
Der Sieg im Spitzenspiel: plötzlich Nebensache. Der dadurch nahende neunte Meistertitel: ebenfalls. Nach dem 3:2-Erfolg in Wolfsburg verkündete Bayern-Coach Hansi Flick, den Verein im Sommer verlassen zu wollen – und wurde damit in der deutschen Sportmedienlandschaft zum Thema Nummer eins. Dabei ist trotz Flicks klarer Ansage („Ich möchte am Ende der Saison aus meinem Vertrag raus!“) noch nicht endgültig geklärt, ob es auch so kommt. „Ich habe nur den Wunsch geäußert“, stellte der Erfolgstrainer klar. „Ich weiß auch, dass ich einen Vertrag habe.“ Und der gilt noch bis 2023.
Sollte der Abgang Realität werden, würde im Sommer eine gut eineinhalbjährige Erfolgsgeschichte enden. Flick hatte die Bayern im November 2019 zunächst interimsweise übernommen und im Anschluss alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Deutscher Meister, DFB-Pokalsieger, Champions-League-Sieger, DFL- und UEFA-Super-Cup-Sieger und schließlich auch noch Klub-Weltmeister – mehr geht nicht. In dieser Saison kann es nun nur noch ein Titel werden – der allerdings ist seit dem Samstag sehr wahrscheinlich. Nach dem frühen Aus im DFB-Pokal gegen Holstein Kiel und dem knappen Scheitern gegen Paris Saint-Germain im Champions-League-Viertelfinale liegt der FC Bayern voll auf Kurs 31. Meisterschaft. Die Münchner nutzten das Remis von Verfolger RB Leipzig am Freitagabend, besiegten auch die in dieser Saison so starken Wolfsburger auswärts und haben nun sieben Punkte Vorsprung auf Rang zwei. Gegen die Werkself könnte der FCB also einen großen Schritt in Richtung Schale machen. Es könnte eine Art Abschiedsgeschenk für Flick werden.
Bei all den Nebengeräuschen der vergangenen Tage rund um den FC Bayern geriet der Name Robert Lewandowski beinahe schon ein wenig in Vergessenheit. Dabei kann der aktuelle Weltfußballer noch immer die historische 40-Tore-Marke von Gerd Müller aus der Saison 1971/72 knacken. Es wäre sogar sehr wahrscheinlich gewesen, hätte der Pole sich nicht bei der Nationalmannschaft eine Bänderdehnung zugezogen. Die wird ihn aller Voraussicht nach nun auch noch das Spiel gegen die Werkself kosten. Lewandowski befindet sich mittlerweile zwar wieder im Training, wird dem Vernehmen nach aber erst am kommenden Wochenende gegen den 1. FSV Mainz 05 wieder im Aufgebot stehen.
Neben Lewandowski dürften auch noch weitere Stammspieler ausfallen. Die Einsätze von Niklas Süle (Muskelfaserriss) sowie Serge Gnabry (Coronavirus) gelten als unwahrscheinlich. Offen ist noch, ob Mittelfeldmann Leon Goretzka gegen die Werkself mitwirken kann. Der Nationalspieler galt eigentlich als Option für einen Kaderplatz in Wolfsburg, seine Oberschenkelzerrung ließ dann aber doch noch keinen Einsatz zu. Die FCB-Personaldecke war dadurch gerade in der Mittelfeldzentrale stark ausgedünnt, da auch Corentin Tolisso nach seinem im Februar erlittenen Sehnenriss noch keine Option darstellt, und Marc Roca zuletzt mit einer Knieprellung ausfiel. Zudem muss Flick gegen die Werkself aller Voraussicht nach auf Offensivmann Douglas Costa verzichten, für den das Spiel nach Haarriss im Mittelfuß wohl noch zu früh kommt.
Dass die Bayern selbst ohne Weltfußballer Lewandowski und Co. noch nahe dran am Weiterkommen gegen PSG waren und das Auswärtsspiel in Wolfsburg siegreich gestalten konnten, sagt eigentlich schon alles aus über die Qualität dieses Teams. Welche ungemeine Durchschlagskraft vor allem in der Offensive steckt, zeigte vor allem die erste Hälfte gegen die Wölfe. Ohne Lewandowski, ohne Gnabry und auch ohne den zunächst geschonten Kingsley Coman gelangen den Bayern drei Treffer gegen die zweitbeste Defensive der Liga. Thomas Müller verzeichnete bereits seine 17. Torvorlage in dieser Saison und jagt damit seinen eigenen Bundesliga-Rekord aus dem Vorjahr (21), zudem glänzte der erst 18-jährige Jamal Musiala mit seinem ersten Bundesliga-Doppelpack und ist nun der jüngste Spieler der Liga-Historie mit sechs Treffern im Oberhaus. Allerdings: Sollte Werkself-Juwel Florian Wirtz bis Saisonende noch ein Tor gelingen, wäre Musiala diesen Rekord wieder los.
Der sehr attraktive Spielstil, den die Bayern unter Flick pflegen, ging in dieser Saison häufiger auf Kosten der Defensive. Trotz eines Torwarts namens Manuel Neuer, der noch immer absolute Weltklasse verkörpert, kassierte der Tabellenführer schon 38 Gegentore und liegt damit im ligaweiten Vergleich nur auf Platz fünf – beispielsweise hinter der Werkself. In gerade einmal 7 der 29 Spiele behielt Neuer die „Weiße Weste“ – zu wenig für die Ansprüche des Rekordmeisters. Zum Vergleich: Lukas Hradecky kommt auf ein Zu-Null-Spiel mehr – obwohl er fünfmal verletzungsbedingt passen musste.
Nach dem vergangenen Wochenende deutet alles auf die nächste Meisterschaft des FC Bayern hin. Selbst eine beispiellose Verletzungsmisere, das Champions-League-Aus und diverse Nebengeräusche konnten die Mannschaft zuletzt nicht bremsen – und die Werkself ist Bayerns letzter Gegner aus dem oberen Tabellendrittel. Viel spannender als die Frage „Meister oder nicht?“ dürfte sein, was sich personell im Sommer an der Säbener Straße tut. Der Gesprächsstoff dürfte den Bayern-Fans in den kommenden Wochen jedenfalls nicht ausgehen.

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