
Nur einen Punkt holte der VfB aus den vergangenen sechs Bundesligaspielen. Der Tabellenvorletzte hat inzwischen vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Die Lage in Stuttgart ist dementsprechend angespannt. Der Klub befindet sich nur zwei Jahre nach seinem Aufstieg ins Oberhaus und einer starken Vorsaison (9. Platz) im Abstiegskampf. Beim 2:3 gegen Eintracht Frankfurt am vergangenen Wochenende erzielten die Schwaben nach zuvor fünf Spielen ohne eigenen Treffer erstmals wieder zwei Tore. Das Kurztrainingslager in Marbella, das der Klub während der zweiwöchigen Januar-Bundesligapause absolviert hatte, führte aber noch nicht zur erhofften Trendwende. Einen „Geist von Marbella“ mochte Thomas Hitzlsperger jedenfalls nicht erkannt haben. Im Gegenteil, der Vorstandsvorsitzende des VfB, der seinen Posten im Herbst dieses Jahres aufgeben wird, fand nach der dritten Rückrunden-Niederlage in Folge deutliche Worte: „Wenn wir so weitermachen, bekommen wir massive Probleme. Das reicht einfach nicht.“ Hitzlsperger sieht in den verbleibenden 13 Spielen aber durchaus „noch gute Möglichkeiten, um da unten rauszukommen“. Voraussetzung dafür sei aber: „Die Spieler müssen begreifen, dass sie mehr investieren müssen und nicht darauf warten sollten, dass sie jemand motiviert.“
Gegen Eintracht Frankfurt konnte VfB-Cheftrainer Pellegrino Matarazzo erstmals seit Saisonbeginn nahezu seine Bestbesetzung aufbieten. Doch gerade die in der vergangenen Spielzeit so erfolgreichen Stürmer Sasa Kalajdzic und Silas sind nach monatelangen Verletzungspausen noch nicht wieder bei voller Leistungsstärke. Kalajdzic war wegen einer Schulterverletzung fast die komplette Hinrunde ausgefallen und traf zuletzt gegen die Eintracht erstmals in dieser Saison. Allerdings hat der Österreicher in diesem Spiel und auch am Wochenbeginn im Training jeweils einen Schlag auf die Wade bekommen und fällt nun wegen eines hartnäckigen Blutergusses in Leverkusen aus. Der Kongolese Silas konnte nach seinem Kreuzbandriss erst Ende letzten Jahres sein Comeback für den VfB geben und ist noch ohne Torerfolg. In der Spielzeit 2020/21 hatten Silas und Kalajdzic zusammen insgesamt 27 Treffer erzielt – fast die Hälfte aller Stuttgarter Saisontore (56). Verstärkung für die noch wenig durchschlagskräftige VfB-Offensive holte sich der Klub in der Winter-Transferperiode von Champions-League-Teilnehmer Sporting Lissabon: Der 19-jährige Tiago Tomas gab gegen Frankfurt sein Kurz-Debüt für die Schwaben und soll das Angriffsspiel mit seinem Tempo und seiner Beweglichkeit beleben. Welche Position genau Matarazzo für den auf Leih-Basis verpflichteten Portugiesen vorgesehen hat, bleibt abzuwarten. Auch Omar Marmoush, der vier Wochen lang für Ägypten beim Afrika-Cup im Einsatz war und mit seinem Nationalteam erst im Finale an Senegal scheiterte, steht im Angriff wieder zur Verfügung. „Er ist motiviert und voll einsatzbereit“, sagt sein Trainer Pellegrino Matarazzo. Ausfallen werden neben Kalajdzic auch die verletzten Mo Sankoh und Nikolas Nartey sowie Waldemar Anton, der unter der Woche positiv auf Corona getestet wurde. Für ihn könnte Pascal Stenzel auf die rechte Abwehrseite rücken.
Neben dem großen Potenzial, das die Offensivabteilung des VfB im Vollbesitz ihrer Kräfte hat, ist auch die Zentrale der Stuttgarter sehr gut besetzt. Kapitän Wataru Endo, in der vergangenen Saison einer der stärksten Sechser der Liga, hat in der laufenden Spielzeit als einziger im Team alle 21 Bundesligapartien absolviert. So unverzichtbar der Japaner für Matarazzo ist, konnte auch er nicht an die Leistungen der Vorsaison anknüpfen. Auch sein etwas offensiver ausgerichteter Partner im Mittelfeld Orel Mangala, der im vergangenen Jahr verletzungsbedingt sechs Monate ausgefallen war, ist noch nicht wieder der Alte. Gerade die beiden aber sind als Balleroberer und Aufbauspieler wichtig, um die hoch veranlagten Angreifer in Szene zu setzen. Gut, dass in der Offensive zumindest auf die Verteidiger Verlass ist. Mavropanos ist mit vier Treffern erfolgreichster VfB-Torschütze in dieser Saison, Waldemar Anton beendete mit seinem Treffer gegen Frankfurt die längste Torflaute in der Bundesliga-Historie der Schwaben (518 Minuten). Es war der neunte Treffer durch einen Stuttgarter Verteidiger in der aktuellen Spielzeit – Liga-Höchstwert.
Die Abwärtsspirale der vergangenen Wochen hat ihre Spuren im Team hinterlassen. „Nach ein, zwei schlechten Aktionen zu Beginn des Spiels war die Verunsicherung zu spüren“, sagte VfB-Sportdirektor Sven Mislintat nach der 2:3-Niederlage gegen Frankfurt. Auch die Probleme bei gegnerischen Standards fielen im Duell mit der Eintracht erneut auf. „Man merkt, dass die Tabellenkonstellation etwas mit der Mannschaft gemacht hat.“ Also gehe es jetzt darum, so Mislintat, „wie wir diese Verunsicherung aus der Mannschaft und die Köpfe der Spieler frei bekommen“. Auch VfB-Präsident und Aufsichtsratschef Claus Vogt glaubt, „dass die Spieler die Situation spüren. Sie haben Angst, Fehler zu machen, und leider passieren genau dann die Fehler.“ Thomas Hitzlsperger nimmt deshalb das ganze Team in die Pflicht, fordert mehr Eigenverantwortung und Wehrhaftigkeit der Spieler. „Wir müssen in der Lage sein, Widerstände zu überwinden, mit Platz 17 klarzukommen, und wir müssen wieder mehr riskieren.“
Keine Frage, der VfB Stuttgart steckt im Schlamassel. Will der Klub den dritten Abstieg seit 2016 verhindern, braucht die Mannschaft schleunigst wieder Erfolgserlebnisse. Vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz bei noch 13 ausstehenden Spielen sind nicht die Welt und durchaus aufzuholen. Zumal die Schwaben nun wieder fast in Bestbesetzung antreten können. Sollten Leistungsträger wie Kalajdzic, Silas, Endo und Mangala bald wieder annähernd zu alter Klasse zurückfinden, der spielstarke Neuzugang Tiago Tomas schnell einschlagen und die Mannschaft insgesamt ihre mentale Blockade lösen können, ist der Klassenerhalt zu schaffen.


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