
Die Freude darüber, nach fünf Spielen endlich mal wieder kein Gegentor kassiert zu haben, war den Münchnern nach ihrem 1:0-Sieg bei Eintracht Frankfurt deutlich anzumerken. Joshua Kimmich, der den Treffer von Leroy Sané genial vorbereitet hatte, stellte zufrieden fest: „Heute war die Mentalität echt gut. Wir haben uns in den letzten 15 Minuten sehr gepusht, um kein Tor zu kassieren.“ Auch Trainer Julian Nagelsmann lobte die starke Defensivarbeit (65,7 % gewonnene Zweikämpfe) seiner Mannschaft: „Wir hatten über das gesamte Spiel guten Zugriff.“ Das war in den fünf Partien zuvor nicht so gewesen. Was auch daran lag, dass Nagelsmann in den vergangenen Wochen wegen Verletzungen und Corona-Fällen viel improvisieren musste. Nicht nur bei den Niederlagen zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach (1:2) und vor allem beim VfL Bochum 1848 (2:4) zeigte sich der Rekordmeister hinten anfällig. Auch beim 3:2-Sieg gegen RB Leipzig und beim letztlich deutlichen 4:1-Erfolg über die SpVgg Greuther Fürth machten die Münchner phasenweise keinen stabilen Eindruck in der Defensive. Sein fußballerisches Topniveau hat der FC Bayern in der Rückrunde sicher noch nicht erreicht. Mit Blick auf die Tabelle sagt Nationalspieler Kimmich: „In den letzten Wochen haben wir das Polster ein wenig verspielt.“ Doch der Vorsprung vor dem Zweiten Borussia Dortmund beträgt immer noch recht komfortable acht Punkte. Weil es jetzt in die heiße Saisonphase geht, dürften die beiden nächsten Heimspiele der Bayern in der Liga gegen Bayer 04 und drei Tage später in der Champions League gegen RB Salzburg zu echten Prüfsteinen werden.
Die Kapitäne sind zurück an Bord: Manuel Neuer konnte nach seiner Knie-Operation Anfang Februar früher als erwartet in dieser Woche bereits wieder torhüterspezifische Übungen machen, wird aber erst gegen RB Salzburg sein Comeback im Tor geben. Thomas Müller kehrte nach seiner zweiten Corona-Infektion zurück ins Mannschaftstraining und wird in Leverkusen wieder zum Kader zählen. Dennoch bleibt die Personallage bei den Bayern angespannt. Julian Nagelsmann muss gegen Bayer 04 auf den gelb-gesperrten Verteidiger Lucas Hernandez verzichten. Weiterhin fehlen wird dem FCB Mittelfeldspieler Leon Goretzka, der zwar nach langwierigen Problemen mit der Patellasehne wieder individuell trainieren kann, ein Comeback des Nationalspielers ist aber noch nicht absehbar. Auch Corentin Tolisso (nach Muskelfaserriss wieder im Lauftraining) und Linksverteidiger Alphonso Davies (leichte Herzmuskelentzündung) sind nicht einsatzbereit. Niklas Süle hingegen, der am Dienstag wegen Rückenproblemen nicht trainieren konnte, nahm am Donnerstag wieder am Mannschaftstraining teil.
Robert Lewandowski, Thomas Müller, Serge Gnabry, Leroy Sané, Kingsley Coman, Eric Maxim Choupo-Moting, Jamal Musiala – diese Namen stehen für die herausragenden Offensiv-Qualitäten der Bayern. Lewandowski trifft auch in dieser Saison mit unglaublicher Konstanz (28 Tore in 24 Spielen), Müller ist erneut der König der Vorbereiter (16 Assists, 7 Tore) und die anderen fünf aus der oben genannten Riege steuerten zusammen auch bereits 28 der insgesamt 75 Münchner Saisontreffer bei. So viele hatten selbst die Bayern nach 24 Spielen noch nie erzielt. Was passieren kann, wenn der FCB ins Rollen kommt, hat die Werkself in der Hinrunde beim 1:5 in der BayArena am eigenen Leib erfahren.
Weil Nagelsmann häufiger seine besten fünf Offensivspieler gleichzeitig aufs Feld schickt, fehlen ihm, wenn’s mal nicht so gut läuft, die Optionen bei Einwechselungen. „Wir hatten zuletzt von der Bank nicht mehr diese Offensivpower zum Nachlegen“, sagte der Bayern-Trainer nach dem Sieg in Frankfurt. Bei der Eintracht hatte der 34-Jährige deshalb bewusst auf Leroy Sané in der Startelf verzichtet. Der Nationalspieler erzielte schließlich vier Minuten nach seiner Einwechselung das entscheidende Tor als Joker – Konzept aufgegangen. Defensiv wirkte der FC Bayern in der Rückrunde nicht immer souverän, er hat aber nach wie vor gemeinsam mit dem SC Freiburg die wenigsten Gegentore (26) in der Liga schlucken müssen – darunter immerhin sechs Kopfballtreffer, was nicht unbedingt für eine Münchner Lufthoheit im eigenen Strafraum spricht. Der im vergangenen Sommer gemeinsam mit Trainer Julian Nagelsmann von RB Leipzig nach München gewechselte Dayot Upamecano zeigt in der Innenverteidigung einige Schwankungen. Marcel Sabitzer, der dritte Neuzugang aus Leipzig, tut sich an der Säbener Straße noch schwer und konnte bisher selten überzeugen. Nagelsmann brachte seinen Wunschspieler zuletzt zweimal von Beginn an und gibt sich optimistisch: „Er hat herausragende Qualitäten. Unsere Aufgabe als Trainerteam ist es, ihn an sein Leistungsmaximum zu bringen. Da ist er noch nicht ganz, aber da kommt er hin.“
Der FC Bayern steuert seine zehnte Meisterschaft in Folge an. Und wer sollte ihn dabei noch aufhalten können? Einen Acht-Punkte-Vorsprung zu diesem Zeitpunkt der Saison hat noch nie ein Spitzenreiter verspielt. Trotz aktueller Personalsorgen ist der Kader auch in der Tiefe so stark besetzt, dass die Schale auch in diesem Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit an die Säbener Straße geht. Spannender ist die Frage, was die Bayern, die im DFB-Pokal schon in der 2. Runde (0:5 bei Borussia Mönchengladbach) ausgeschieden sind, weiterhin in der Champions League zu leisten imstande sind. Kimmich und Co. haben eine starke Gruppenphase mit sechs Siegen aus sechs Spielen hingelegt und nach dem Last-Minute-1:1 im Achtelfinal-Hinspiel bei RB Salzburg nun am kommenden Dienstag, 8. März, in der Allianz Arena gute Chancen aufs Viertelfinale. Dort würde man sich im exklusiven Kreis der üblichen Verdächtigen wiederfinden – und auch in den Duellen mit der europäischen Fußball-Elite wäre dem deutschen Branchenprimus alles zuzutrauen.


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