
Ein bisschen mehr hätten sie sich schon gewünscht gegen den Hamburger SV. Wirklich unzufrieden waren sie bei den Eisernen nach dem 0:0 gegen den Aufsteiger am vergangenen Sonntag dennoch nicht. „Am Ende musst du froh sein, dass du einen Punkt mitnimmst“, gestand Kapitän Christopher Trimmel nach einer Partie, in der die Gäste aus Hamburg vor allem in der ersten Hälfte mehr Spielanteile hatten. Wer weiß, wie das Duell verlaufen wäre, wenn Andrej Ilic in der zehnten Minute vom Elfmeterpunkt aus nicht an HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes gescheitert wäre.
Sei’s drum, mit dem Saisonstart insgesamt kann der 1. FC Union Berlin durchaus gut leben. Der Hauptstadt-Klub steht in der Liga aktuell auf Platz elf, hat nur einen Zähler weniger als die Werkself. „Wir müssen uns sicherlich nicht schämen, nach fünf Spielen sieben Punkte auf dem Konto zu haben“, sagte Co-Trainer Sebastian Bönig, der Chefcoach Steffen Baumgart gegen Hamburg an der Seitenlinie vertreten hatte. Baumgart war vom DFB-Sportgericht wegen unsportlichen Verhaltens beim 4:3-Auswärtssieg in Frankfurt für ein Spiel gesperrt worden.
Der Erfolg bei der Eintracht am 4. Spieltag war spektakulär. Nach dem frühen Tor der Gäste durch Ilyas Ansah bot insbesondere Oliver Burke eine Galavorstellung. Der Neuzugang von Werder Bremen traf dreimal und sorgte damit für eine zwischenzeitliche 4:1-Führung der Köpenicker. Erst in der Schlussphase kam Frankfurt noch einmal heran. Nach dem 2:1-Heimsieg gegen den VfB Stuttgart am 1. Spieltag war den Berlinern damit der zweite Dreier gegen ein Team aus dem oberen Tabellendrittel gelungen. Zwischendrin lagen allerdings auch zwei Niederlagen bei Borussia Dortmund (0:3) und gegen die TSG Hoffenheim (2:4). In der ersten Runde des DFB-Pokals hatte sich Union mit 5:0 beim Regionalligisten FC Gütersloh durchgesetzt.
Nach einer durchwachsenen Vorbereitung mit schwachen Testspiel-Ergebnissen stellt sich die Lage nun also ganz positiv für die Eisernen dar. „Hier wächst etwas zusammen“, sagt Christopher Trimmel. „Ich glaube, dass wir mit Ausnahme der zwei Niederlagen ganz gute Spiele abgeliefert haben. Man muss uns Zeit geben, ich bin nicht so unzufrieden.“
Auch mit seinen 38 Jahren ist Trimmel immer noch ein absoluter Leistungsträger bei den Köpenickern. Die Union-Legende spielt bereits seit 2014 für den Klub. Als rechter Schienenspieler verrichtet Trimmel seinen Dienst nach wie vor mit höchster Zuverlässigkeit. Der Österreicher steht am Samstag in Leverkusen vor seinem 367. Pflichtspiel für die Berliner. Gesetzt sein dürften für das Spiel bei der Werkself auch Diogo Leite, Leopold Querfeld und Danilho Doeki, die zuletzt die Dreierkette vor Torhüter Frederik Rönnow bildeten. Im Mittelfeld sind Rani Khedira und Janik Haberer erste Wahl. Beide zählen seit Jahren zu den Konstanten im Spiel der Unioner und sorgen oft als Duo für ein kompaktes Zentrum.
In der Offensive vertraute Baumgart in den vergangenen drei Spielen auf den Außenbahnen stets auf Oliver Burke und Ilyas Ansah, in der Sturmmitte agierte Andrej Ilic. Während der Ex-Bremer Burke eine gewisse Anlaufzeit bei seinem neuen Klub benötigte, schlug Ansah sofort ein. Der deutsche U21-Nationalspieler kam vom Zweitligisten SC Paderborn 07 und traf gleich bei seinem Bundesliga-Debüt doppelt für die Eisernen zum 2:1-Sieg gegen Stuttgart. Nach fünf Spielen stehen nun bereits vier Tore auf dem Konto des 1,97 Meter großen Stürmers. Beim Schotten Burke platzte der Knoten mit dem Dreierpack gegen Frankfurt – der erste Hattrick seiner Profikarriere. „Oliver kommt in Berlin langsam an, er hat die Ruhe bewahrt. Das war sehr gut“, lobte Baumgart den Neuzugang. Andrej Ilic, in der Vorsaison mit sieben Treffern zweitbester Union-Torschütze nach dem zum 1. FSV Mainz 05 gewechselten Benedict Hollerbach (9), ging als zentrale Spitze bislang zwar leer aus, glänzte aber dafür als Vorbereiter: Der Serbe legte fünf der acht Union-Tore auf, ist damit der beste Scorer der Köpenicker.
Verzichten muss Steffen Baumgart am Samstag nach wie vor auf Abwehrspieler Andrik Markgraf (Ermüdungsbruch) und Stürmer Livan Burcu (Fußverletzung).
In dieser Saison ist – zumindest bislang – alles ein bisschen anders als in den zurückliegenden Jahren. Stets galten die Köpenicker als besonders defensivstark. Nun haben sie in fünf Spielen bereits elf Gegentore schlucken müssen. Union offenbarte in der Abwehr Lücken, leistete sich einige individuelle Fehler. Obwohl die Berliner gewohnt robust zur Sache gehen und im Schnitt die zweitmeisten Zweikämpfe nach dem 1. FSV Mainz 05 bestritten, lässt ihre Zweikampfquote (47,2 Prozent) zu wünschen übrig. Nur der 1. FC Heidenheim weist hier einen noch schlechteren Wert auf. Gerade zu Hause im Stadion An der Alten Försterei tat sich Union zuletzt schwer. Nach dem 2:4 gegen die TSG Hoffenheim holte man am vergangenen Wochenende einen letztlich glücklichen Punkt gegen den HSV. „Das Pressing war nicht gut, da hat ein bisschen was gefehlt“, sagte Kapitän Christopher Trimmel nach dem 0:0. Und auch Co-Trainer Sebastian Bönig erkannte: „Wir hatten wenig Zugriff, es war nicht diese Energie und Power zu sehen.“
Genau diese Energie und Power macht aber den Union-Fußball aus. Leidenschaft, Zusammenhalt, intensive Sprints, hohe Laufbereitschaft – das gehört zur DNA der Köpenicker. Auch in dieser Saison. Dazugekommen ist aber eine neue Stärke: das Toreschießen. Acht Treffer in fünf Spielen – die für Union-Verhältnisse sehr gute Ausbeute hat zum einen mit der Umstellung auf ein 3-4-3-System zu tun. Zum anderen zünden auch die Neuzugänge Oliver Burke und Ilyas Ansah. Beide bringen nicht nur viel Tempo auf den Außenbahnen mit, sondern glänzen als Torschützen und erzielten zusammen sieben der acht Union-Tore. Perfekt in Szene gesetzt werden sie dabei oft von den zentralen Mittelfeldakteuren Rani Khedira und Janik Haberer sowie von Sturmpartner Andrej Ilic. Hohe Ballbesitzzeiten benötigen die Berliner gar nicht. Das schnelle Umschaltspiel und eine beeindruckende Effektivität im Abschluss sind die Trümpfe der Eisernen. Sowohl beim 2:1 gegen Stuttgart als auch beim 4:3 in Frankfurt sprachen zwar fast alle Spieldaten hinsichtlich Ballbesitz, Torschüssen, Pässen oder Flanken für die Gegner. Aber in der entscheidenden Statistik, bei den Toren, lag Union am Ende vorne. Fast jeder Konter der Berliner saß etwa gegen die Hessen. Nach der Partie bei der Eintracht sagte Steffen Baumgart: „Wir wollten bewusst auf das Umschaltspiel gehen, weil wir wussten, dass Frankfurt gerade mit dem Ball eine sehr gute Mannschaft ist.“ Gut möglich, dass der Trainer der Eisernen in Leverkusen auf eine ähnliche Taktik setzen wird.

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