Bernd Schneider: Dann ist das Halbfinale „fast Pflicht“

Was für eine Ehre: Vor genau 15 Jahren, am 9. Juni 2006, führte Bernd Schneider die deutsche Nationalelf im WM-Eröffnungsspiel in der Münchner Allianz Arena gegen Costa Rica als Kapitän aufs Feld. Im Interview mit bayer04.de erinnert sich unser Ehrenspielführer nicht nur an die magischen Momente des Sommermärchens. „Schnix“, der 81 Länderspiele für Deutschland bestritt und 2002 unter Teamchef Rudi Völler Vizeweltmeister wurde, spricht auch über die bevorstehende EM und die Chancen der DFB-Auswahl.
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Bernd, wenn du an die WM 2006 zurückdenkst: Was ist dir in besonderer Erinnerung geblieben vom ersten Spiel gegen den Underdog aus Mittelamerika?
Schneider:
„Ich empfand erstmal eine unglaubliche Vorfreude auf dieses Turnier. Eine Heim-WM erlebst du ja als Spieler nicht allzu oft. Allerdings hatten wir mit der Nationalmannschaft ein schweres Jahr hinter uns. Ein Tiefpunkt war sicher die 1:4-Niederlage in Italien im März 2006. Keiner wusste so genau, wo wir eigentlich stehen. Trotzdem ging es vor unserem Auftaktspiel in der Öffentlichkeit irgendwie nur noch um die Frage, wie hoch wir gegen Costa Rica gewinnen würden. Dabei hatten die eine ganz gute Mannschaft. Aber wir wussten natürlich, dass wir dieses Spiel auf jeden Fall gewinnen mussten. Es herrschte eine riesige Euphorie in unserem Team, gleichzeitig waren wir aber auch extrem fokussiert auf das Spiel.“

Du hast die deutsche Elf als Kapitän aufs Feld geführt, weil Michael Ballack als etatmäßiger Spielführer nach einer Wadenverletzung noch nicht hundertprozentig fit war. Wie war deine Gefühlslage kurz vor dem Anpfiff in der Mixed-Zone der Allianz Arena?
Schneider: „Ich fand es erstmal sehr schade, dass Michael nicht auflaufen konnte, weil wir beide damals schon befreundet waren und es heute immer noch sind. Es tat mir leid für ihn. Aber natürlich habe ich mich auch gefreut, in diesem ersten WM-Spiel Kapitän der Mannschaft sein zu dürfen. Trotzdem war ich deshalb nicht aufgeregter, zumal ich ja in einigen Spielen vorher auch schon mal die Binde tragen durfte. So ein großes Ding war das also nicht für mich. Ich wollte nur – und den anderen ging es genauso – endlich raus auf den Platz.“

Der 4:2-Sieg war der Auftakt des Sommermärchens. Wie hast du die Atmosphäre im Land damals empfunden?
Schneider: „Es war ein traumhafter Sommer. Anfangs spürte man noch eine gewisse Zurückhaltung bei den Fans und den Leuten in den Städten. Aber mit jedem weiteren Spiel hat sich dann eine Euphorie entwickelt, die einfach großartig war und uns Spieler mitgerissen hat. Die Autos auf den Straßen, die Häuser und Gärten – du hast einfach überall schwarz-rot-goldene Fahnen, Transparente und Schals gesehen. Das Wetter spielte ja auch mit, es hatte lange keinen solchen Sommer mehr in Deutschland gegeben. Als wir nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien mit dem Mannschaftsbus aus dem Berliner Olympiastadion gefahren sind, haben Bundeswehrsoldaten am Straßenrand die La-Ola-Welle für uns gemacht. Auf den Balkonen schwenkten Omas und Opas Deutschland-Fahnen. Es war wirklich grandios! Wir haben das alles in uns aufgesogen und wollten als Team natürlich auf dem Platz auch etwas zurückgeben. Aber, das muss man auch sagen: Der Druck auf die Spieler war schon gewaltig. Du musstest natürlich auch abliefern.“

An welches andere Spiel neben der Auftaktpartie denkst du gerne zurück?
Schneider: „Gleich an das darauffolgende: Das 1:0 gegen Polen in Dortmund, bei dem Oli Neuville erst in der Nachspielzeit das erlösende Tor geschossen hat, lebte von seiner enormen Spannung. Natürlich werde auch ich den Elfmeterkrimi gegen Argentinien im Viertelfinale nie vergessen. Die Enttäuschung nach der 0:2-Niederlage im Halbfinale gegen Italien war zwar groß, aber letztlich haben wir mit dem dritten Platz aus unseren Möglichkeiten doch extrem viel rausgeholt.“

Jogi Löw war damals noch Co-Trainer von Jürgen Klinsmann. Letzterer galt als der große Motivator, Löw als Mann für die taktischen Feinheiten. War es wirklich so?
Schneider: „Im Großen und Ganzen kann man das so sagen. Wobei diese zwei Bereiche natürlich nicht immer so strikt aufgeteilt waren. Ich denke, die beiden haben sich hervorragend ergänzt und als Trainerteam gut funktioniert.“

Löw ging damals in sein erstes großes Turnier als Trainer. Nun steht er 15 Jahre später vor seinem letzten. Was traust du ihm und der deutschen Nationalmannschaft bei der anstehenden EM zu?
Schneider: „Wenn man es sportlich betrachtet, kann man Parallelen zu unserer Situation 2006 sehen. Wir haben damals vor der WM auch keinen berauschenden Fußball gespielt. Ich glaube aber, dass die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit heute geringer ist, als sie es damals war. Was aber nicht viel heißen muss. Denn auch das aktuelle deutsche Team ist zu sehr viel in der Lage. Wenn man sich die Mannschaft anschaut: Vier unserer Nationalspieler standen im Champions-League-Finale, drei davon haben es gewonnen. Viele andere haben in ihren Vereinen internationale Erfahrungen gesammelt. Wir gehören zwar meiner Meinung nach nicht zu den Top-Favoriten, jedenfalls nicht zu den Top 3, aber die Mannschaft besitzt viel Qualität. Und wenn sie die richtige Mentalität auf den Platz bringt, kann sie auch um den Titel mitspielen. Sollte sie sich in dieser schweren Gruppe mit Frankreich, Portugal und Ungarn durchsetzen, dann ist das Erreichen des Halbfinales fast Pflicht. Ich würde Jogi Löw auch den Titel von Herzen gönnen. Es wäre der krönende Abschluss seiner Trainerkarriere. Er hat alles erreicht, nur der EM-Gewinn fehlt noch.“

Wer sind denn deine Top 3-Favoriten?
Schneider: „Frankreich, Spanien und England. Deutschland, die Niederlande und Italien zähle ich zum erweiterten Kreis. Und vielleicht wird’s ja auch wieder ein Überraschungsteam geben, möglicherweise die Schweiz oder die Belgier. Portugal würde ich normalerweise auch zu den Favoriten zählen, aber ich glaube, dass sich Frankreich und Deutschland in der Gruppe F durchsetzen werden.“

Coronabedingt wird die Allianz Arena in München zum deutschen Auftaktspiel gegen Weltmeister Frankreich nicht – wie 2006 gegen Costa Rica – ausverkauft sein. Immerhin sind nun aber 14.000 Zuschauer zugelassen.
Schneider: „Und diese Unterstützung ist extrem wichtig für die Spieler. Das hilft sehr und gibt der Mannschaft sicher einen extra Schub.“

Erstmals seit langer Zeit steht bei einem Turnier kein aktueller Bayer 04-Profi im DFB-Aufgebot…
Schneider: „Ja, das ist mir kürzlich auch bewusst geworden. Ich hätte mich gefreut, wenn ein Leverkusener dabei gewesen wäre. Aber da muss man die Entscheidung des Bundestrainers akzeptieren. Immerhin sind ja mit Kai Havertz und Kevin Volland zwei ehemalige Bayer 04-Profis im Aufgebot, die vor einem Jahr noch in Leverkusen unter Vertrag gestanden haben.“

Wirst du bei einigen Spielen als Zuschauer live vor Ort sein?
Schneider: „Nein, ich werde unseren Jungs vor dem Fernseher die Daumen drücken und mit ein paar Freunden auch die Fähnchen schwenken…“

Dein Tipp für das erste Gruppenspiel gegen Weltmeister Frankreich am 15. Juni?
Schneider: „2:1 für Deutschland.“

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