
Entsprechend erleichtert nach einer Wahnsinns-Schlussphase gab sich Simon Rolfes. „Es war ein langer und harter Kampf. Der Ball war sehr oft in der Luft, wir hatten wenig Kontrolle im Spiel. Union hat zwei Traumtore geschossen. Aber die Mannschaft hat die richtige Reaktion gezeigt und sich mit schnellen Pässen zu den beiden entscheidenden Toren durchgespielt. Es gibt nicht immer nur schöne Siege wie in der vergangenen Woche, manchmal muss man auch dreckig gewinnen“, sagte der Sportdirektor.
Peter Bosz stellte seine Elf im Vergleich zum Spektakel gegen Dortmund auf drei Positionen um und brachte die Formation, die gegen die Borussia aufgehört hatte. In der Dreierkette hinten blieb alles unverändert, im Viererblock davor übernahmen Mitchell Weiser und Wendell die Plätze von Karim Bellarabi und des erkrankten Daley Sinkgraven. Den linken Offensivflügel besetzte Leon Bailey statt Moussa Diaby. Lars Bender und Nadiem Amiri bildeten erneut das Tandem im defensiven Mittelfeld. Charles Aránguiz gehörte nach überstandener Muskelverletzung in der Wade erstmals in diesem Jahr zum Aufgebot, auch Exequiel Palacios stand erstmals in einem Bundesligaspiel im Kader. Julian Baumgartlinger und Paulinho waren ebenso wie Sinkgraven nicht dabei.
Die Werkself hatte ein klares Ziel für das Duell mit Eisern Union formuliert: Es galt, den Sieg gegen den BVB mit drei weiteren Zählern zu vergolden. Dass das beim tüchtigen Neuling, der fünf seiner vergangenen sechs Heimspiele zu Null gewonnen und daheim bereits Dortmund (3:1) und Gladbach (2:0) bezwungen hatte, durchaus einer haarigen Aufgabe gleichkam, war indes allen bewusst in Schwarz und Rot. 2.500 Bayer 04-Fans besetzten den Gästeblock im stimmungsvollen Stadion An der Alten Försterei bis auf den letzten Platz.
Das Spiel nahm vom Anpfiff weg sofort Fahrt auf. Den ersten Hochkaräter der Begegnung hatte die Union auf dem Fuß: Andersson verfehlte mit seinem Schrägschuss aufs lange Eck die Führung nur um Haaresbreite (3.). Den Kopfball von Friedrich packte sich Lukas Hradcky ganz sicher (6.). Doch kurz darauf war der Finne im Kasten der Werkself völlig chancenlos: Nach einem Angriff über die linke Seite und Flanke von Bülter in den Rückraum legte Malli für Christian Gentner ab, der aus 18 Metern frei zum Schuss kam und die Kugel hoch zur Berliner Führung unter die Latte wuchtete (7.). Die giftigen Gastgeber waren gleich schwer auf Betriebstemperatur, Bayer 04 zeigte sich sichtlich beeindruckt und hatte zunächst Mühe, sich zu befreien und sortiert nach vorn zu spielen.
Dann aber lieferte die Werkself wie schon gegen Dortmund einen Beweis enormer Effektivität: Jonathan Tah schlug einen weiten Ball in die gegnerische Hälfte, wo Lars Bender klasse per Kopf in den Lauf von Kai Havertz vorlegte, der bedrängt von Neven Subotic das Bein ganz lang machte und die Kugel als Heber über Gikiewicz ins Netz setzte – 1:1 (22.). Erste Chance, erster Treffer, kann man mal so machen! Berlin blieb indes jederzeit forsch und gefährlich, Hradecky parierte Anderssons Versuch ohne Probleme (30.). Vollands Kopfball nach Havertz-Flanke landete im dritten Stock (31.). Als Subotic Havertz taktisch foulte und so einen vielversprechenden Angriff unterband, gab es zum Erstaunen der Leverkusener keine Gelbe Karte für den Unioner (33.). Die sah dafür wenig später Sven Bender (38.), auch das eine eher überraschende Entscheidung von Schiedsrichter Osmers. Bei der letzten Gelegenheit der ersten 45 Minuten kam Andersson nach einer Rechtsflanke am kurzen Pfosten zum Abschluss, traf die Kugel aber nicht richtig (45.). In einer intensiven, aber auch zunehmend zerfahrenen Partie ging es mit dem 1:1 in die Pause.
Die zweite Hälfte begann mit zwei Wechseln auf Seite der Werkself: Moussa Diaby und Charles Aránguiz kamen für Leon Bailey und Mitchell Weiser ins Spiel, Kapitän Lars Bender gab fortan den Rechtsverteidiger. Sven Bender wurde ins defensive Mittelfeld vorgezogen, Bayer 04 agierte jetzt im 4-2-3-1. Die Berliner sofort wieder im Angriffsmodus und mit einer Möglichkeit, doch Wendell vermochte Malli gerade noch rechtzeitig zu stören und zur Ecke zu klären (46.). Kurz darauf musste das Spiel erst mal unterbrochen werden, weil im Leverkusener Fanblock mächtig Pyro gezündet wurde.
Die Begegnung blieb intensiv umkämpft, wobei Bayer 04 nun mehr Spielkontrolle innehatte als noch in den ersten 45 Minuten. Ärgerlich, dass Diaby der Ball bei der Annahme versprang nach einem Konter und guten Zuspiel von Havertz (61.). Als die nächsten Pyros im Bayer 04-Block brannten und auch eine dringliche Intervention von Lars Bender am Zaun nichts bewirkte, unterbrach Osmers die Partie für einige Minuten und schickte beide Teams an den Spielfeldrand (65.). Dem Spielfluss vor allem bei der Werkself war das alles andere als zuträglich, Union übernahm nun wieder mehr die Initiative. Sehr stark bei den Gästen präsentierte sich auch in dieser Phase Edmond Tapsoba, der mit seiner unaufgeregten Balleroberung zu gefallen wusste.
Andrichs Schuss rauschte klar am Tor vorbei (75.), das war nach längerer Zeit überhaupt mal wieder eine Chance in diesem Spiel. Bosz nahm seinen dritten Wechsel vor und brachte Karim Bellarabi für Nadiem Amiri. Berlin blieb enorm griffig in den Zweikämpfen und machte den Leverkusenern das Leben weiter schwer. Doch dann das zweite Beispiel höchster Effektivität bei Schwarz und Rot an diesem Nachmittag: Nach einem gelungenen Angriff über Charles Aránguiz und Kevin Volland, der klasse auf Moussa Diaby durchsteckte, traf der Franzose allein vor Gikiewicz technisch fein zum 2:1 (83.).
Die Entscheidung? Mitnichten! Nach langem Abschlag von Gikiewicz landete der Ball über zwei Stationen beim Marius Bülter, der Lukas Hradecky mit einem Schlenzer in den Winkel nicht den Hauch einer Abwehrmöglichkeit ließ – 2:2 (87.). Danach gingen beide Teams all in und aufs Ganze. Havertz, der jetzt richtig aufdrehte, spielte Bellarabi frei, Gikiewicz rettete der Union den Gleichstand (88.). Wegen der Unterbrechung gab es sieben Minuten Nachspielzeit obendrauf. Berlin war jetzt stehend k.o., nach Bellarabis Pass quer zum Fünfer kam Volland einen Schritt zu spät (90.+3). Dann doch noch die Erlösung: Karim Bellarabi tanzte nach Doppelpass mit Aránguiz durch Berlins Abwehr und verlud Giekiewicz aus spitzem Winkel ins kurze Eck zum 3:2 (90.+4).
Unglaublich, erneut hatte die Werkself ein Match auf den letzten Drücker gedreht. Bei Unions letztem Eckball war auch Keeper Gikiewicz nach vorn geeilt und kam aus fünf Metern sogar frei zum Abschluss, doch Hradecky tauchte ab und begrub die Kugel unter sich (90.+7) – dann kam der ersehnte Schlusspfiff.
Für Bayer 04 geht es mit einer Englischen Woche und zwei Heimspielen über Karneval weiter. Im Hinspiel des Sechzehntelfinales der Europa League trifft die Werkself am Donnerstag, 20. Februar, um 21 Uhr auf den FC Porto. In der Bundesliga geht es am Sonntag, 23. Februar, um 15.30 Uhr mit der Partie in der BayArena gegen den FC Augsburg weiter.
Die Statistik:
1. FC Union Berlin: Gikiewicz – Friedrich, Schlotterbeck, Subotic (85. Polter) – Trimmel, Gentner (75. Prömel), Andrich, Lenz – Malli (75. Ingvartsen), Bülter – Andersson
Bayer 04: Hradecky – Tah, S. Bender, Tapsoba – Weiser (46. Aránguiz), L. Bender, Amiri (75. Bellarabi), Wendell – Havertz, Volland, Bailey (46. Diaby)
Tore: 1:0 Gentner (7.), 1:1 Havertz (22.), 1:2 Diaby (83.), 2:2 Bülter (87.), 2:3 Bellarabi (90.+4)
Schiedsrichter: Harm Osmers (Hannover)
Gelbe Karten: Trimmel, Gentner – Weiser, S. Bender
Zuschauer: 22.012


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