
Der SV Wehen Wiesbaden ist mit zwei Niederlagen in die neue Saison der 3. Liga gestartet. Auf das 1:3 zu Hause gegen Zweitliga-Absteiger SC Preußen Münster folgte am vergangenen Wochenende ein deutliches 0:4 bei Aufsteiger Würzburger Kickers. Entsprechend enttäuscht äußerte sich Wiesbadens Trainer Daniel Scherning nach der Partie: „Ein total verdienter Sieg“, gestand der 42-Jährige. „Wir haben das gemacht, was du hier nicht machen darfst: Wir haben viel zu sorglos Fußball gespielt. Wir hatten viele einfache Ballverluste. Dann läufst du in Konter.“ Dabei hatte der SVWW in den ersten zehn Minuten einige gute Möglichkeiten, selbst in Führung zu gehen. Nach dem 0:1- Freistoßtreffer des Ex-Wiesbadeners Franjic gaben die Gäste die Partie aber aus der Hand, kamen sogar noch unter die Räder und sind nach zwei Spieltagen Tabellenschlusslicht.
Beim Auftakt gegen Münster hatten die Wiesbadener über weite Strecken noch eine ordentliche Leistung gezeigt. „Wenn wir die unglücklichen Gegentore ausklammern, haben wir ein gutes Spiel gemacht“, sagte Scherning und sprach damit die Treffer zum 0:1 und 1:2 an. Zunächst war Torhüter Florian Stritzel ein grober Schnitzer nach einem Rückpass unterlaufen. Nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Mittelstürmer Moritz Flotho per Elfmeter waren die Preußen ihrerseits durch einen umstrittenen Strafstoß erneut in Führung gegangen. In der Nachspielzeit musste Wiesbaden noch den dritten Treffer schlucken.
Die Hessen, die die ewige Tabelle der 3. Liga immer noch anführen, hatten sich nach Platz acht in der vergangenen Saison für die aktuelle Spielzeit einiges vorgenommen. Der Klub feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Vom Aufstieg in die 2. Bundesliga, der ihnen zuletzt 2023 gelungen war, redete zwar keiner beim SVWW, aber die Fans dürften sich „auf eine spannende Mannschaft freuen“, versprach Trainer Scherning und ergänzte: „Wir wollen mutig, intensiv und leidenschaftlich Fußball spielen.“
Dass sie genau das können, haben die Wiesbadener im zurückliegenden Jahr in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen den FC Bayern München eindrucksvoll bewiesen. Gegen den späteren Pokalsieger holten die Hessen in der heimischen BRITA-Arena einen 0:2-Rückstand auf und verloren erst in der Nachspielzeit durch einen Treffer von Harry Kane mit 2:3. In diesem Jahr qualifizierten sich die Wiesbadener mit einem 2:1-Sieg im Verbandspokalfinale gegen die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz für den DFB-Pokal- und haben in der 1. Runde mit Bayer 04 erneut einen Bundesligisten als Gegner. „Sportlich ist das ein maximal herausforderndes Los“, reagierte Scherning auf die Auslosung und gab sich kämpferisch: „Wir dürfen uns in unserem eigenen Stadion mit einer der besten Mannschaften Deutschlands messen. Darauf freuen wir uns. Gerade so früh in der Saison sehen wir das Spiel als Chance. Vielleicht ist es genau dieser eine Tag, an dem wir es schaffen, gegen eine Top-Mannschaft weiterzukommen.“
Der Rekordspieler des SVWW hat sich in diesem Sommer nach insgesamt neun Jahren bei den Hessen aus dem Profifußball verabschiedet: Sascha Mockenhaupt stand in 355 Partien für die Wiesbadener auf dem Feld. Der 34 Jahre alte rechte Verteidiger spielte 2018 noch gemeinsam mit Bayer 04-Profi Robert Andrich für die Hessen. In der aktuellen Saison kickt Mockenhaupt für den Verbandsligisten SG Hüffelsheim.

Auch zwei weitere Führungsspieler verließen den Klub: Mittelstürmer Fatih Kaya, der in den vergangenen beiden Jahren 37 Tore für Wiesbaden erzielte, wechselte in die Türkei zu Samsunspor. Rechtsaußen Ryan Johansson ging zum Ligakonkurrenten Preußen Münster. Insgesamt verzeichnete der SVWW elf Abgänge. Die Verkleinerung des Kaders war freilich auch gewollt.
Neu im Team der Hessen sind seit diesem Sommer nur Mittelfeldspieler Max Brandt (SSV Ulm 1846), der rechte Schienenspieler Philipp Hercher (1. FC Magdeburg) und Offensivkraft Sinan Karweina (FC Luzern). Auf Leihbasis verpflichtete der SVWW darüber hinaus das 20 Jahre alte Talent Ayoub Chaikhoun von Zweitligist 1. FC Nürnberg. „Ein sehr spannender und entwicklungsfähiger Mittelfeldspieler, der Dynamik, Spielintelligenz und technische Qualitäten gut miteinander vereint“, sagt Uwe Stöver. Der Sport-Geschäftsführer des SV Wehen Wiesbaden hat im Übrigen eine Leverkusener Vergangenheit. Stöver trug zwischen 1989 und 1993 als Mittelfeldspieler das Trikot mit dem Kreuz auf der Brust und wurde 1993 mit Bayer 04 DFB-Pokalsieger.
Ein Leistungsträger wird dem SVWW am Samstag gegen die Werkself verletzungsbedingt fehlen: Kapitän und Innenverteidiger Florian Hübner (35) zog sich in der Vorbereitung in einem Testspiel eine Kapselverletzung im Fuß zu. Der ehemalige Bundesliga-Profi des 1. FC Union Berlin muss einige Wochen pausieren. Trainer Scherning, seit November 2025 in Wiesbaden tätig und zuvor viele Jahre als Chefcoach von Eintracht Braunschweig, Arminia Bielefeld und dem VfL Osnabrück in der 2. Bundesliga aktiv, vertraute in der Dreierkette in den ersten beiden Ligaspielen auf Jakob Lewald, Justin Janitzek und Jordy Gillekens. Die beiden Letzteren zählten bereits in der vergangenen Saison zu den Stammkräften. Gefährlichste Offensivkraft bei den Hessen ist Moritz Flotho. Der 24-Jährige kam 2024 vom SC Paderborn II nach Wiesbaden. Er erzielte in bislang 85 Pflichtspielen 25 Tore für den SVWW. In der vergangenen Saison war der gebürtige Kasseler mit 20 Punkten bester Scorer seines Teams.

Viele Fragen beim SV Wehen Wiesbaden sind bislang noch unbeantwortet: Wie verkraftet das Team den Weggang etlicher Führungsspieler? Aus dem sechsköpfigen Mannschaftsrat der Vorsaison sind vier Spieler ausgeschieden. Wie schnell findet sich eine neue Hierarchie? Auf welchen Positionen wird es möglicherweise Verstärkungen geben? Noch scheint es Abstimmungsprobleme zwischen den Mannschaftsteilen zu geben. Mangelnde defensive Stabilität ging einher mit fehlender Effizienz im Angriff. Die Konteranfälligkeit der Wiesbadener war ein Grund für die klare 0:4-Niederlage gegen Würzburg. „Es war insgesamt viel zu wenig, was Zweikampfverhalten, Körperlichkeit und Durchsetzungsvermögen betrifft“, haderte Scherning nach der Partie und schloss weitere Neuzugänge nicht aus. „Jetzt gilt es, die richtigen Schlüsse für die Trainingswoche, aber auch für die nächsten zwei Wochen, in denen das Transferfenster noch offen ist, zu ziehen.“
In der vergangenen Saison stellte der SV Wehen Wiesbaden die sechstbeste Defensive der 3. Liga. In 38 Spielen kassierte das Team 52 Gegentore. Kompaktes Verteidigen, robuste Zweikampfführung, hohe Intensität und Widerstandsfähigkeit – auf diese Dinge legt Trainer Scherning größten Wert. In der laufenden Saison konnte die Mannschaft einiges davon nur im ersten Spiel gegen Preußen Münster umsetzen. Im Pokalspiel gegen die Werkself dürfte der SVWW vor ausverkauftem Haus in der BRITA Arena all diese Tugenden erneut in die Waagschale werfen. Viele aus dem Team, das vor knapp einem Jahr den FC Bayern in der 1. Runde am Rande einer Verlängerung hatte, werden auch gegen Bayer 04 wieder mit dabei sein.

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