
Die Hoffnung war eigentlich groß am Geißbockheim im Sommer: den Wiederaufstieg souverän geschafft, die Aufstiegsmannschaft gehalten und punktuell verstärkt, einen neuen, vielversprechenden Mann auf der Trainerbank installiert. Doch kurz vor Weihnachten herrscht Ernüchterung in der Domstadt. Von Beginn an lief es nicht wirklich rund in der Bundesliga, hinzu kam das Aus im DFB-Pokal gegen Regionalligist Saarbrücken. Trainer Achim Beierlorzer ist nach rund vier Monaten im Amt schon wieder Geschichte, auch Geschäftsführer Achim Veh zog sich vorzeitig zurück. Mitten im Abstiegskampf bekamen die Kölner also eine komplett neue sportliche Leitung: Horst Heldt beerbte Veh als Geschäftsführer, Markus Gisdol wurde Nachfolger von Beierlorzer als Trainer. Doch die Trendwende konnte das neue Duo bislang auch noch nicht herbeiführen, im Gegenteil: Nach dem 0:2 beim Mit-Aufsteiger Union Berlin am vergangenen Sonntag und dem anschließenden Sieg des SC Paderborn 07 in Bremen ist der FC sogar erstmals in dieser Saison auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Nach drei Spielen am Ruder wartet Gisdol noch auf den ersten Sieg als Coach der Kölner – und auf die damit verbundene Initialzündung.
Im Gegensatz zu Beierlorzer, der meistens im 4-2-3-1 spielen ließ, setzte Gisdol zuletzt auf zwei „echte Angreifer“. Eine Entscheidung, die auf den ersten Blick logisch erscheint, schließlich verfügen die Kölner mit Anthony Modeste, Jhon Cordoba und Simon Terodde über einen durchaus hochkarätig besetzten Sturm. Auch dahinter kann Gisdol gegen die Werkself beinahe aus dem Vollen schöpfen. Die Personalsituation entspannt sich für das Derby deutlich, da die in Berlin gesperrten Rafael Czichos und Jonas Hector gegen die Werkself wieder zur Verfügung stehen, auch der zuletzt angeschlagene Kingsley Schindler sollte wieder mit von der Partie sein können. Czichos dürfte damit wohl Lasse Sobiech in der Innenverteidigung ersetzen; Kapitän und Nationalspieler Hector voraussichtlich die Linksverteidigerposition besetzen, die zuletzt die Youngster Ismail Jakobs (20) und Noah Katterbach (18) innehatten. Die Rückkehr der beiden Routiniers dürfte in jedem Fall mehr Stabilität in die Kölner Defensive bringen, die in dieser Saison erst ein einziges Mal zu Null spielen konnte: beim 3:0 gegen Paderborn Mitte Oktober. Es war gleichzeitig der letzte Sieg des FC in dieser Saison.
Zwar ist die Defensive der Kölner notorisch anfällig, Rätsel gibt aber vor allen Dingen die harmlose Offensive auf. In der abgelaufenen Zweitliga-Saison schoss sich Köln mit stolzen 84 Treffern regelrecht zum Aufstieg, nun stellt das Team mit gerade einmal 12 Toren in 14 Bundesligaspielen den schlechtesten Angriff der Liga. Weder Beierlorzer noch Gisdol ist es bislang gelungen, die zweifellos vorhandenen Offensiv-PS auf die Straße zu bringen. Rückkehrer Modeste etwa steht erst bei einem einzigen Saisontor. Der österreichische Edeltechniker Louis Schaub sowie der Ex-Leverkusener Dominick Drexler, die im Unterhaus noch überragten, lassen ihre Klasse nur stellenweise aufblitzen. Köln braucht in der aktuellen Situation dringend Punkte – und dafür Tore. Hier ist Gisdol als bekennender Verfechter des Offensivfußballs gefragt.
Zwar hat der Abstieg 2018 den Verein zurückgeworfen, trotzdem ist Köln weiterhin eine renommierte Adresse im deutschen Fußball. Noch vor zwei Jahren spielten die Domstädter in der Europa League gegen den FC Arsenal. Die Strukturen und die Möglichkeiten, um sich wieder in der Bundesliga zu etablieren, sind noch immer vorhanden. Doch derzeit kommt der Verein einfach nicht zur Ruhe: Erst musste Aufstiegstrainer Markus Anfang als Zweitliga-Tabellenführer gehen, dann ereilte – nur wenige Monate später – seinen Nachfolger Beierlorzer mitsamt Geschäftsführer Veh das Aus. Mit dem Wechsel der sportlichen Leitung inmitten der Hinrunde steht Köln nun vor einem Einschnitt. Einem, der nach dem turbulenten 2019 ein ruhigeres 2020 ans Geißbockheim bringen soll.
Zwar gehen die Kölner nach der jüngsten Durststrecke als Außenseiter ins Derby, doch nach wie vor hat der FC eine Menge Waffen, um jedem Gegner in der Bundesliga weh tun zu können. Diese wieder richtig einzusetzen, ist jetzt Aufgabe von Markus Gisdol. Bei nun bereits vier Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz drängt die Zeit, um die Trendwende einzuleiten – aber Köln hat definitiv die Qualität, um am Ende den Klassenerhalt schaffen zu können.

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