#RoadtoGlasgow – OnThisDay: FC Liverpool – Bayer 04 1:0

This is Anfield: Der Reise zum legendären Kultklub und damaligen englischen Rekordmeister FC Liverpool, dessen Stadion längst ein Mythos war, fieberten Mannschaft, Trainerteam, Fans, Sponsoren und VIPs gleichermaßen entgegen. „Es ist ein absoluter Traum, hier spielen zu dürfen“, freute sich Bayer 04-Trainer Klaus Toppmöller auf die Begegnung am 3. April 2002.
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Ausgangslage

Bayer 04 hatte am Wochenende vorher die Generalprobe für den Auftritt an der Anfield Road mit Bravour bestanden. Nach dem 4:2-Sieg auf dem „Betze“ beim 1. FC Kaiserslautern war der Vorsprung auf den Tabellenzweiten Borussia Dortmund am 29. Spieltag auf vier Punkte angewachsen. Das Viertelfinale gegen den FC Liverpool, der seinerseits mit einem 2:0-Erfolg gegen Charlton Athletic die Tabellenführung in der Premier League behaupten konnte, hatte Klaus Toppmöller zwar nach Pflicht und Kür in den beiden Gruppenphasen zum Schaulaufen erklärt. Aber natürlich veränderte der anhaltende Erfolg seiner Mannschaft die Perspektive. „In Liverpool werden wir unsere Chance haben“, zeigte sich Michael Ballack überzeugt. Und auch Toppmöller sah „gute Chancen in der Addition beider Spiele ins Halbfinale einzuziehen“. Respekt vor den „aspirin bombers“, wie die Leverkusener in der Stadionzeitung des FC Liverpool bezeichnet wurden, hatten sie auch in der Stadt am Mersey River. „Bayer ist vielleicht der am meisten unterschätzte Viertelfinalist“, warnte Dietmar Hamann, deutscher Nationalspieler in Diensten der Reds. Toppmöller stellte sein Team auf einen rustikalen Gegner ein: „Hier ist reiner Männersport gefordert.“ Der Coach erwartete ein kampfbetontes Spiel an der Anfield Road, wo die Werkself auf den gelb-gesperrten Kapitän Jens Nowotny verzichten musste. Für ihn rückte Carsten Ramelow in die defensive Viererkette. Auch Thomas Brdaric fehlte verletzungsbedingt. Für den FC Liverpool, der im Vorjahr den UEFA-Cup, den FA-Cup und den englischen Ligacup gewonnen hatte, war das Viertelfinal-Hinspiel sein 200. Europapokal-Match. Und noch nie hatten die Reds bis dato eines davon gegen deutsche Teams verloren.

Spielverlauf

Die Werkself hatte ihre Lehren aus dem 1:4 beim FC Arsenal in der Zwischenrunde gezogen und war in Liverpool erst einmal auf das Toreverhindern bedacht. Nur nicht wieder ins offene Messer rennen wie in London, safety first – an diese Marschroute hielt sich die Toppmöller-Truppe. Weil auch die Reds im eigenen Stadion zunächst mit angezogener Handbremse agierten, riss das Spiel in der ersten Halbzeit keinen von den Sitzen. Ein Schuss von Emile Heskey (8.) verfehlte das Tor von Jörg Butt ebenso deutlich wie ein Kopfball von Vladimir Smicer (42.). Leverkusens Offensivkräfte blieben auf der anderen Seite meist an den Liverpooler Abwehrhünen Stephane Henchoz und Sami Hyypiä hängen. Letzterer brachte die Hausherren kurz vor der Pause aus dem Nichts heraus in Führung. Der sonst sehr umsichtige Diego Placente hatte einen Eckball von Danny Murphy unterlaufen, Michael Owen konnte von der Grundlinie scharf in die Mitte passen, wo Hyypiä nur den Fuß hinhalten musste (44.). Nach dem Seitenwechsel sahen die 44.000 Zuschauer eine offensivere Heimmannschaft, die ihre gefährlichsten Aktionen durch John Arne Riise hatte, der einmal per Fallrückzieher (60.) und wenig später nach einem Konter jeweils an Butt scheiterte (62.). Ansonsten ließ die stabile Defensive der Gäste nicht viel zu. Die einzige gute Chance auf Leverkusener Seite vergab Michael Ballack nach Zuspiel von Ze Roberto, als er freistehend knapp verzog (67.).

Momente des Spiels

Die emotionalen Höhepunkte gab es bereits vor dem Anpfiff. Unmittelbar nach einer Gedenkminute für die vier Tage zuvor im Alter von 101 Jahren verstorbene Queen Mum, bei der absolute Stille herrschte, erhob sich der Gesang auf den Rängen: „You’ll never walk alone“ – die legendäre Hymne des FC Liverpool ging an diesem Abend ganz besonders unter die Haut. Und noch etwas berührte: Die Anfield Road bereitete Liverpools Coach Gérard Houllier einen tollen Empfang bei dessen Comeback. Fünf Monate zuvor hatte er sich nach einem Herzinfarkt einer Operation auf Leben und Tod unterziehen müssen. Jetzt sangen über 40.000 Fans „Olé, olé, Gérard Houllier”, als er erstmals wieder auf der Trainerbank Platz nahm. Im Dezember 2020 verstarb der ehemalige französische Nationaltrainer im Alter von 73 Jahren in Paris.

Spieler des Spiels

Nach anfänglichen Problemen mit dem ebenso bulligen wie wendigen Emile Heskey steigerte sich Lucio im Laufe des Spiels und schwang sich zum besten Leverkusener an diesem Abend auf. „Wie der nach der Pause alles abgelaufen hat, das war absolute Weltklasse“, schwärmte Bayer 04-Manager Reiner Calmund.

Stimmen

„Riesenkompliment an die Jungs für diese Leistung“, lobte der verletzte Thomas Brdaric seine Kollegen. „Dieses Ding werden wir am Dienstag noch drehen.“ Nicht ganz so glücklich zeigte sich Klaus Toppmöller nach dem Spiel: „Das 0:1 in Liverpool ist ein Scheiß-Ergebnis, gar keine Frage.“ Und der Trainer konkretisierte, was ihn besonders ärgerte: „Das Tor fiel aus heiterem Himmel, da haben wir gepennt. Wir haben in der ersten Halbzeit zu wenig gezeigt. Wir wollten hier unbedingt einen Treffer erzielen, da tut die Null weh.“ Sein Liverpooler Kollege Gérard Houllier hingegen sagte: „Es ist schön, wieder zurück zu sein. Es war ein besonderer Abend für mich.“ Reiner Calmund bezeichnete die erste Halbzeit als „Rasenschach für Spezialisten“, gab sich aber mit Blick auf das Rückspiel zuversichtlich: „Für mich stehen die Chancen 50:50.“

Pressespiegel

Für den Kölner Stadt-Anzeiger war Sami Hyypiä, „ein Mensch gewordenes Gebirge aus Finnland“, die zentrale Figur auf dem Platz. „Der 1,92 Meter große Innenverteidiger saugt alle Bälle an, egal ob sie ihn hoch oder flach erreichen, und befördert sie brachial aus dem Strafraum.“ Auch die Rheinische Post zeigte sich beeindruckt vom Matchwinner: „Der finnische Hüne Sami Hyypiä, mit seinem kantigen Schädel ein Kandidat für die Rolle des bösen Buben in einem James-Bond-Film, räumte im Strafraum der Engländer erbarmungslos auf und erzielte zudem unmittelbar vor der Pause den Führungstreffer.“ Aber auch die Leistung der Leverkusener fand im Blatt Anerkennung. „Die Struktur stimmte beim Tabellenführer der Bundesliga. Toppmöllers taktische Formation mit einem breit angelegten Mittelfeld behagte dem amtierenden UEFA-Cup-Sieger gar nicht.“ Die Kölnische Rundschau fand wenig Gefallen an der ersten Halbzeit: „Das Spiel verrieselte überwiegend in der neutralen Zone im Mittelfeld, wohl nur Experten mit Trainerschein konnten sich dafür erwärmen.“ Der Kicker fasste den 1:0 Sieg der Reds so zusammen: „Ein insgesamt verdienter Erfolg für die etwas aktivere Elf des FC Liverpool. Bayer zwar kompakt in der Defensive, aber nicht so risikobereit wie gewohnt.“

Statistik

FC Liverpool: Dudek – Carragher, Henchoz, Hyypiä, Riise – Hamann, Murphy, Gerrard, Smicer (75. Berger) – Heskey, Owen (69. Litmanen)

Bayer 04: Butt – Sebescen, Lucio, Ramelow, Placente – Schneider, Ballack, Bastürk, Ze Roberto – Neuville (66. Zivkovic), Berbatov (76. Kirsten)

Tor: 1:0 Hyypiä (44.)

Gelbe Karten: Carragher, Hyypiä – Lucio, Ramelow

Chancenverhältnis: 4:1

Ecken: 6:4

Schiedsrichter: Anders Frisk (Schweden)

Zuschauer: 44.000 (ausverkauft)

Bilder des Spieltags

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Support

Weit über 1.000 Bayer 04-Fans wollten sich das einmalige Erlebnis Anfield Road nicht entgehen lassen und begleiteten die Werkself zum zweiten Auftritt in England. Viele von ihnen begaben sich in den Stunden vor dem Spiel noch bei einer individuellen Magical Mystery Tour auf die Spuren der Beatles, schauten im legendären Cavern Club vorbei oder deckten sich im FCL-Fanshop am Williamson Square mit Fanartikeln des englischen Kultklubs ein. An den Fernsehschirmen verfolgten übrigens bis zu neun Millionen Zuschauer (27,4 Prozent Einschaltquote) das Spiel bei RTL.

Stand der Dinge

Schon sechs Tage nach dem 0:1 in Liverpool würde am 9. April 2002 das Viertelfinal-Rückspiel in Leverkusen stattfinden. In den anderen Viertelfinal-Hinspielen hatte Manchester United 2:0 bei Deportivo La Coruna gewonnen, der FC Bayern zu Hause Real Madrid mit 2:1 bezwungen und der FC Barcelona 0:1 bei Panathinaikos Athen verloren.

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