
Es sind zwei Bilder, mit denen er gern beginnt. Wenn Keld Bordinggaard, bei Bayer 04 unter dem Titel „Head of Coaching“ aktiv, erklären will, worum es ihm eigentlich geht, wählt er diese zwei Fotos. Eine endlose, planierte Straße in irgendeiner Wüste, ellenlang, bis zum Horizont, schnurgerade, weiter als das Auge reicht. Eine dieser Straßen, bei denen man als Autofahrer sprichwörtlich auf Autopiloten stellt, gelangweilt, vermeintlich unterfordert, ohne Abwechslung. Das andere Bild zeigt bergiges Terrain, verschlungene Pfade, Verästelungen, unwegsames Gelände. Ein Weg, der sehr viel Abwechslung bietet – aber eben auch ständige Aufmerksamkeit und Richtungswechsel erfordert.
Keld Bordinggaard macht eine kurze Pause. „Das ist der Weg, den der Fußball nimmt. Es ist eine der komplexesten und dynamischsten Branchen weltweit“, sagt der 59-Jährige. „Fußball verändert sich rasant, schnell, auf allen Ebenen des Spiels. Deshalb sind Wettbewerbsvorteile im Fußball auch immer nur vorübergehend.“ Soll heißen: Wer am Punkt x gute, moderne Lösungen hat, ist deshalb am Punkt x+1 nicht automatisch im Vorteil. „Wir müssen die Entwicklung des Spiels kontinuierlich analysieren und kritisch hinterfragen, ob unsere derzeitige Praxis ausreicht.“ Der Subtext tröpfelt ein: Sind wir auf allen Ebenen auch bereit für Veränderungen? Wie dynamisch sind unsere Lernprozesse? „Wir optimieren im Fußball die Spieler, wir versuchen, dort bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen, wir kümmern uns ganzheitlich um sie. Wir haben uns immer stark auf die Jungs auf dem Spielfeld konzentriert“, sagt Bordinggaard. Und was ist mit den Jungs außerhalb der Linien? Er muss die Antwort dabei gar nicht geben. Sie ist der Elefant im Raum.
Mit der Trainerakademie in Leverkusen bekommt der Däne nun die Chance, eine klaffende Lücke im System zu schließen. Denn bei der Aus- und der ständigen Fortbildung der Trainer – da ist sich der Däne mit Thomas Eichin, Leiter Nachwuchs bei Bayer 04, einig – liegt noch Potenzial. Es ist eines der innovativen Projekte, mit dem bei Bayer 04 Zukunft nicht nur gedacht, sondern gelebt wird. Dabei geht es nicht um einen Klotz aus Stein, einen Bürotrakt, an den man ein Wappen, ein Logo heftet, mit der Aufschrift „Trainerakademie“. Es geht in erster Linie um die Philosophie dahinter, die mentale Bereitschaft des Lernens, die Einstellung.

Bordinggaard hat ein Büro in der BayArena, aber eigentlich ist er ständig unterwegs, im Austausch mit den Trainern, mit Thomas Eichin und ebenso mit Sportdirektor Simon Rolfes. Denn die Trainer sind „unsere Schlüsselkräfte“, wie der dänische Fußball-Fachmann sagt, der früher als Co-Trainer der dänischen Nationalmannschaft unter Morten Olsen wirkte und später mit dem heutigen Nationaltrainer Kasper Hjulmand (u.a. beim 1. FSV Mainz 05) arbeitete.
„Wir können nicht die gesamte Ausbildung unserer Trainerallein dem DFB überlassen. Wir haben unsere eigene Identität, unsere eigene Spielweise, unsere eigene Methodik. Wir können nicht erwarten, dass der DFB diese Arbeit übernimmt.“ Für den Dänen ist es „überraschend, dass nicht noch mehr Vereine eine interne und kontinuierliche Ausbildung ihrer Trainer formalisieren“.
Alle Coaches im Bayer 04-Nachwuchs, von der U12 bis zur U19 als höchste Ausbildungsstufe, werden nun permanent weitergebildet, erhalten individuelle Anregungen, externen Input. So werden etwa alle Trainingseinheiten per Video aufgezeichnet, um entsprechend fundiertes Feedback geben zu können. Das fängt bei der Trainingsvorbereitung an, geht über das Aufwärmprogramm, bis hin zu individuellen Übungen oder taktischen Maßgaben wie etwa der gewünschten Spieleröffnung. Immer steht die Frage im Raum: Trainieren wir die richtigen Dinge? Üben wir Dinge, die wir im Spiel auch nutzen können? So ergaben Analysen, dass spanische Talente im Schnitt mehr als 10 Prozent mehr Trainingszeit für aktive Entscheidungsaktivitäten hatten, während hierzulande zum Beispiel mehr ballfernes Fitnesstraining auf dem Plan steht. Dank internationaler Experten wie dem Spanier Ismael Camenforte Lopez, den Bayer 04 als neuen Methodik-Trainer für das Leistungszentrum gewinnen konnte, will der Klub auch hier den Weg an die Spitze ebnen.

Grundlage für die spürbare Entwicklung bildet eine einheitliche Spielphilosophie, eine eigene DNA, die den Klub auszeichnet, die fortan mit ihren Prinzipien die Ausbildung von den Kleinen bis zu den A-Junioren prägt. „Wir entwickeln die Spielweise und das Training unserer Mannschaften stetig weiter“, sagt Eichin, „immer orientiert an den Anforderungen des Spitzenfußballs“. Und jemand wie der langjährige Bundesliga-Profi Eichin, der einst selbst 180 Spiele in der Eliteliga absolvierte, sieht, wie extrem sich der Fußball entwickelt hat.
Die Analyse ist klar: „Die Topspieler von morgen sind polyvalent, spielen mehr Pässe, haben weniger Platz und zugleich eine größere Spielintelligenz“, fasst Bordinggaard zusammen. Und wenn die Spieler für diese Aufgaben entwickelt werden sollen, muss selbstredend das Training entsprechend gestaltet – und die Trainer dafür sensibilisiert werden. Denn der Umkehrschluss, da ist sich Bordinggaard sicher, ist auch ökonomisch das schlagkräftigste Argument: „Mit den besten Trainern und den besten Trainingsmethoden optimieren wir auch die Talente.“
Der Beitrag ist dem Werkself Magazin #35 entnommen, das im März 2022 erschienen ist. HIER geht's zu den kostenlosen Online-Blätterkatalogen aller bisherigen Werkself Magazine.

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Ohne ihn hätte Bayer 04 im Jahr 1988 möglicherweise nicht den UEFA-Cup gewonnen: Falko Götz traf für die Werkself im Final-Rückspiel gegen Espanyol Barcelona mit einem Flugkopfball zum zwischenzeitlichen 2:0. Der Rest ist schwarz-rote Fußball-Geschichte. In unserer Interview-Reihe anlässlich „40 Years Across Europe“ spricht der heute 64-Jährige über das Highlight seiner Leverkusener Zeit und erinnert sich an ein unfertiges Stadion sowie an besondere Partien. Und er hat einen wichtigen Appell an alle Fans der Werkself...
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