
Das Spielglück fehlt Frank Kramer noch. In seinem zweiten Spiel als Chefcoach von Arminia Bielefeld zeigte sein neues Team im Nachholspiel gegen Werder Bremen am Mittwoch eigentlich eine ansprechende Leistung, ging aber letztlich doch mit einer 0:2-Niederlage vom Platz. „Es ist eine schwere Pille, die wir da zu schlucken haben“, zeigte sich Kramer enttäuscht, kündigte aber auch an: „Wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Die Ausgangslage, in der er die Arminia Anfang vergangener Woche von Uwe Neuhaus, der das Team 2020 zum Aufstieg geführt hatte, übernommen hat, ist ja auch alles andere als aussichtslos. Die Ostwestfalen belegen Relegationsplatz 16, haben einen Punkt Vorsprung auf die direkten Abstiegsränge und zwei Zähler Rückstand auf das rettende Ufer – noch alles drin. Sorgen macht derzeit wohl eher die Serie von mittlerweile sieben Ligaspielen in Folge ohne Sieg. Kramer, der zuvor bereits Hoffenheim und Fürth in der Bundesliga coachte, schaffte in seinem Premierenspiel zumindest ein mehr als achtbares Remis gegen den 1. FC Union Berlin. Und auch gegen Werder war deutlich mehr drin als die Niederlage, bei der Bielefeld selbst nach einem Platzverweis gegen Nathan de Medina (71.) noch Gelegenheiten hatte, die Partie doch noch zu drehen. Sein erstes Auswärtsspiel als Arminia-Coach wird der 48-Jährige dann am Sonntag in der BayArena absolvieren. „Wenn man immer so investiert und voll auf dem Gaspedal bleibt, dann kann man das Glück auch mal erzwingen“, hoffte Kramer.
Bereits in den ersten beiden Spielen wurde eine Handschrift des neuen Coaches deutlich. Kramer macht vieles anders als sein Vorgänger Neuhaus – taktisch wie personell. Während die Arminia unter Neuhaus zumeist in einem 4-4-2 mit Doppelsechs oder im 4-3-3 auflief, hat Kramer nun eine Mittelfeldraute installiert, mit der Bielefeld sowohl gegen Union Berlin als auch gegen Bremen startete. Auch in Sachen Personal rückt Kramer von den Dogmen seines Vorgängers ab. So saß der unter Neuhaus gesetzte Dribbler Ritsu Doan gegen Union Berlin zum ersten Mal in der kompletten Saison nur auf der Bank. Gegen Bremen spielte der Japaner dann wieder von Beginn an, dafür erwischte es Kapitän und Sturm-Institution Fabian Klos, unter Neuhaus ebenfalls unantastbar und in jedem Saisonspiel in der Startelf. Dafür schenkte Kramer nun in beiden Spielen dem von Hertha BSC ausgeliehenen Mittelfeld-Talent Arne Maier von Beginn an das Vertrauen, den Neuhaus vor seiner Entlassung nicht einmal mehr in den Kader berufen hatte.
Dementsprechend könnte auch die Startformation gegen die Werkself Überraschungen mit sich bringen. Sicher verzichten muss Kramer auf Rechtsverteidiger Nathan de Medina, der nach seiner Roten Karte gegen Bremen gesperrt fehlen wird. Dagegen könnte Angreifer Sergio Cordova, der am Mittwoch wegen einer im Union-Spiel erlittenen Zahnprellung fehlte, wieder zurückkehren. Fragezeichen stehen noch hinter Cebio Soukou, der zuletzt angeschlagen fehlte, sowie hinter Joan Simun Edmundsson, den muskuläre Probleme plagen.
Die Tugenden, die von einem Aufsteiger gefordert werden, ruft Bielefeld mit Bravour ab. Die Arminia zählt zu den laufstärksten Teams der Liga, ligaweit spult nur Union Berlin noch mehr Kilometer ab als die Ostwestfalen. Beim direkten Aufeinandertreffen der beiden Teams zur Kramer-Premiere am vergangenen Sonntag knackte DSC-Mittelfeldmann Manuel Prietl sogar als erster Spieler in der laufenden Saison die 14-Kilometer-Marke in einer Partie. Und nicht nur in dieser Beziehung steht Bielefeld ganz oben im Liga-Vergleich: Die Arminia bestreitet im Schnitt 114 Zweikämpfe pro Spiel und damit die meisten in der Bundesliga, auch die Zweikampfquote (51 Prozent gewonnen) liegt über dem Durchschnitt. Ganz klar: Mangelnden Einsatz kann man der Arminia nicht vorwerfen.
Ein Defizit, das auch Kramer noch nicht beheben konnte, ist die fehlende Effektivität in der Offensive. Erst 18 Treffer stehen in der laufenden Saison zu Buche, nur Schlusslicht Schalke 04 (16) hat weniger auf dem Konto. Dabei könnte dieser Wert deutlich versöhnlicher ausfallen, wenn Bielefeld vor dem gegnerischen Tor abgezockter wäre. Doch sowohl in Sachen Großchancenverwertung als auch in Sachen Schussgenauigkeit sind die Ostwestfalen das Schlusslicht der Bundesliga. Kramer durfte als Arminia-Coach noch gar kein Tor für sein Team bejubeln, obwohl die Möglichkeiten gerade gegen Bremen da waren. „Wir hatten genug Chancen und Abschlüsse, aber der Gegner war gnadenlos effektiv und genau das haben wir vermissen lassen“, haderte der Trainer im Anschluss.
Dass es für die Bielefelder nach dem Aufstieg im vergangenen Sommer ausschließlich um den Klassenerhalt gehen würde, war allen Beteiligten von Beginn an klar. Als Außenseiter in der Liga verkauft sich die Arminia bislang sehr teuer und hat realistische Chancen, für ein weiteres Jahr Bundesliga-Fußball auf der Alm zu sorgen, zumal das Auftaktprogramm in der Rückrunde ein äußerst schwieriges war. Die Partien gegen Frankfurt, Bayern, Dortmund und Wolfsburg hat Bielefeld schon hinter sich, nach dem Spiel in der BayArena wartet direkt RB Leipzig – und dann warten Gegner, die in der unteren Hälfte der Tabelle beheimatet sind. Wenn Bielefeld in dieser Phase die nötige Effektivität zeigt, könnte es klappen mit dem großen Ziel.

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