Neu-Kapitänin Wich: „Mein Verhalten war sicher ein Zeichen“

Tagsüber hat sie mit Immobilien zu tun, abends und am Wochenende schnürt Jessica Wich ihre Fußballschuhe – und an Spieltagen trägt sie seit Saisonbeginn auch die Kapitänsbinde am Arm. Seit dem Sommer und dem Abgang von Merle Barth nach Potsdam haben die Bayer 04-Frauen in der 30-Jährigen ihre neue Spielführerin gefunden.
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„Laut ausgesprochen, dass ich bereit für das Amt wäre, habe ich es nicht. Aber mein Verhalten auf und neben dem Platz, wie ich vorangehe, ist sicher ein Zeichen für den Trainer (Achim Feifel, Anm. d. Red.) gewesen“, vermutet die Mittelfeldspielerin. „Ich freue mich sehr über das Vertrauen. Das Kapitänsamt ist eine tolle Wertschätzung.“

Seit mehr als sechs Jahren trägt Wich mittlerweile das Kreuz auf der Brust, ist nach Torhüterin Anna Klink die dienstälteste Spielerin in der ersten Mannschaft und zählt längst zu den absoluten Führungspersönlichkeiten im Team. Doch unabhängig davon, ob mit oder ohne Binde am Arm: „Ich gebe grundsätzlich immer einhundert Prozent. Ich fühle mich jetzt allerdings verpflichtet, noch mehr auf dem Platz zu kommunizieren. Mehr als ohnehin schon“, so Wich, die auf ihrer Position im zentralen Mittelfeld bereits vorher den Ton angegeben hat.

Erst Büro, dann Trainingsplatz

In dieser Rolle sei sie nach eigener Darstellung „unangenehm“ – für die Gegenspielerinnen selbstverständlich. Außerdem attestiert sich „Jess“ Ehrgeiz und Zweikampfstärke. Geht es aber darum, mit der Schiedsrichterin zu diskutieren, bleibt sie ruhig. „Ich bin nicht der Typ, der aggressiv aufspringt und rumschreit – das kann allerhöchstens in der 70. Minute nach mehreren vorausgegangenen Fehlentscheidungen passieren“, gibt sie grinsend zu. Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. „Mit ruhigen Gesprächen kommt man doch ein Stück weiter, gerade im Frauenfußball bei den weiblichen Unparteiischen. Das hat sich bisher immer bewährt.“

Auch außerhalb des Platzes zählt Wich eher zu den besonnenen Gesellen. „Dafür, dass ich eine der ältesten aus der Mannschaft bin, bin ich aber schon hin und wieder ein bisschen verrückt und rede relativ viel Quatsch.“

© Bayer 04 Leverkusen Fussball GmbH

Ruhig geht es zumeist in ihrer Wohnung zu, oft zu Hause ist die Wahl-Leverkusenerin nämlich nicht. Morgens um halb acht beginnt ihr Tag im Büro. Allerdings nicht ohne Koffein-Zufuhr – der erste Weg nach dem Aufstehen führt zur Kaffeemaschine. Als Immobilienkauffrau arbeitet sie tagsüber in Vollzeit, ehe am Abend die Trainingseinheiten anstehen, und der Tag dann gegen 21.30 Uhr endet. „Man gewöhnt sich daran“, sagt sie achselzuckend. „Es gibt schon die eine oder andere harte Woche. Aber ich kann mir die Arbeitszeiten mit der Gleitzeit-Regelung glücklicherweise relativ flexibel gestalten.“

Was lange Tage bedeuten, lernte Jessica schon früh: Mit 16 Jahren wechselte das Nachwuchstalent von ihrem Heimatverein im bayerischen Kronach zum 200 Kilometer entfernten Zweitligisten SC Regensburg. Dreimal pro Woche pendelte sie mit dem Zug dorthin, eine weitere Trainingseinheit konnte sie beim DFB-Stützpunkt in ihrer Region mit den Junioren absolvieren.

Champions-League-Triumph mit Potsdam

Nach einer Saison gelang Wich dann der Sprung zum Bundesliga-Klub Turbine Potsdam. Drei deutsche Meisterschaften, einen DFB-Pokal-Sieg und den Gewinn der Champions League später schloss sie sich dem Hamburger SV an, um nach einer Verletzung wieder Spielpraxis zu sammeln. Nachdem der HSV die Frauen-Mannschaft vom Spielbetrieb abgemeldet hatte, wollte sie mit dem 1. FFC Frankfurt (jetzt Eintracht Frankfurt) noch einmal oben in der Bundesliga-Tabelle anklopfen und lebte sich dort zwei Jahre lang als Vollzeit-Fußballerin aus, ehe sie den Schritt unters Bayer-Kreuz ging. „Jede Station hatte ganz viel Positives, ich habe schöne Erinnerungen an jede einzelne“, blickt Wich zurück.

Seit sechs Jahren läuft sie nun mit dem Kreuz auf der Brust auf. „Das Grundkonzept hatte damals gut gepasst; es war eine junge, hungrige Mannschaft, in der ich mich auch gesehen hatte. Seitdem haben wir uns weiterentwickelt. Die Bedingungen hier sind noch besser geworden. Zudem habe ich hier in Leverkusen auch privat Fuß gefasst – eine Arbeitsstelle gefunden, Freundschaften geschlossen. Ich fühle mich im Verein sehr wohl, es ist alles sehr eng und familiär“, erzählt sie. „Es gab nie einen Grund, von hier wegzugehen.“

Zur Person:
Geboren am: 14. Juli 1990 in Kronach (Bayern)
Bei Bayer 04 seit: 2014/15
Bisherige Stationen: SC Regensburg (2006-2007), 1. FFC Turbine Potsdam (2007-2011), Hamburger SV (2011-2012), 1. FFC Frankfurt (jetzt: Eintracht Frankfurt, 2012-2014)
Nationalmannschaften: Deutschland U15-U23
Erfolge: UEFA Women’s Champions League Siegerin 2010 (mit Potsdam), Deutsche Meisterin 2009, 2010, 2011 (alle mit Potsdam), DFB-Pokal-Siegerin 2014 (mit Potsdam), DFB-Hallenpokalsiegerin 2008, 2009, 2010 (mit Potsdam), 2015 (mit Bayer 04), Aufstieg in die Bundesliga 2018 (mit Bayer 04), Halbfinalistin der U19-Europameisterschaft 2008, U20-Weltmeisterin 2010

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