
Es gibt Trainerwechsel, die effektlos verpuffen, aber auch solche, die von Beginn an einschlagen. Als die Verantwortlichen in Stuttgart Ende Januar den durchaus beliebten Aufstiegstrainer Hannes Wolf nach sechs Niederlagen aus sieben Spielen durch Tayfun Korkut ersetzten, schlug ihnen zunächst ein negatives Echo entgegen – auch aus den eigenen Reihen. Doch die Installation des 44-Jährigen, der davor Bayer 04 am Ende der vergangenen Saison als Interimstrainer betreut hatte, sollte definitiv in die zweite Kategorie der Trainerwechsel fallen. Vier der ersten fünf Spiele konnte die Mannschaft unter dem gebürtigen Stuttgarter gewinnen, insgesamt steht in bislang elf Partien nur eine einzige Niederlage (0:3 in Dortmund Anfang des Monats) zu Buche. Am vergangenen Wochenende dann die Krönung der Erfolgsserie: Durch den 2:0-Heimerfolg über Werder Bremen besiegelten die Schwaben, die bei Korkuts Übernahme noch massiv vom Abstieg bedroht waren, frühzeitig den Klassenerhalt. Sogar der Einzug in die Europa League ist für den derzeit auf Rang zehn stehenden VfB noch möglich. Bis auf Platz sieben, der womöglich für das europäische Geschäft reichen könnte, fehlen den Stuttgartern vier Punkte.
Neben Korkut ist der Aufschwung des VfB in der Rückrunde untrennbar mit einem Namen verbunden: Mario Gomez. Der Nationalstürmer, im Winter nach achteinhalb Jahren Abstinenz nach Stuttgart zurückgekehrt ist, brachte die nötige Torgefahr in die in der Hinrunde teils mehr als harmlose Offensive der Schwaben. Sechs Treffer markierte der 32-Jährige bislang für den VfB: mehr als alle seiner Kollegen, die bereits seit Saisonbeginn unter Vertrag standen, und vor allem eminent wichtig für die Mannschaft. Jedes von Gomez‘ Toren führte unmittelbar zu Punktgewinnen. Zuletzt allerdings blieb der Angreifer in vier aufeinanderfolgenden Spielen ohne Erfolg. Dafür spielte sich mit Erik Thommy ein weiterer Winterneuzugang in den Fokus. Der 23-Jährige avancierte in der vergangenen Saison unter Bayer 04-Coach Heiko Herrlich bei Jahn Regensburg zu einem der besten Spieler der 3. Liga, kam anschließend bei seinem Heimatverein FC Augsburg aber nicht auf die gewünschten Einsatzzeiten. Nach seinem Wechsel an den Neckar überzeugte der agile Flügelspieler auf der linken Seite der Stuttgarter, unter anderem mit zwei Toren und vier Vorlagen und steht nun für das lange vermisste spielerische Element in Korkuts Team. In der weitgehend stabilen Defensive muss der Erfolgscoach hingegen ein Loch stopfen: Ex-Nationalspieler Andreas Beck fällt mit einer Kreuzbandverletzung bis Saisonende aus. Zuletzt gegen Bremen wurde er auf seiner Rechtsverteidiger-Position vom gelernten Innenverteidiger Timo Baumgartl ersetzt. Das Eigengewächs wird wohl auch gegen Bayer 04 dort auflaufen.
Auch wenn die Verpflichtungen von Gomez und Thommy das Offensivspiel deutlich aufwerteten – dieser Bereich bleibt die Schwachstelle des Teams aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Nur die beiden Abstiegskandidaten Freiburg (26) und Hamburg (24) erzielten in der laufenden Saison weniger Tore als der VfB (29), auch unter Korkut war es zumeist die Defensive, die die Spiele für die Schwaben gewann. Der Ausfall des von Sporting Lissabon geliehenen Portugiesen Carlos Mané, der in der 2. Liga zum Star avancierte, die laufende Saison aber aufgrund mehrerer schwerwiegender Verletzungen ohne einen einzigen Einsatz beenden wird, war auch durch die Thommy-Verpflichtung kaum aufzufangen. Ein deutliches Indiz für den Mangel an Qualität im spielerischen Bereich: Korkut setzte seit Amtsantritt auf der rechten Offensivposition mit Kapitän Christian Gentner einen Spieler ein, dessen Stärken zweifellos im zentralen defensiven Bereich liegen.
Der vorzeitige Klassenerhalt gibt Stuttgarts Sport-Vorstand Michael Reschke, von 1979 bis 2014 in verschiedenen Positionen für Bayer 04 tätig, die Möglichkeit, den Kader für die kommende Saison frühzeitig zu planen. Die Voraussetzungen dafür stehen gut: Der Verein hat den Ausrutscher Zweitliga-Abstieg wirtschaftlich gut verkraftet, verfügt immer noch über die Struktur eines Vereins für die obere Bundesliga-Tabellenhälfte. In der Mannschaft stimmt das Gleichgewicht zwischen jungen Eigengewächsen wie Timo Baumgartl und Berkay Özcan, dem gegen Bremen sein erstes Bundesliga-Tor gelang – und erfahrenen Routiniers wie Beck, Gentner und Gomez, die trotz diverser Zwischenstationen ebenfalls allesamt aus der VfB-Jugend stammen. Hier liegt das enorme Potenzial des Vereins: Die seit jeher ausgezeichnete Arbeit im U-Bereich, die in den vergangenen Jahren unter anderem Nationalspieler wie Werner, Kimmich, Khedira, Rüdiger oder Bayer 04-Keeper Bernd Leno hervorbrachte, sollte den Stuttgartern auch in Zukunft einen sicheren Platz in der deutschen Elite-Liga sichern.
Die laufende Spielzeit wird für die Stuttgarter letztlich sorgenfrei zu Ende gehen. Das Saisonziel Klassenerhalt wurde überraschend früh unter Dach und Fach gebracht – als Aufsteiger alles, was man von der vor der Saison stark veränderten Mannschaft erwarten konnte. Möglich wäre sogar noch die Krönung mit dem Einzug ins internationale Geschäft. Platz sieben, der dafür reichen könnte und derzeit vier Punkte entfernt liegt, wird es aber aller Voraussicht nach wohl nicht mehr werden für den VfB. Nach der schweren Auswärtsaufgabe am Samstag in der BayArena warten auf Korkuts Elf mit Hoffenheim und dem FC Bayern zwei weitere schwere Brocken zum Saisonabschluss.

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