
Die Meldung am Mittwochnachmittag kam für viele durchaus überraschend: Thomas Hitzlsperger wird seinen Vertrag als Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart nicht verlängern. Im Herbst 2022 ist Schluss für den ehemaligen Mittelfeldspieler, der 2007 mit den Schwaben deutscher Meister geworden ist. „Ich empfinde große Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre und bleibe dem VfB auch in Zukunft emotional eng verbunden“, erklärte der 39-Jährige. Seit seinem Amtsantritt 2019 hatte er gemeinsam mit Präsident Claus Vogt, Sportdirektor Sven Mislintat und Trainer Pellegrino Matarazzo für einen deutlichen Aufschwung am Neckar gesorgt, der den Klub aus der 2. Bundesliga zurück zu einer respektablen Marke im deutschen Oberhaus geführt hatte. Als Aufsteiger verzückte der VfB mit jungen Spielern und begeisterndem Offensivfußball die Liga und verpasste am Ende als Neunter nur knapp die Conference League. Auch die ersten beiden Pflichtspiele der laufenden Saison wurden mit 6:0 im DFB-Pokal gegen den BFC Dynamo und mit 5:1 gegen die SpVgg Greuther Fürth zur Angriffs-Gala. Seitdem ist aber ein wenig Sand ins schwäbische Getriebe geraten. Nach zwei Niederlagen in Leipzig (0:4) und gegen Freiburg (2:3) erreichte Matarazzos Team aber zuletzt in Frankfurt trotz Unterzahl noch einen Punkt der Moral, den der Coach im Nachgang als „extrem wichtig“ einstufte. Denn: „Er kann uns in Sachen Mentalität Rückenwind geben.“
Dass es beim VfB noch nicht ganz optimal läuft, hat auch mit dem großen Verletzungspech zu tun, das die Schwaben in dieser Spielzeit verfolgt. Die beiden Shootingstars der vergangenen Saison, Außenbahnspieler Silas und Mittelstürmer Kalajdzic, fallen derzeit beide aus – und werden auch noch länger fehlen. Während Silas nach seinem im Frühjahr erlittenen Kreuzbandriss wohl noch bis November ausfallen wird, kommt Kalajdzic nach einer in Leipzig erlittenen Schulterverletzung in diesem Jahr wohl gar nicht mehr zum Einsatz. Und auch rund um die beiden Stars der Vorsaison ist das Offensivpersonal beim VfB derzeit ausgedünnt. Der 17-jährige Stürmer Mohamed Sankoh zog sich beim Auftaktspiel eine schwere Knieverletzung zu und fehlt monatelang; für Neuzugang Chris Führich, der wegen eines Schlüsselbeinbruchs noch kein Pflichtspiel für seinen neuen Verein bestreiten konnte, kommt das Spiel gegen die Werkself wohl ebenfalls noch zu früh. Und auch Philipp Förster ist wegen eines Infekts für die Partie fraglich. In der Defensive ist die Verletztenliste zwar deutlich kürzer, einen neuen Ausfall hat Stuttgart aber auch hier zu beklagen: Innenverteidiger Waldemar Anton sah in Frankfurt nach einer Notbremse die Rote Karte und fehlt gegen die Werkself gesperrt.
Immerhin: Es gibt auch positive Meldungen personeller Natur. So feierte Mittelfeldspieler Orel Mangala in Frankfurt nach sechsmonatiger Verletzungspause sein Comeback als Einwechselspieler und könnte nun gegen Bayer 04 erstmals ein Kandidat für die Startelf sein. Und: Omar Marmoush, kurz vor Transferschluss vom VfL Wolfsburg ausgeliehen, überzeugte bei seinem Debüt im VfB-Dress, war in Frankfurt nicht nur der Torschütze zum 1:1, sondern ständiger Aktivposten im Angriff. „Man hat gesehen, dass er sehr gut ist, auch wenn er wenig Platz bekommt“, lobte Matarazzo.
Nach den schweren Verletzungen von Silas und Kalajdzic ist noch ein Senkrechtstarter der vergangenen Saison übrig geblieben: Der Japaner Wataru Endo ist zwar „schon“ 28 Jahre alt, spielte sich aber in der abgelaufenen Bundesliga-Saison nicht nur in die Herzen der VfB-Fans, sondern auch in den Fokus aller, die regelmäßig Spiele der Stuttgarter verfolgen. Endo verzeichnet im defensiven Mittelfeld unzählige Balleroberungen, ist dazu enorm laufstark und weiß auch, Gegenangriffe einzuleiten. Gemeinsam mit Mangala, der ihm nun wieder zur Seite stehen wird, war Endo in der vergangenen Saison das Herzstück in Matarazzos 3-4-2-1-System. Seit dieser Saison ist Endo, der im Sommer mit Japan nur knapp eine Medaille bei den Olympischen Spielen im eigenen Land verpasste, auch Kapitän des VfB – und scheint sich auch immer mehr vor dem gegnerischen Tor wohlzufühlen: An den ersten vier Spieltagen verzeichnete er bereits einen Treffer und eine Vorlage.
Noch fehlt Stuttgart die starke Balance, die das Team über weite Strecken der Vorsaison ausgezeichnet hat. Bei den Niederlagen in Leipzig und gegen Freiburg präsentierte sich das Team defensiv anfällig, neun Gegentore und insgesamt 63 zugelassene Torschüsse bedeuten jeweils den vierthöchsten Wert an den ersten vier Spieltagen in der Bundesliga. In Frankfurt stellte Matarazzo sein Team dann deutlich defensiver ein, um die notwendige Stabilität zu gewährleisten. Das funktionierte auch – allerdings nur auf Kosten der Offensive, die größtenteils nicht großartig zum Zug kam; Stürmer Marmoush war häufig auf sich alleine gestellt.
Die Verletzungen einiger Leistungsträger haben den VfB schwer gebeutelt. Der Fußball, den die Schwaben über weite Strecken in der Vorsaison zeigten, ist damit vorerst wohl nur schwer zu wiederholen. Dennoch verfügt die Mannschaft über genug Talent und Entwicklungspotenzial, um auch in dieser Saison wieder eine gute Rolle in der Bundesliga zu spielen – und sollten Silas und Kalajdzic nach ihren Verletzungen wieder zu alter Stärke zurückfinden, könnte der VfB zu einem der Teams der Rückrunde werden.

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