
Mit dem 2:1-Sieg bei der TSG 1899 Hoffenheim hat der VfL Bochum 1848 schon am vergangenen Wochenende einen ganz großen Schritt in Richtung Klassenerhalt gemacht. Nach den Big Points beim Champions-League-Anwärter schwang Stolz mit in den Aussagen von Stürmer Sebastian Polter: „Diese Mentalität und Leidenschaft, die wir auch hier wieder ins Spiel gebracht haben, das ist es, was uns schon die ganze Saison über auszeichnet.“ Und Verteidiger Maxim Leitsch fand: „In Hoffenheim zu gewinnen, ist überragend für uns. So kommen wir unserem Ziel ein großes Stück näher.“
Das Ziel ist seit Saisonbeginn klar definiert: Die Klasse halten, wieder Fuß fassen in der Bundesliga, in die man erstmals nach elf Jahren wieder aufgestiegen war. Und es sieht gut aus für die Bochumer. Neun Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz 16 sind durchaus komfortabel. Mit 35 Punkten nach 28 Spieltagen spielt der VfL zu diesem Zeitpunkt seine zweitbeste Saison in diesem Jahrtausend. In der Rückrundentabelle nimmt er aktuell den 8. Tabellenplatz ein. Welch begeisternden Fußball die Bochumer spielen können, erlebte Mitte Februar Tabellenführer und Rekordmeister FC Bayern München hautnah, als er an der Castroper Straße beim 2:4 seine höchste Bundesliga-Saisonniederlage hinnehmen musste.
Der Dreier in Sinsheim vergangene Woche war auch deshalb so wichtig, weil Bochum vor der Länderspielpause zwei Spiele in Folge verloren hatte. Vor allem der Becherwurfskandal im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach am 18. März hatte für reichlich Unruhe im Verein gesorgt. Die Partie war in der 69. Minute beim Stand von 0:2 abgebrochen worden, nachdem Schiedsrichterassistent Christian Gittelmann von einem Getränkebecher am Kopf getroffen worden war. Das DFB-Sportgericht wertete das Spiel mit 2:0 für die Gladbacher. Ein zweites sportgerichtliches Verfahren, in dem es um weitere Sanktionen geht, läuft noch. Die erste Heimpartie nach dem Skandalspiel darf nun gegen Bayer 04 wieder vor 25.000 Zuschauern im Vonovia Ruhrstadion stattfinden. VfL-Chefcoach Thomas Reis, der dann zum 100. Mal in einem Pflichtspiel der Bochumer an der Seitenlinie stehen wird, hat sich viel vorgenommen: „Wir wollen unbedingt diese drei Punkte und unser Konto auf 38 erhöhen. Damit hätten wir – da bin ich mir ziemlich sicher – den direkten Abstieg bereits vermieden.“
Personell hat sich die Lage bei den Blau-Weißen erheblich entspannt. Eine Rückkehr dürfte für besondere Emotionen „anne Castroper“ sorgen: Simon Zoller steht nach fast siebenmonatiger Zwangspause wegen eines Kreuzbandrisses vor seinem Comeback. Ein Einsatz von Beginn an ist zwar unwahrscheinlich, als Joker könnte der Stürmer, der im Aufstiegsjahr 15 Treffer erzielt hatte, aber wieder eine Rolle spielen. Thomas Reis, der in den vergangenen Wochen auch zahlreiche corona-bedingte Ausfälle verkraften musste, freut sich im Liga-Endspurt wieder über „mehr Konkurrenzkampf“ in seinem Team. „Das könnte der Schlüssel zum Erfolg werden.“ In der Abwehr sind die erfahrenen Außenverteidiger Danilo Soares (30) und Cristian Gamboa (32) ebenso wieder an Bord wie die beiden jungen Innenverteidiger aus dem eigenen Talentwerk Maxim Leitsch (23) und der deutsche U21-Nationalspieler Amel Bella Kotchap (20), der die besten Zweikampfwerte bei den Bochumern aufweist und gegen Hoffenheim gelbgesperrt fehlte.
Auf der Torhüter-Position musste sich der VfL ohnehin noch nie Sorgen machen. In Sinsheim hat Manuel Riemann einmal mehr bewiesen, wie wichtig er für die Mannschaft ist. Der 33-Jährige zählt in dieser Saison zu den Top-Drei-Torhütern der Liga und ist auch fußballerisch stark. Beim 2:1 gegen Hoffenheim, Bochums insgesamt 100. Auswärtssieg in der Bundesliga, bereitete Riemann in seinem 200. Liga-Einsatz für den VfL beide Treffer des Japaners Takuma Asano mit präzisen Abschlägen vor.
Auch Kapitän Anthony „Toto“ Losilla feierte in Sinsheim ein Jubiläum: Der 36-jährige Franzose bestritt sein 250. Ligaspiel für Blau-Weiß und war auf der Sechser-Position – diesmal gemeinsam mit dem Ex-Leverkusener Kostas Stafylidis – erneut großer Stabilisator und Antreiber in einer Person. Für die Akzente im zentralen Mittelfeld sorgen die vom VfL Wolfsburg bzw. Hertha BSC ausgeliehenen Spieler Elvis Rexhbecaj und Eduard Löwen sowie der Serbe Milos Pantovic. Auf den Außenpositionen wirbeln Gerrit Holtmann, mit sechs Assists bester Vorbereiter der Blau-Weißen und Torschütze des Jahres 2021, der Ghanaer Christopher Antwi-Adjei und eben der japanische Nationalspieler Takuma Asano. In der Sturmspitze ist Sebastian Polter gesetzt, der mit acht Treffern erfolgreichste Torschütze des VfL. Jürgen Locadia, sein Kollege im Angriff, fehlt weiterhin wegen Hüftbeschwerden.
Egal in welchem System, ob im häufig gespielten 4-3-3, im 4-1-4-1 oder wie zuletzt im 4-2-3-1: Das schnelle Umschaltspiel ist die große Stärke des VfL. Die Bochumer zählen zu den Konterkönigen der Liga, haben auf diese Weise bereits sechs Treffer erzielt (Platz 3 im Liga-Ranking). Bei Ballgewinn werden die schnellen Außen Holtmann, Antwi-Adjei oder Asano gesucht und eingesetzt. Letzterer hatte schon bei der 0:1-Niederlage der Blau-Weißen in der Hinrunde in Leverkusen einige gute Szenen. Die Bochumer verbuchten in der BayArena am Ende gar 21 Torschüsse und damit mehr als die Werkself. Denselben Wert erreichte der VfL beim 2:1-Sieg gegen Hoffenheim. Auch hinten machte der Aufsteiger in dieser Saison bis auf wenige Ausnahmen einen stabilen Eindruck und nimmt, was die 40 Gegentore betrifft, einen Platz in der oberen Tabellenhälfte ein.
Bei aller Konterstärke drückt im Abschluss insgesamt der Schuh. Nur 30 Tore erzielten die Bochumer – lediglich Wolfsburg, Bielefeld und Greuther Fürth trafen noch weniger. Bei 10 von 28 Spielen blieb der VfL ohne eigenen Treffer. Es fehlt häufig an Präzision, wie ein Blick auf die Statistik zeigt: Bei der Passquote belegen die Blau-Weißen mit 72 % den letzten Platz. Auch in Sachen Schussgenauigkeit (15.), Chancenverwertung (16.) und Großchancenverwertung (18.) befindet sich das Reis-Team weit unten im Bundesliga-Klassement. Vielleicht macht ja das Beispiel Takuma Asano Mut: Dem Japaner, der am Sonntag gegen die Werkself vor seinem 50. Bundesliga-Spiel für Bochum steht, gelang in Sinsheim sein erster Doppelpack – bis dahin hatte er überhaupt erst zwei Tore in 48 Spielen erzielt.
Neun Punkte Vorsprung auf Platz 16 nach 28 Spieltagen hat seit Einführung der Drei-Punkte-Regel noch nie ein Team verspielt. Mit dem Abstieg sollte der VfL Bochum 1848 aber auch deshalb nichts mehr zu tun haben, weil er mit dem Sieg bei der TSG 1899 Hoffenheim bewiesen hat, dass er mit schwierigen Situationen umgehen kann. Der Aufsteiger wirkt sportlich sehr gefestigt. Überdies kann Cheftrainer Thomas Reis nun auch personell wieder fast aus dem Vollen schöpfen.


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