkräftige Kölner Auswahl zu formen.

Der Fortuna-Platz liegt direkt am Rhein, an der Schönhauser Straße, und wird an diesem Tag von Bayer-Fans wie Spielern im Sturm erobert. Auf schwer bespielbarem, matschigem Boden entwickelt sich eine regelrechte Schlammschlacht – doch das technische Übergewicht der Gäste macht den Unterschied. Immer wieder stürmen die beiden Flügelflitzer Theo Kirchberg und Paul Wiorek über die Außenbahnen, reißen Lücken in die Kölner Abwehr. Zur Halbzeit steht es nach Treffern von Karl-Heinz Spikofski, Peter Röger und Theo Kirchberg bereits 3:0 – ein schmeichelhaftes Ergebnis für die Fortuna. In der zweiten Hälfte gestaltet sich das Spiel offener, doch Bayer bleibt gnadenlos effizient. Zwei weitere Tore von Kirchberg sowie Treffer von Wiorek und Job sorgen für einen überlegenen 7:1-Auswärtssieg.

Wenige Tage später, am Buß- und Bettag, steht das nächste Freundschaftsspiel an. Diesmal ist es ein echtes Lokalduell: Der VfL Leverkusen gastiert im Stadtpark. 3.000 Zuschauer finden den Weg ins Stadion – doch ein spannender Spielverlauf bleibt aus. Die Werkself dominiert nach Belieben, schickt die Nachbarn von der anderen Seite der Dhünn mit einem klaren 6:1 zurück über die Brücke an der Bismarckstraßen – und das mit einer besseren B-Elf.

Vier Tage später tritt die Stammmannschaft wieder an. Leverkusen ist im Fußballfieber – 6.000 Zuschauer wollen das Heimspiel gegen Union Krefeld sehen. Schon nach drei Minuten gibt es kein Halten mehr: Paul Wiorek hämmert den Ball aus dem Gewühl heraus mit seinem starken linken Fuß in die Maschen – das frühe 1:0. Doch danach verflacht das Spiel zusehends. Beide Teams verlegen sich auf lange Bälle, ein klassisches „Kick and Rush“ dominiert das Geschehen. Von den spielerischen Glanzlichtern aus der Vorwoche ist wenig zu sehen. Besonders Spielmacher Richard Job wird schmerzlich vermisst – es fehlt die ordnende Hand im Zentrum. Dennoch gelingt es Bayer 04, die knappe Führung über die Zeit zu retten. Mit dem siebten Sieg in Folge steht die Werkself nach dreizehn gespielten Spielen allein an der Spitze der 2. Oberliga West. Die Euphorie in Leverkusen wächst – der Traum von der 1. Oberliga lebt.

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