Gegner-Check: Mit neuem Cheftrainer und neuem Spielstil

Der 1. FC Union Berlin hat in seinen beiden ersten Pflichtspielen in dieser Saison bereits großen Kampfgeist und Moral bewiesen. Auch bei der Auswärtspartie in Leverkusen am kommenden Samstag, 5. September (Anstoß: 15.30 Uhr/live bei Sky sowie WOW und im Werkself-Radio), wollen die Eisernen unter ihrem neuen Coach Mauro Lustrinelli ein unbequemer Gegner für die Werkself sein. Der Gegner-Check.
Mauro Lustrinelli, Rani Khedira, Aljoscha Kemlein und Josip Juranovic

Position

Nach durchwachsenen Ergebnissen in der Vorbereitung waren Mannschaft, Trainer, Verantwortliche und Fans der Eisernen wohl gleichermaßen gespannt, wie der Pflichtspielauftakt laufen würde. Von seinen zehn Testspielen hatte Union nur drei gewonnen.

So war nach dem 4:2-Sieg bei Eintracht Braunschweig in der 1. Runde des DFB-Pokals durchaus Erleichterung bei den Köpenickern zu spüren. Immerhin hatten sie zweimal in Rückstand gelegen und das Duell am Ende trotzdem noch für sich entschieden. Nicht zuletzt deshalb, weil der Joker gestochen hatte: Marin Ljubicic bereitete zunächst den 2:2-Ausgleich vor und erzielte die beiden weiteren Treffer selbst. „Braunschweig ist wahrscheinlich das härteste Los, das wir in der ersten Runde bekommen konnten“, sagte Mittelfeldspieler Rani Khedira nach dem Einzug in die 2. Runde. „Wir haben uns gut auf das Spiel vorbereitet. Auch wenn wir zweimal in Rückstand geraten sind, sind wir zweimal zurückgekommen. Das war auch immer wieder Thema in der Vorbereitung: mit Rückschlägen gut umzugehen und immer konzentriert weiterzuspielen.“

Volle Konzentration war auch eine Woche später beim Bundesliga-Auftakt gegen Eintracht Frankfurt gefragt. Im Stadion An der Alten Försterei erwischten die Hausherren, in der Vorsaison Tabellenelfter, einen Traumstart: Bereits in der vierten Minute traf Neuzugang Emmanuel Latte Lath per Kopf nach einem Eckball von Josip Juranovic zur Führung für die Hausherren. Die Frankfurter drehten die Partie jedoch durch einen Dreierpack von Younes Ebnoutalib (10., 11., 67.). Aber die Eisernen bewiesen erneut Moral. Zu Beginn der Schlussphase traf Leopold Querfeld erneut nach einer Juranovic-Ecke zum Anschluss (79.) und bereitete in der zweiten Minute der Nachspielzeit schließlich auch noch den Ausgleich von Tim Skarke vor. „Insgesamt bin ich mit unserer Leistung zufrieden und halte den Punktgewinn für absolut verdient“, sagte Unions neuer Trainer Mauro Lustrinelli nach seinem Bundesliga-Debüt. „Vor allem nach dem 1:3 haben wir zahlreiche Chancen herausgespielt, viel Moral bewiesen und bis zur letzten Minute an uns geglaubt. Auf dieser Leistung und dieser Einstellung können wir in den kommenden Wochen aufbauen.”

Leopold Querfeld trifft für Union Berlin
Nach Standards immer gefährlich: Leopold Querfeld (4. v. l.) köpft nach einer Ecke den Anschlusstreffer für Union Berlin gegen Eintracht Frankfurt – die Köpenicker waren in den ersten beiden Pflichtspielen bereits viermal nach ruhendem Ball erfolgreich.

Personal

In der vergangenen Saison hatte Mauro Lustrinelli den FC Thun in der Schweiz mit 80 Toren zur ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte geführt – und das als Aufsteiger. In Thun war der 50-Jährige 2013 einmal Co-Trainer unter Urs Fischer, der einige Jahre später bekanntlich die Eisernen in die Bundesliga führte und sich mit ihnen 2023 für die UEFA Champions League qualifizierte. Nun will der nächste Schweizer mit dem Klub aus Köpenick ein neues Kapitel aufschlagen, will Union mit einem neuen Spielsystem in höhere Tabellenregionen zurückführen. „Er hat in den vergangenen Jahren gezeigt, wie er Mannschaften formen und weiterentwickeln kann“, sagt Union-Sportchef Horst Heldt. „Zudem entspricht seine Art, Fußball spielen zu lassen, unseren Vorstellungen. Wir wollen aktiver spielen, verstärkt junge Spieler integrieren und gemeinsam erfolgreich sein.“

Lustrinelli favorisiert ein 4-2-2-2. Der Trainer setzt auf hohes Pressing und schnelles Umschalten. „Wir wollen mit Intensität, Dynamik und Energie nach vorne spielen. Um erfolgreich zu sein, brauchen wir eine solide Gruppe und die passende Gewinnermentalität“, sagt der Schweizer. Er wird nicht nur die taktische Grundformation von einer Dreierkette mit zwei defensiven Schienenspielern zu einer Viererkette umbauen, sondern auch personelle Veränderungen vornehmen müssen.

Die beiden langjährigen Leistungsträger und Innenverteidiger Danilho Doekhi und Diogo Leite haben den Klub verlassen. Für die zentralen Positionen in der Kette wurden Zeno Van Den Bosch (Royal Antwerpen), Marvin Friedrich (Bor. Mönchengladbach) und zuletzt Felix Uduokhai (Besiktas Istanbul) neu verpflichtet. Letzterer ist ein alter Bekannter aus der Bundesliga, spielte sowohl für den VfL Wolfsburg als auch für den FC Augsburg. Als Innenverteidiger stehen darüber hinaus Stanley Nsoki und Leopold Querfeld bereit. Union-Urgestein und Kapitän Christopher Trimmel ist mit seinen 39 Jahren nicht mehr immer erste Wahl auf der rechten Abwehrseite, wo zuletzt der Kroate Josip Juranovic die Nase vorn hatte. Im zentralen Mittelfeld dürfte Lustrinelli in Rani Khedira und Aljoscha Kemlein auf zwei bewährte Kräfte zurückgreifen.

„Um erfolgreich zu sein, brauchen wir eine solide Gruppe und die passende Gewinnermentalität.Union-Trainer Mauro Lustrinelli

Für Balance und Stabilität soll aber auch Neuzugang Michel Aebischer sorgen. Der Schweizer WM-Teilnehmer gilt als Allrounder, kann auf der Sechs oder Acht spielen. Verstärkung holten sich die Eisernen für die Offensive in Person von Emmanuel Latte Lath. Der 27 Jahre alte Ivorer wechselte auf Leihbasis aus der Major League Soccer von Atlanta United nach Berlin und hatte zuvor zwei Jahre beim englischen Zweitligisten FC Middlesbrough gespielt. In Kastriot Imeri verpflichtete Union kurz vor dem Ende der Transferperiode zudem noch einen Wunschspieler von Lustrinelli, der mit dem Offensivakteur schon beim FC Thun zusammengearbeitet hatte. Allerdings wird Imeri gegen Bayer 04 aufgrund von Oberschenkelproblemen noch nicht spielen können. Verzichten muss Union in Leverkusen voraussichtlich auch auf seine Stürmer Oliver Burke (Achillessehnenprobleme) und Andrej Ilic (Lebensmittelvergiftung).

Probleme

Noch läuft längst nicht alles rund bei den Köpenickern. Die Umstellung auf den neuen Spielstil braucht Zeit. Was sich in der Vorbereitung angedeutet hatte, setzte sich beim Pflichtspielauftakt in Braunschweig und auch beim Bundesligastart gegen Frankfurt fort: Das hohe Anlaufen und aggressive Pressing funktionierte nur bedingt, zwischen den Mannschaftsteilen gab es zum Teil große Lücken. Und auch in der neuen Viererkette fehlte mitunter die richtige Zuordnung und Abstimmung. Klub-Präsident Dirk Zingler hatte bereits im Trainingslager in Österreich mit Blick auf den Saisonstart gesagt: „Wir sind darauf vorbereitet, dass es vielleicht auch ein bisschen ruckelt am Anfang. Das kann durchaus sein, aber da müssen wir dann auch die Nerven behalten." Von defensiver Stabilität, in den vergangenen Jahren stets eine Stärke der Berliner, sind sie aktuell jedenfalls noch ein Stück weit entfernt. Fünf Gegentore in den ersten beiden Pflichtspielen sind dafür ein Beleg.

Prunkstück

Zwei Tore nach Standards beim 4:2 gegen Braunschweig, zwei weitere Treffer im Anschluss an Ecken beim 3:3 gegen Frankfurt: Nach ruhenden Bällen sind die Eisernen höchst gefährlich und effizient. Zudem erwiesen sie sich in den beiden ersten Pflichtspielen als extrem widerstandsfähig, kamen jeweils nach Rückständen wieder zurück ins Spiel – Einstellung und Moral im Team stimmen also. Am ersten Spieltag führten die Berliner gegen Frankfurt die meisten Zweikämpfe aller Bundesliga-Teams. Auch das spricht für die hohe Intensität im Spiel der Hauptstädter. Zudem bringen in der Offensive Akteure wie Burke, Latte Lath, Skarke und Imeri viel Tempo mit.

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