Tillman: „Den Fußball in den USA verändern“ – Vorschau auf die WM 2026

Fußballfans weltweit freuen sich auf die Weltmeisterschaft 2026, die vom 11. Juni bis zum 19. Juli in den Gastgeberländern USA (78 Partien), Mexiko und Kanada (jeweils 13 Spiele) ausgetragen wird. Erstmals werden 48 Nationen teilnehmen. Doch nicht nur die Anzahl der Gastgeber und der Spiele sind Rekordmarken: Die hauptsächlich in den USA ausgetragene WM wird ein Turnier der Superlative. Bayer 04-Profi und US-Nationalspieler Malik Tillman stimmt die Fans auf den 2026 FIFA World Cup ein.
Malik Tillman in Diensten der USA

Im Jahr 1994 waren die USA bereits ein im positiven Sinne sportverrücktes Land. Mit Soccer aber wurden sie nicht so richtig warm. Zumindest nicht die Männer – das US-Team der Frauen hatte 1991 den WM-Titel geholt und eine Vorreiterrolle als Botschafter des in den übrigen Teilen der Welt so beliebten Sports eingenommen. Doch der Männerfußball hatte es im Lande des American Footballs schwer. Dann richteten die USA erstmals die Fußball-WM aus – und die Sportwelt erlebte ein spektakuläres Fest: Knapp 69.000 Zuschauer strömten 1994 im Schnitt in die riesigen NFL-Arenen, die Fans feierten auf den Tribünen und am Ende bejubelte Brasilien seinen vierten WM-Triumph, da Italiens Superstar Roberto Baggio im Elfmeterschießen so fest gegen den Ball trat, dass dieser in Richtung Stratosphäre flog.

Knapp acht Jahre später wurde Malik Tillman geboren, weitere 20 Jahre später, im Juni 2022, feierte er sein Debüt für das US-Nationalteam. Von den Helden der WM 1994, etwa Kolumbiens haarprächtigen Spielmacher Carlos Valderrama oder Alexi Lalas, dem US-amerikanischen Vollbart-Heavy-Metal-Verteidiger, hat er nicht einmal Videos gesehen, wie er lachend zugibt: „Das war vor meiner Zeit.“ Seine Zeit im US-Team, soviel steht fest, ist gekommen – und soll in Sachen Weltmeisterschaft pünktlich zum Turnier im Heimatland beginnen.“

Wir als Team haben ein anderes Bild vom Soccer geschaffenMalik Tillman

Tillman ist einer der Stars der Auswahl, hat sich mit glänzenden Leistungen beim Gold Cup im Jahr 2025, den die USA als Zweiter hinter Mexiko beendeten, in der Heimat einen Namen gemacht und ist durch den Wechsel nach Leverkusen und die starken Leistungen von Bayer 04 in der Champions League noch stärker in den Fokus gerückt. „Wir als Mannschaft haben ein anderes Bild vom Soccer geschaffen. Es war unser Ziel, den Fußball in den USA zu verändern. Da sind wir auf einem guten Weg, aber wir wissen, dass wir noch viel mehr erreichen können“, sagt Tillman, der als Sohn eines US-Amerikaners und einer Deutschen in Nürnberg geboren wurde. So sehr er sich auf das Turnier freut – die zu erwartende Aufmerksamkeit behagt ihm nicht unbedingt: „Ich bin kein Cover-Boy, da gibt es andere, größere Stars. Aber ich merke schon, dass ich mittlerweile zu den bekannteren Spielern gehöre.“

Die USA könnten neben dem Bayer 04-Profi auf einen zweiten Export aus dem Hause Tillman zurückgreifen: Bruder Timothy (27) spielt beim Los Angeles FC und hat ebenfalls schon das Nationaltrikot getragen. Ob es ein Bruder-Doppelpack geben wird, ist offen: „Über die WM spreche ich mit meinem Bruder noch nicht. Es wäre unglaublich schön, wenn wir beide dabei wären. Wenn er seine Leistung bringt, hat er Chancen. Aber ich bin nicht der Trainer, und wir haben einen starken Kader mit einer guten Tiefe. Es wird für uns alle schwierig, am Ende auf dem Platz zu stehen.“

WM-Finale 1994 in den USA
Bei der WM 1994 in den USA sicherte sich Brasilien um den damaligen Werkself-Profi Paulo Sergio, heute offizielle Klub-Legende von Bayer 04, im Finale gegen Italien den Titel.

Ähnlich wie das Aufgebot, zu dem Stars wie Christian Pulisic (AC Mailand), Weston McKennie (Juventus Turin), Folarin Balogun (AS Monaco) und Giovanni Reyna (Mönchengladbach) gehören, ist auch das Ziel noch nicht final festgelegt: „Mentalitätstechnisch sollte man sagen, wir wollen das Turnier gewinnen. Aber unser erstes Ziel ist es, in der Gruppe weiterzukommen. In der K.-o.-Phase kann dann alles passieren, da schauen wir von Spiel zu Spiel – aber immer mit dem Ziel, zu siegen.“ 1994 hatte die USA, damals noch ein Underdog, niemand wirklich auf dem Zettel. Dennoch schaffte es das Team bis ins Achtelfinale – und unterlag dort dem späteren Weltmeister Brasilien 0:1. Nun, 32 Jahre später, wird mit den Gastgebern erst recht zu rechnen sein. The Show will go on.

„Es kann wieder einen Weltmeister aus Leverkusen geben“

Paulo Sérgio ist 1994 mit Brasilien Weltmeister in den USA geworden – als Bayer 04-Profi. Im Interview blickt der 56-Jährige, mittlerweile offiziell zur Leverkusener Klub-Legende ernannt, auf das Turnier zurück und ordnet die Entwicklung des „Soccer“ sowie der Fans ein. 

Paulo, du bist 1994 mit Brasilien Weltmeister in den USA geworden. Wusstet ihr vor dem Turnier, was euch dort erwarten wird?

Sergio: Wir wussten nicht so viel darüber, wie Fußball in den USA gelebt wird, wie die Stimmung sein wird. Aber es war ein tolles Turnier. Was jedoch wirklich eine große Herausforderung war, war die Hitze. Wir haben fast immer um 12 Uhr gespielt, bei heißem Wetter. Das war selbst für uns Brasilianer nicht einfach, aber da hat uns unsere Erfahrung geholfen: Wir haben clever gespielt und auch deshalb den Titel geholt.

Hattest du das Gefühl, dass die US-amerikanischen Fans 1994 wirklich wussten, worum es bei der WM geht – oder war es eher ein Event-Publikum?

Sergio: Sie waren von der Stimmung begeistert, das kannten sie von ihren Sportereignissen so nicht. Sie haben das Turnier sehr gut angenommen und sich gefreut, dass die WM in den USA stattgefunden hat. Sie waren tolle Gastgeber.

Wie hat sich der Stellenwert des Soccer in den USA seitdem verändert?

Sergio: Das Niveau in der MLS ist natürlich nicht so hoch wie in den Top-Ligen in Europa. Aber das Ansehen des Fußballs ist mittlerweile ganz anders als noch 1994. Es gibt inzwischen echte Fußballfans, das ist sicher ein Unterschied. Mittlerweile gibt es auch viele Ehen zwischen Nord- und Südamerikanern. Auch deshalb ist der Fußball dort immer mehr angekommen, die Begeisterung wurde weitergegeben und die lateinamerikanischen Teilnehmer werden einen Heimvorteil erleben, das war schon damals so. Zudem ist es wichtig, dass auch Spiele in Mexiko und Kanada stattfinden. Vor allem in Mexiko ist der Fußball die Sportart Nummer eins, das wird man bei dem Turnier spüren, auch in den USA.

Es wird im Finale Live-Musik in der Halbzeit geben, zudem Unterbrechungen während der Spiele. Glaubst du, das wird cool – oder vielleicht ein bisschen zu viel Show für den Fußball?

Sergio: Ich denke, diese Show ist bei so einer Veranstaltung, bei der die ganze Welt zuschaut, immer gut. Ich habe oft den Super Bowl gesehen und fand die Shows immer fantastisch. In Brasilien mögen wir viel Show, auch durch den Karneval. Und wenn man eine WM ausrichtet, sollte man das bestmögliche Event aufführen, das können die USA. Ich denke, für die Fans und die Medien wird das super.

Zum Abschluss: Wenn du auf den Kader von Bayer 04 blickst – wem traust du da am meisten zu mit seiner Nationalmannschaft?

Sergio: Vor einer WM werden immer viele Aussagen getroffen, und dann kommt alles doch anders. Das Wichtigste für jedes Team ist, sich zu konzentrieren. Die Mannschaft, die das am besten schafft, hat die größte Chance, den Titel zu holen. Brasilien, Argentinien, Frankreich, Deutschland und Spanien sind immer favorisiert. Bei den großen Fußball-Nationen könnte Bayer 04 vertreten sein, es kann wieder einen Weltmeister aus Leverkusen geben.

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