Carro: Wegen Jona habe ich die Seiten gewechselt

Wenn Deutschland auf Spanien trifft, schlagen zwei Herzen in der Brust von Fernando Carro. Zwar wurde der Vorsitzende der Geschäftsführung von Bayer 04 in Barcelona geboren, er lebt und arbeitet aber seit über 30 Jahren in Deutschland. Wir sprachen mit dem 56-Jährigen über das Länderspiel zwischen den beiden Ländern und die Historie der spanischen Nationalmannschaft.
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Sie sind in Barcelona geboren – sind Sie demnach Barca-Fan oder sympathisieren sie mit einem anderen spanischen Verein?
Ich möchte es so sagen: Als Kind war ich eingefleischter Barca-Fan. Inklusive Dauerkarten im Stehplatz-Bereich. Mittlerweile verfolge ich einige spanische Vereine mit großen Sympathien. Villareal zum Beispiel, aber auch Atletico Madrid unter Diego Simeone und nicht zuletzt Deportivo La Coruna. Mein Vater stammt aus Galicien. In der Saison 2003/04 erreichte Depor das Halbfinale der Champions League. Auf dem Weg dorthin hatte La Coruna unter anderem Juventus Turin und den Titelverteidiger AC Mailand ausgeschaltet. Sie haben mitreißenden Fußball gespielt und sind am Ende knapp an Jose Mourinho und dem FC Porto gescheitert, die anschließend auch die Champions League gewonnen haben.

Barcelona ist der Sitz der Regionalregierung von Katalonien, die immer wieder nach Unabhängigkeit strebt. Wird nichtsdestotrotz die spanische Nationalmannschaft von den Fußball-Fans in Barcelona unterstützt?
Die fußballinteressierten Bürger von Barcelona fiebern auf jeden Fall mit der Nationalmannschaft. Während politisch gesehen etwas mehr als die Hälfte gegen eine Unabhängigkeit von Katalonien ist, unterstützen wahrscheinlich 80 Prozent der Katalanen die spanische Nationalmannschaft.

Wie verfolgen Sie die spanische Nationalmannschaft? Wann war der erste Stadionbesuch?
An den ersten Stadionbesuch kann ich mich nicht erinnern. Ich bin mir zwar recht sicher, dass ich wahrscheinlich in Barcelona mal ein Spiel gesehen habe, kann es zeitlich aber nicht mehr einordnen. In erster Linie habe ich die Partien der Nationalmannschaft im Fernsehen verfolgt. Bewusst kann ich mich indes an das Achtelfinale bei der WM 2006 gegen Frankreich erinnern. Das Spiel fand in Hannover statt, und ich war live vor Ort. Die Spanier waren mindestens ebenbürtig, sind aber durch zwei Gegentreffer in der Schlussphase unglücklich ausgeschieden.

Nicht das einzige Mal in der Geschichte der spanischen Nationalmannschaft.
Das ist wahr. Oft waren es Kleinigkeiten, die uns auf dem Weg zu einem Titel gestoppt haben. Ich kann mich an einige verlorene Elfmeterschießen erinnern, wie bei der WM 2002. Das Viertelfinale gegen Südkorea. Wir sind im Elfmeterschießen gegen die Co-Gastgeber ausgeschieden. Und ich will es mal so ausdrücken: Die Schiedsrichter waren definitiv nicht auf unserer Seite.

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Also glauben Sie nicht an die These, dass innenpolitische Konflikte in Spanien eine Rolle gespielt haben. Dass es vor 2008 an Zusammenhalt gefehlt hat, um einen Titel zu gewinnen?
Das ist Quatsch. Wir hatten zwar oft gute Spieler und tolle Mannschaften, aber man braucht auch das nötige Quäntchen Glück. Wie eben 2008.

Als die Spanier zum ersten Mal seit 1964 wieder die EM gewonnen haben. Was ist dort passiert?
Natürlich hatten wir damals eine richtig gute Mannschaft. Alleine das Mittelfeld: Xavi und Iniesta. Dazu Xabi Alonso oder Cesc Fabregas. Doch im Viertelfinale ging es ins Elfmeterschießen. Gegen Italien. Dieses Mal haben wir jedoch den Fluch besiegt und uns am Ende durchgesetzt. Dort hätte der Weg aber auch zu Ende sein können. Es war wahrscheinlich der Grundstein für die sehr erfolgreiche Phase mit den drei Titeln (2008 EM, 2010 WM und 2012 EM, Anm. d. Red.).

Nach dem EM-Gewinn 2012 schien der Code der „la furia roja“ entschlüsselt zu sein. Bei den Turnieren in Brasilien, Frankreich und Russland schied Spanien jeweils recht früh aus. Warum konnte das Niveau nicht mehr gehalten werden?
Das hatte unterschiedliche Gründe. Dass sich ein Titelverteidiger schwertut, diese Erfahrung mussten auch die Franzosen, die Italiener und zuletzt die Deutschen machen. So kam das Ausscheiden 2014 zustande. Bei der EM 2016 indes waren die Italiener im Achtelfinale einfach besser, und 2018 hat uns die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor gefehlt. Wir haben alle Spiele dominiert, waren aber vor dem gegnerischen Tor nicht zielstrebig genug.

2018 hat Luis Enrique das Traineramt der Roten übernommen. Wird er Spanien zurück in die absolute Weltspitze führen?
Ich würde schon sagen, dass Spanien weiterhin Weltspitze verkörpert. Um jedoch Titel zu gewinnen, muss alles passen. Auf der anderen Seite hat die Nationalmannschaft zuletzt auch nicht immer souverän gespielt. Ich habe den Eindruck, dass uns gerade in den Umschaltmomenten Schnelligkeit fehlt. Und das braucht man im modernen Fußball: ein gutes Spiel mit dem Ball und Schnelligkeit in den Umschaltmomenten. Enrique und sein Team haben noch viel Arbeit vor sich.

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Wem drücken Sie am Dienstag die Daumen?
Ich bin etwas hin- und hergerissen. Doch wenn ich am Dienstagabend vor dem Fernseher sitze, werde ich sehr wahrscheinlich doch Spanien die Daumen drücken.

Und sind die Sympathien für die DFB-Elf größer, wenn Jonathan Tah, Nadiem Amiri oder auch Kai Havertz und Julian Brandt für Deutschland auflaufen?
Auf jeden Fall. Ich kann mich noch gut an die U21-EM im Jahr 2019 erinnern. Damals war Jona Kapitän der deutschen Auswahl, die im Finale auf Spanien getroffen ist. Im Laufe des Spiels habe ich gemerkt, dass ich die Seiten gewechselt und den Deutschen den Sieg mehr gegönnt habe. Am Ende hat es dann aber nicht gereicht.

Letzte Frage: Wer wird das Spiel gewinnen?
Der deutschen Mannschaft traue ich aktuell mehr zu. Auch wenn sie von der deutschen Öffentlichkeit sehr kritisch gesehen wird, was im Übrigen typisch ist, schätze ich die Auswahl von Jogi Löw zurzeit stärker ein. Entweder gewinnt Deutschland, oder es geht unentschieden aus.

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