
Noch bevor das Museum des Vicente Calderón öffnet, kann man hier am Paseo del Puerta, einen Steinwurf entfernt vom Stadion, eintauchen in die Historie von Atlético Madrid. Hinten im Restaurant hängen Bilder, Fotos und Gemälde, die Atlético in allen Facetten und Epochen darstellen. Vorne, an der Theke, werden seit 8 Uhr morgens die ersten Bocadillos de Jamón über den Tresen gereicht, manche tunken ihre Churros, dieses köstliche Fettgebäck, in ihren Kakao. Oder trinken einen Cafe con leche. Keinen Cappuccino, keinen Latte irgendwas, sondern einen schlichten aber hervorragenden Kaffee mit Milch!
„Das erlebst du nicht alle Tage!“
Erstaunlich, dass man am frühen Dienstagvormittag schon die ersten Bayer 04-Fans am Vicente Calderón trifft. Erik, Christoph und Christoph wollen sich das Stadion, in dem sie die Werkself vor zwei Jahren schon einmal haben spielen sehen, dieses Mal bei einer Führung genauer anschauen. Die drei Freunde kommen aus Wiesbaden, Darmstadt und Mainz. „Als das Los auf Atlético fiel, haben wir sofort gebucht“, sagt Erik, der zwei Jahre lang eine Dauerkarte für die BayArena besaß und zu jedem Heimspiel aus Darmstadt angereist kam. „Das Calderón ist Kult, und bevor es abgerissen wird, wollten wir unbedingt noch mal diese fantastische Atmosphäre hier genießen.“
Dass das Stadion in die Jahre gekommen ist, sieht man bei jedem Schritt durch die Katakomben, über die Tribünen oder beim Blick in den Presseraum. „Aber das hat doch was. Und wenn ich an 2014 zurückdenke, dann kriege ich heute noch Gänsehaut“, erzählt Christoph. Nach dem Ausscheiden im Elfmeterschießen seien die Leverkusener Fans mit Applaus von den Atlético-Anhängern verabschiedet worden. „Das erlebst du ja auch nicht alle Tage“.
Aber die drei Freunde aus Rheinhessen sind nicht nur wegen des Fußballs für ein paar Tage nach Madrid gekommen. Sie haben sich auch ein bisschen in die Stadt verliebt, waren schon vor zwei Jahren begeistert von der kulturellen Vielfalt, von den engen Gassen im Zentrum mit ihren unzähligen Tapas-Bars.
Tapas und mehr
Madrid gilt als die Stadt mit der höchsten Kneipendichte in Europa. Davon werden sich die rund 1.200 mitgereisten Bayer 04-Fans in diesen Tagen gerne überzeugen. 40 von ihnen sind am Dienstagnachmittag mit dem Fanflieger aus Düsseldorf gekommen. Am Abend machen sie sich auf den Weg von ihrem Hotel am Retiro-Park ins Literatenviertel Huertas, in dem einst Miguel de Cervantes, Schöpfer des Don Quichote, lebte. Gut, auf den Spuren der Dichter und Denker will an diesem Abend niemand wandeln. Ziel ist das „Prada a Tope“ in der Calle del Principe. Ein klassisches spanisches Restaurant. Gleich am Eingang die lange Theke, dahinter die von der Decke hängenden mächtigen Schinken, weiter durch ein holzgetäfelter Raum mit Tischen und Stühlen. Die Bayer 04-Fans bringen Hunger mit, die Tapas reichen nur als Vorspeise, danach kommt Deftiges auf den Teller.
Es ist eine bunt gemischte Gruppe, die da an zwei langen Tischreihen den Abend miteinander verbringt. Tim ist der einzige, der auch äußerlich Farbe bekennt zu Bayer 04. Die anderen wollen sich erst am Mittwoch beim Spiel in die Fankluft werfen. Tim ist zwar erst 22 Jahre jung, hat aber trotzdem schon eine Menge Reisen zu internationalen Spielen mitgemacht. Simferopol, Barcelona, London, Paris, Charkow - der Lokführer aus Opladen war in den vergangenen sechs Jahren fast immer dabei. Sogar im Trainingslager in Orlando zählte er zu den wenigen mitgereisten Fans. Auch das letzte Spiel bei Atlético erlebte er vor Ort. Diesmal allerdings hegt er keine allzu großen Hoffnungen. „Ich fürchte, fußballerisch wird am Mittwochabend nicht viel gehen bei uns. Es wäre klasse, wenn wir uns so teuer wie möglich verkaufen“, sagt Tim und nimmt noch einen Schluck Bier.
Ljubischa Dragas sieht das ähnlich. Dabei hat der Montenegriner, der der Werkself schon seit 1996 die Treue hält, die Tickets für die Reise erst nach dem Hinspiel gebucht. „Wir werden wohl aussscheiden, aber man muss die Mannschaft doch auch in schwierigen Zeiten unterstützen.“ Genau! Friedhelm hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben und sich vorhin ein Schweineöhrchen gekauft, das auf der Vorderseite im Atlético-Look verziert ist. ”Sollten wir das Wunder schaffen, werde ich das nach dem Spiel genüsslich verzehren“, sagt der 61-Jährige mit einem Schmunzeln.
Una ultima cerveza, por favor!
Nach dem Essen im Prada a Tope machen sich einige ältere Fans zurück auf den Weg ins Hotel, andere wollen ins nahegelegene Museo del Jamón, ins Schinkenmuseum. Eine dritte Gruppe zieht weiter Richtung Plaza Santa Ana, wo sich am Mittwoch die meisten Bayer 04-Fans treffen werden. In der Calle de las Huertas, der Calle de Léon und überhaupt in diesem ganzen wundervollen Viertel reiht sich eine Tapas-Bar an die nächste. Eine netter als die andere. Aber auf Tapas hat jetzt keiner mehr Lust. Und irgendwie ist an diesem Dienstagabend auch gar nicht so viel los. Ist eben kein Wochenende. Nach unschlüssigem Hin- und Herschlendern landen wir schließlich - im Irish-Pub. Da steppt der Bär, da flimmern die Bildschirme, da fließt das Bier. Also gut: Una ultimata cerveza, por favor! Und dann zurück ins Hotel...


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