
Wenn man acht Spieltage vor Saisonende acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz hat, dann ist man ein Kandidat für den Abstieg aus der Bundesliga, das ist klar. Ebenso klar ist aber die Tatsache, dass die Kölner in letzter Zeit nicht wie ein Abstiegskandidat spielen. Wer sich in den vergangenen Wochen ein Spiel des FC anschaute, der sah zumeist couragierte Auftritte eines Teams, das sich mit allem, was es hat, gegen den Gang in die Zweitklassigkeit stemmt und dabei spielt wie eine Mannschaft, das sich im Mittelfeld der Tabelle befindet. Aber: Aufgrund der enormen Hypothek aus der Hinrunde, in der 13 von 17 Spielen verloren gingen, wird Durchschnitt wohl nicht reichen. Zumal ihnen auch das Matchglück zuletzt nicht immer hold war. Gegen Bremen gewannen sie zwar mehr Zweikämpfe (55%), hatten mehr Ballbesitz (57%) und eine bessere Passquote (82% zu 76%), doch weil Claudio Pizarro in der Schlussphase eine gute Chance zum 2:2 vergab, kassierten sie noch das 1:3 und gingen als Verlierer vom Platz. Um die Chance auf den Klassenerhalt aufrecht zu halten, braucht Köln vor allem eines: Siege. Auch gegen starke Gegner wie Bayer 04 sind Unentschieden in der aktuellen Situation zu wenig.
Auch Trainer Stefan Ruthenbeck (im Bild mit Manager Armin Veh), der nach seiner Installation im Dezember immerhin 14 Punkte aus 14 Spielen holte, ist sich bewusst, dass der Klassenerhalt nur über Dreier noch zu erreichen ist. Daher richtete er seine Formation zuletzt deutlich offensiver aus, ließ größtenteils mit einer Dreierkette spielen. Auf der Doppelsechs agierte zuletzt in Winterneuzugang Vincent Koziello ein offensiv denkender Akteur, der das Angriffsspiel zusehends ankurbelte. Der spielstarke Franzose ist nicht der einzige Wintertransfer, der Köln neues Leben einhauchte. Mittelstürmer Simon Terodde, aus Stuttgart in die Domstadt zurückgekehrt, erzielte in neun Spielen bereits fünf Tore für den FC und behob damit die Angriffsmisere, mit der die Geißböcke in der Hinrunde so stark zu kämpfen hatten. Kein anderer Spieler, der die gesamte Saison für Köln spielt, kommt auf fünf Treffer. Einer, der solche Marken zweifellos drauf hätte, ist Leonardo Bittencourt. Der Offensivmann fehlte Köln aber lange Zeit verletzt, absolvierte sein erstes Spiel unter Ruthenbeck erst Ende Februar in Leipzig – und traf nach Einwechslung prompt zum 2:1-Siegtreffer. Gegen Bayer 04 könnte es für den Deutsch-Brasilianer nun auch wieder für einen Startelfeinsatz reichen – es wäre sein erster seit November und ein weiterer Hoffnungsschimmer für seine Mannschaft. Milos Jojic (Muskelverletzung) und Frederik Sörensen (Trümmerbruch des Nasenbeins) müssen gegen die Werkself verletzt passen.
Das Risiko, das Ruthenbeck neuerdings eingeht und eingehen muss, hat zwar zu einer Belebung des Offensivspiels geführt, geht aber naturgemäß auf Kosten der Defensive. Mit 46 Gegentoren stellt Köln die anfälligste Abwehr der Liga, in den vergangenen sechs Spielen musste Torhüter Timo Horn 15 Mal hinter sich greifen. Da die Außenbahnspieler in Ruthenbecks neuem System extrem offensiv agieren, und Koziello im zentralen Mittelfeld Zweikämpfe nicht unbedingt als sein Kerngeschäft versteht, ergeben sich für die gegnerischen Teams automatisch Räume zwischen den Ketten. Auch nach Führung gelingt es den Kölnern nicht, kompakter zu stehen. Alleine seit Ruthenbecks Amtsantritt lag die Mannschaft – wie übrigens auch beim 1:2 im Hinspiel in der BayArena – in ganzen acht von vierzehn Spielen in Front, konnte aber nur vier dieser Spiele gewinnen. Besonders dramatisch: Ruthenbecks Bundesliga-Debüt, bei dem der FC eine 3:0-Führung gegen den SC Freiburg verspielte.
31 Spieler setzten die Domstädter in der laufenden Saison ein – Ligahöchstwert und oft ein Zeichen für Fehler bei der Kaderzusammenstellung. Im Fall der Kölner aber auch ein Zeichen dafür, dass die starke Jugendarbeit des Vereins Früchte trägt. In Lukas Klünter (21), Yann Aurel Bisseck (17), Salih Özcan (20), Chris Führich (20) und Anas Ouahim (20) kamen in der laufenden Saison fünf Talente aus dem eigenen Nachwuchs zum Einsatz, die den selben Weg gehen wollen wie Stammkeeper Timo Horn. Der feierte sein Debüt für den FC übrigens in der Saison 2012/13 in der 2. Bundesliga. Sollten die Kölner dort in der nächsten Saison tatsächlich auch spielen, wäre das für die jungen Spieler aus den eigenen Reihen eine große Chance, den nächsten Schritt zu machen.
Auch wenn die Leistungen zuletzt Hoffnung machten: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Derby am Sonntag in der kommenden Saison keine Wiederholung findet, ist sehr groß. Zu wenige Spiele hat der FC zur Verfügung, um den Abstand auf die ebenfalls nicht schlafende Konkurrenz noch aufzuholen. Dennoch: Sollte es den Kölnern gelingen, defensiv kompakter zu stehen und ihre ansprechenden Auftritte in Siege und bestenfalls in eine Serie umzumünzen, ist auch hier das letzte Wort noch nicht gesprochen – oder auch: Et hätt noch immer jot jegange.

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