
Auch wenn die lange Winterpause dazwischen liegt, darf man getrost von einer kleinen Erfolgsserie des VfL Bochum 1848 sprechen. Der 3:1-Sieg gegen Hertha BSC am vergangenen Wochenende war der dritte Bundesliga-Dreier in Folge für das Team von Trainer Thomas Letsch. Die beiden letzten Partien im alten Jahr hatte der VfL gegen Borussia Mönchengladbach (2:1) und beim FC Augsburg (1:0) gewonnen. Nun gelang den Bochumern mit dem verdienten Sieg gegen die Hertha erstmals seit dem zweiten Spieltag der Sprung auf einen Nicht-Abstiegsrang. Der VfL kletterte auf Platz 14. An der Castroper Straße sind die Fans nach dem vierten Heimsieg hintereinander fast schon euphorisch gestimmt. Verständlich, denn die Saison hatte besorgniserregend begonnen: Nach sechs Niederlagen in den ersten sechs Spielen trennte sich der Klub von Cheftrainer Thomas Reis, unter dem der VfL 2021 nach elfjähriger Abstinenz wieder in die Bundesliga aufgestiegen war und in der vergangenen Spielzeit gleich den souveränen Klassenerhalt geschafft hatte.
Thomas Letsch übernahm am achten Spieltag eine verunsicherte Mannschaft, holte mit ihr am neunten Spieltag den ersten Saisonsieg (3:0 gegen Eintracht Frankfurt) und hat in den darauffolgenden Wochen offensichtlich an den richtigen Stellschrauben gedreht. 15 Punkte fuhren die Bochumer unter ihm ein. Auswärts allerdings musste der VfL auch unter Letsch – mit der Ausnahme Augsburg – deutliche Niederlagen hinnehmen. Und so will der 54-jährige ehemalige Mathematik- und Sportlehrer auch nicht zu viel Begeisterung aufkommen lassen. „Bei uns hebt keiner ab. Wir haben schließlich noch nichts erreicht.“ Aber das Spiel gegen Hertha BSC habe gezeigt, „dass die Mannschaft lebt und daran glaubt, die Klasse zu halten“.
Großen Anteil am 3:1-Sieg hatte Mittelstürmer Philipp Hofmann, der im vergangenen Sommer vom Zweitligisten Karlsruher SC nach Bochum kam. Der 1,95-Meter-Hüne erzielte mit einem Doppelpack seine Saisontreffer fünf und sechs. „Die Physis ist Philipps Stärke, er liebt es, sich quasi in die Gegenspieler reinzustellen“, sagt Letsch über den 29-Jährigen. „Jetzt profitiert er davon, dass das Spiel mehr auf ihn zugeschnitten ist.“ So wird er von den Außen viel mehr als zu Saisonbeginn mit Flanken gefüttert, kann sich als Zielspieler besser in Szene setzen. Hofmann selbst bleibt bescheiden und sprach vom „klassischen Bochum-Fußball“, den man gegen Hertha an den Tag gelegt habe. „Viele zweite Bälle gewonnen, gute Zweikämpfe geführt. So müssen wir nun auch auswärts auftreten in der englischen Woche“, blickt der Mittelstürmer auf die anstehenden Partien bei Bayer 04 und dem 1. FSV Mainz 05 voraus.
Auch für einen zweiten Neuzugang lief es gegen den Hauptstadtklub nahezu perfekt. Der in der Winterpause auf Leihbasis vom SC Freiburg verpflichtete Keven Schlotterbeck erzielte bei seinem Bochum-Debüt nicht nur sein erstes Bundesligator überhaupt, sondern zeigte auch als Innenverteidiger an der Seite des Ukrainers Ivan Ordets eine starke Leistung. „Es ist schön, so ins neue Jahr zu starten, so kann es gerne weitergehen“, freute sich der ältere Bruder von Nationalspieler Nico Schlotterbeck und hielt fest: „Zu Hause müssen wir punkten, auswärts können wir Nadelstiche setzen.“ Er selbst dürfte in den kommenden Spielen in der Innenverteidigung neben Ordets gesetzt sein. Auf der rechten Abwehrseite hatte der schnelle und athletische Saidy Janko schon in der Winter-Vorbereitung dem Platzhirschen Cristian Gamboa etwas den Rang abgelaufen. Der fällt aber nun mit einem Innenband-Anriss ohnehin für rund vier Wochen aus. Die linke Außenposition in der Viererkette übernahm zuletzt immer der Brasilianer Danilo Soares. Keine Alternative für die Abwehr kann am Mittwoch gegen die Werkself der ehemalige Leverkusener Kostas Stafylidis sein, der wegen eines Rippenbruchs passen muss.
Im Mittelfeld ist Kapitän Anthony Losilla die zentrale Figur. Der 36-jährige Franzose stand bislang in allen 16 Saisonspielen in der Startformation und hat jüngst seinen Vertrag beim VfL um ein weiteres Jahr bis zum 30. Juni 2024 verlängert. Neben ihm überzeugten bislang meist Kevin Stöger und Philipp Förster. Auch der Kameruner Pierre Kunde Malong, ein weiterer Winter-Neuzugang von Olympiakos Piräus, kommt immer besser in Fahrt. Vor allem in der Offensive hat Thomas Letsch die Qual der Wahl. Mittelstürmer Philipp Hofmann ist gesetzt, für die Außenpositionen kommen aber gleich vier Spieler in Frage: die pfeilschnellen Christopher Antwi-Adjei, Gerrit Holtmann und Takuma Asano, Japans WM-Teilnehmer und Siegtorschütze beim 2:1 gegen Deutschland, sowie Routinier Simon Zoller. Vor wenigen Tagen verpflichtete der VfL noch Moritz Broschinski von Borussia Dortmund, wo der 22-jährige Stürmer für die U23 in der 3. Liga zum Einsatz gekommen ist.
Ein schönes Beispiel für ihr perfektes Umschaltspiel über die schnellen Flügel zeigte die Letsch-Elf gegen Hertha BSC. Einen schulbuchmäßigen Konter über Zoller, Hofmann und Antwi-Adjei schloss Hofmann zum dritten Treffer des VfL ab. Wenn sie Räume bekommen und den Turbo einschalten, sind die Bochumer – ähnlich wie die Werkself – nur schwer aufzuhalten. Leidenschaft, Mentalität, der unbedingte Wille sind zudem Pfunde, mit denen der VfL wuchern kann.
Bochum hat mit 37 Gegentoren immer noch die schlechteste Abwehr der Liga. Kein Team kassierte mehr Treffer nach Standards als der VfL (16). Vor allem die Lufthoheit im eigenen Strafraum lässt zu wünschen übrig: 9 Kopfball-Gegentore ließen die Bochumer zu – so viele wie kein anderer Klub. Auswärts konnte das Team bislang zu selten überzeugen. Nur drei Punkte aus acht Spielen stehen hier zu Buche. Allerdings wurden die im letzten Auswärtsspiel vor der Winterpause beim FC Augsburg geholt. Vielleicht befinden sich die Bochumer also auch hier im Aufwärtstrend.
Es ist sicher verfrüht zu sagen, dass sich der VfL Bochum 1848 auf dem besten Weg befindet, nach dem Aufstieg 2021 und dem Klassenerhalt 2022 nun sein „drittes Wunder“ zu vollbringen. Denn als solches würde der erneute Ligaverbleib vom Klub durchaus gesehen, zumal nach dem schwachen Saisonstart. Aber für reichlich Optimismus hat Thomas Letsch definitiv gesorgt. Zudem konnte der Coach in der langen Winterpause erstmals, seit er in Bochum ist, über einen längeren Zeitraum intensiv mit der Mannschaft arbeiten und den Spielern seine Vorstellung von Fußball näherbringen. Die Chemie zwischen Letsch und seinem Team scheint zu stimmen. „Wir spielen jetzt noch mehr so, wie der Trainer das will“, sagt Philipp Hofmann. Ob das auch auswärts zunehmend der Fall sein wird? Die beiden kommenden Partien in Leverkusen und Mainz könnten diesbezüglich wegweisend sein.

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