
Seit sieben Bundesligaspielen hat Hoffenheim nicht mehr gewonnen. Die vierte Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb ist damit zwei Spieltage vor Saisonende in weite Ferne gerückt. Sechs Punkte trennen die TSG als Tabellenachten vom Sechsten 1. FC Köln, fünf Zähler beträgt der Rückstand zum Siebten 1. FC Union Berlin. Dennoch ist die Hoffnung bei den Kraichgauern noch nicht gestorben. „Rechnerisch ist es noch möglich, wir werden alles geben bis zum Schluss“, gibt sich Sebastian Rudy kämpferisch.
Der 32-jährige Hoffenheimer Rekordspieler (271 Liga-Einsätze) musste am vergangenen Wochenende seine 100. Niederlage im Trikot der TSG hinnehmen. Zum spektakulären 3:4 gegen den SC Freiburg hatte der defensive Mittelfeldakteur einen Treffer beigesteuert. Die Partie war exemplarisch für die aktuell frustrierende Saisonphase der Kraichgauer. Sie brachten vor heimischem Publikum trotz zwischenzeitlicher 2:1-Führung keine Sicherheit in ihr Spiel. Fast im Gegenzug fiel das 2:2. „Natürlich kriegen wir den Ausgleich viel zu schnell, das war der Knackpunkt im Spiel“, analysierte David Raum. „Wir machen zu viele einfache Fehler, die auf Topniveau sofort bestraft werden.“
Dass die TSG nach einer starken Hinrunde, in der sie punktgleich mit dem Vierten Bayer 04 auf Platz 5 stand, in diesem Jahr so stark an Boden verloren hat, lag auch an vielen verletzungs- und coronabedingten Ausfällen. Dabei zeigten die Kraichgauer auch in der Rückrunde phasenweise hervorragenden Fußball. Zwischen Mitte Februar und Anfang März holte das Team von Cheftrainer Sebastian Hoeneß vier Siege in Folge und kletterte damit auf Platz vier. Danach aber verlor man den Rhythmus. David Raum: „Wir konnten uns selten einspielen und kamen nicht mehr richtig in Tritt. Jetzt läuft irgendwie alles gegen uns.“
Im Saisonendspurt versucht TSG-Coach Sebastian Hoeneß alles, um den Negativtrend noch einmal umzukehren. Gegen Freiburg beförderte er seinen Torjäger Andrej Kramaric zum Kapitän. „Es ging darum, einen Impuls zu setzen, etwas zu stimulieren und freizusetzen bei Andrej in puncto Verantwortung und Führung“, erklärte Hoeneß den Schritt. Natürlich sei das mit Oliver Baumann, dem Stellvertreter des verletzten Kapitäns Benjamin Hübner, abgesprochen gewesen. Und der Trainer fand sich hinterher bestätigt. Kramaric, der in der vergangenen Saison 20 Tore erzielt hatte, gelang nach zehnwöchiger Ladehemmung endlich wieder ein Treffer, erst sein fünfter in dieser Spielzeit. Ein weiteres Tor bereitete er vor.
Im Defensiv-Bereich kann Hoeneß gegen die Werkself wieder auf den gegen Freiburg gelbgesperrten Stefan Posch zurückgreifen. Die Liste der Fehlenden ist insgesamt aber nach wie vor lang. Verletzt ausfallen werden neben Hübner auch Chris Richards, Ermin Bicakcic, Dennis Geiger, Marco John, Fisnik Asllani und Havard Nordtveit. Ob der zuletzt angeschlagene Florian Grillitsch zur Verfügung stehen kann, ließ Hoeneß offen.
Gut möglich, dass Posch gegen die Werkself wieder in die Dreierkette neben Kevin Vogt und Kevin Akpoguma rückt. Auf der linken Hoffenheimer Außenbahn wird Nationalspieler David Raum wirbeln, der eine überragende Bundesliga-Debütsaison spielt. „Davids Entwicklung ist atemberaubend“, sagt TSG-Manager Alexander Rosen über den 24-jährigen Nationalspieler. Raum glänzte gegen Freiburg erneut als Vorbereiter, verbuchte seine Assists Nummer 12 und 13 und stellte damit einen neuen vereinsinternen Rekord auf, den bislang Kevin Volland mit 12 Vorlagen innehatte. Sollte Hoeneß wie zuletzt ein 4-3-3 bevorzugen, würden im Angriff neben Kramaric vermutlich Munas Dabbur und Ihlas Bebou auflaufen. Auch Jungstar Georginio Rutter (20) ist hier eine Alternative. Bebou und Rutter sind mit jeweils sieben Treffern die erfolgreichsten TSG-Torschützen. Letzterer ist der Einzige im Team, der bislang in allen 32 Bundesligaspielen zum Einsatz kam.
Die Offensive der Kraichgauer ist ihre große Stärke. 55 Tore hat die TSG bislang erzielt, damit nimmt sie in der Bundesliga in diesem Ranking Platz 6 ein. Dass es nicht noch mehr Treffer geworden sind, liegt unter anderem am Abschlusspech – 16-mal traf das Hoeneß-Team nur Pfosten oder Latte (Platz 2 ligaweit). Zum anderen erzielte Tor-Garant Andrej Kramaric bis dato erst ein Viertel seiner Treffer aus der Vorsaison. Immerhin legte der kroatische Vizeweltmeister aber bereits 9-mal zu Toren auf. Was Großchancen und Chancenverwertung betrifft, liegt Hoffenheim jeweils im vorderen Tabellendrittel. Kreiert werden diese Chancen insbesondere über die Außenpositionen, von wo aus vor allem David Raum und Pavel Kaderabek ihre Kollegen mit Flanken füttern. Dass man die TSG nie abschreiben darf, zeigt ein Blick auf die folgende Statistik: Hoffenheim holte 22 Punkte nach Rückständen, was mit Abstand der beste Wert in der Liga ist. Auch in der BayArena kamen die Kraichgauer in der Hinrunde bekanntlich nach einem 0:2 noch zu einem 2:2-Remis. Kein Wunder, dass sie auch die Mannschaft mit den meisten Toren (19) in der Schlussviertelstunde sind.
So stark die Kraichgauer auf den Außenpositionen besetzt sind und so viele Flanken auch vors gegnerische Tor geschlagen werden: In der Offensive mangelt es unter anderem an Kopfballspezialisten, um daraus noch mehr Kapital schlagen zu können. Und hinten fängt sich die TSG in dieser Saison zu viele Gegentore (51) ein. Was auch daran liegen könnte, dass das Team sich in der Defensive durch zahlreiche Gelbsperren oft selbst schwächt. 72 Gelbe Karten und zehn Gelbsperren sind mit Abstand die höchsten Werte in der Bundesliga. „Wir haben es thematisiert, weil uns das gar nicht gutgetan hat“, sagt Hoeneß.
Es müsste schon viel zusammenpassen, damit die TSG doch noch ein Ticket für Europa buchen könnte. Das Big-Point-Spiel gegen den SC Freiburg hat sie am vergangenen Wochenende verloren. Jetzt müssen zwei Siege aus den letzten beiden Spielen her. Schon die Aufgabe am Samstag dürfte schwierig werden, denn die Werkself könnte sich mit einem Dreier in Sinsheim endgültig für die Champions League qualifizieren. Aber selbst bei maximaler Punktausbeute wäre Hoffenheim auf ein Stolpern der Kölner und der Eisernen aus Berlin angewiesen. Aller Voraussicht nach also werden die Kraichgauer in der kommenden Saison nicht international spielen.


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