
„Das System wird Zeit brauchen.“ Fast schon gebetsmühlenartig wird dieses Credo bei Borussia Dortmund wiederholt, nachdem Lucien Favre (im Bild oben) als neuer Cheftrainer installiert worden ist. Nach den ersten sieben Pflichtspielen unter dem Schweizer darf konstatiert werden: Dortmund unter Favre zeigt enormes Potenzial, braucht aber wohl tatsächlich noch etwas Zeit, um es konstant zu entfalten – vor allem, wenn das Team nicht vor eigenem Publikum antritt. Im DFB-Pokal in Fürth und in der Champions League in Brügge zitterte sich Schwarz-Gelb durch späte Tore gegen auf dem Papier unterlegene Gegner zum Sieg, in der Liga spielte der BVB in Hannover und Hoffenheim zweimal unentschieden und konnte ebenfalls nicht überzeugen. Ganz anders sieht es im heimischen Signal-Iduna-Park aus: Ein furioses 4:1 über RB Leipzig zum Auftakt, ein souveränes 3:1 über Frankfurt und das überragende 7:0 gegen die Nürnberger, das den BVB auf Platz zwei der Tabelle katapultierte.
Es war ein verhältnismäßig großer Umbruch, der in Dortmund nach der zumindest spielerisch nicht zufriedenstellenden letzten Saison stattfand: Sokratis, Sahin, Castro, Schürrle, Batshuayi, Yarmolenko, Durm, Weidenfeller – alle weg. Witsel, Delaney, Alcacer, Wolf, Diallo, Hitz – alle da. Und natürlich: der Wechsel auf der Trainerposition. Unter Lucien Favre soll Borussia Dortmund nicht nur erfolgreichen, sondern auch attraktiven Fußball spielen. Das hatte gerade in der Rückrunde der vergangenen Saison so gar nicht mehr geklappt. Das Personal dafür steht dem Schweizer mit Spielern wie Marco Reus, Christian Pulisic oder Shinji Kagawa definitiv zur Verfügung. Was lange fehlte, war ein Mittelstürmer. Maximilian Philipp, der in diese Rolle hineinwachsen sollte, ist noch immer ohne Saisontreffer. Reus, der ebenfalls auf dieser Position ausprobiert wurde, wirkt im Sturmzentrum verschenkt, auch das Experiment Marius Wolf scheiterte zuletzt. So liegen alle Hoffnungen auf Paco Alcacer. Der 24-Jährige wurde kurz vor Ende der Transferperiode mitsamt einer Kaufoption vom FC Barcelona ausgeliehen, fehlte angeschlagen aber häufiger in seinem ersten Monat beim BVB. In seinem ersten Einsatz für die Borussia zeigte der Spanier gleich, was in ihm steckt, glänzte nach seiner Einwechslung gegen Frankfurt mit einem Tor und einem herrlichen Steilpass, der ein weiteres ermöglichte. Positiv für den BVB vor dem Spiel gegen Bayer 04: Innenverteidiger Abdou Diallo, vor der Saison aus Mainz gekommen, darf gegen die Werkself wieder mitspielen. Nachdem er gegen Hoffenheim eine Rote Karte gesehen hatte, wurde er nur für das Spiel gegen Nürnberg gesperrt. Da auch der Ex-Leverkusener Ömer Toprak noch verletzt ausfällt, hätte eine längere Sperre für Diallo während der englischen Wochen eine Personalknappheit in der Dortmunder Innenverteidigung ausgelöst.
Die Personalie Mario Götze schlägt in Dortmund derzeit große Wellen. Seit seiner Stoffwechselerkrankung im vergangenen Jahr kam der Weltmeister-Torschütze von 2014 nicht mehr richtig in Tritt und hat nun einen alles andere als leichten Stand, seit Favre das Ruder übernommen hat. In der Liga kam der 26-Jährige noch gar nich zum Einsatz, für das Auswärtsspiel in Hoffenheim und das Treffen mit Nürnberg am Mittwoch wurde er sogar aus dem Kader gestrichen. Auch Julian Weigl, ein weiterer ehemaliger Hoffnungsträger und Nationalspieler, steht nach langer Verletzung noch nicht voll im Saft, musste teilweise sogar in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga West ran. Dass beide Spieler dem BVB definitiv weiterhelfen könnten, wenn sie zu alter Stärke zurückfinden, steht außer Frage – genauso wie die Tatsache, dass die medialen Nebengeräusche, die gerade stattfinden, nicht gerade förderlich sind.
Der Kader des BVB ist nicht mehr so klangvoll besetzt wie noch vor zwei bis drei Jahren, als Hummels, Gündogan, Mkhitaryan, Dembele und Aubameyang noch für die Schwarz-Gelben spielten. Und trotzdem haben die Dortmunder gezeigt, dass sie sich in Deutschland weiterhin an guten Tagen vor niemandem verstecken müssen. Spieler wie Pulisic und der 18-jährige Jadon Sancho verfügen über ein enormes Entwicklungspotenzial und könnten in dieser Saison einen weiteren Schritt nach vorne machen – ebenso wie die beiden Innenverteidiger Abdou Diallo und Manuel Akanji oder Mittelfeldmann Mahmoud Dahoud. Auch wenn es in der Champions League schwierig werden könnte, die ganz großen Erfolge der jüngeren Vergangenheit zu wiederholen, ist dieser Mannschaft doch weiterhin einiges zuzutrauen. Das erste Jahr unter Favre soll nur der Beginn einer neuen Ära in Dortmund sein.
Der Saisonstart machte klar: Borussia Dortmund ist vielleicht noch nicht konstant genug, um dem FC Bayern die Meisterschaft streitig zu machen, doch dahinter ist Favres Team wohl der erste Anwärter auf die Champions-League-Plätze. Sollten die jungen Spieler sich unter dem erfahrenen Übungsleiter schnell weiterentwickeln und Alcacer das Problem in der Sturmspitze beheben, steht einer erneuten Qualifikation für die Königsklasse nichts im Wege – und Überraschungen in allen drei Wettbewerben sind durchaus möglich.


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