Bayer 04 trauert um Willibert Kremer

Die Nachricht hat große Betroffenheit ausgelöst: Willibert Kremer, Aufstiegstrainer der Werkself von 1979, ist im Alter von 82 Jahren verstorben.
Willibert_Kremer_2.jpg

Der 13. Mai 1979, den er später als den „glücklichsten Moment meiner Trainer-Tätigkeit“ bezeichnete, begann mit einem Tobsuchtsanfall. Als der Mannschaftsbus der Werkself an jenem sonnigen Sonntag zum Spiel gegen Bayer 05 Uerdingen ins Stadion an der Bismarckstraße einfuhr, glaubte Willibert Kremer seinen Augen nicht zu trauen: Gleich nebenan, auf der Fläche des heutigen Ulrich-Haberland-Stadions, war schon alles hergerichtet für die große Aufstiegssause mit den Fans: zig Getränkestände, Würstchenbuden und Pavillons, 3.000 Liter Freibier. Bayer 04 hatte ordentlich Vorsorge getroffen, nur Kremer wusste von nichts. Dem Coach, von Natur aus eher ein vorsichtiger Mahner, schwoll bei diesem Anblick mächtig der Kamm. „Es war der viertletzte Spieltag, wir brauchten noch einen Punkt zum Aufstieg und spielten gegen den Tabellenzweiten. Man weiß doch, was in so einer angespannten Situation alles passieren kann. Deshalb bin ich ein wenig ausgeflippt und explodiert.“

Diese Anekdote sagt viel aus über den Menschen und Trainer Willibert Kremer, dem Blendwerk immer zuwider war. Erst hatte man zu liefern, dann durfte auch ans Feiern gedacht werden. Als Bayer 04 das Spiel gegen Uerdingen nach 0:3-Rückstand in einer letzten halben Stunde wie im Rausch noch in ein 3:3 gebogen hatte und der Aufstieg in die Eliteliga Wirklichkeit war, ließ sich Kremer auf den Schultern seiner Spieler ausgelassen über den Platz tragen. Die Werkself endlich erstklassig: Es war zu großen Teilen das Werk des unaufgeregten Coachens und Führens. Der Aufstieg krönte eine märchenhafte Spielzeit mit dem maximalen und gänzlich unerwarteten Erfolg.

Kentschke_Kremer_imago11893923h.jpg
Das Aufstiegs-Duo auf der Trainerbank: Willibert Kremer (r.) mit seinem Assistenten Gerhard Kentschke.

Gut drei Jahre zuvor war davon an der Dhünn nicht einmal im Ansatz etwas zu erahnen. Als Willibert Kremer am 5. April 1976 als neuer Trainer und Nachfolger von Radoslav Momirski bei Bayer 04 präsentiert wurde, steckte die Werkself in ihrer ersten Spielzeit in der 2. Bundesliga Nord bis zum Hals im Abstiegssumpf. Zuvor hatte der damals 36-Jährige den MSV Duisburg in der Eliteliga gecoacht und bei den Zebras Profis wie Bernard Dietz, Ronnie Worm und Rudi Seliger zu Nationalspielern geformt. Als der MSV aber nach drei Jahren keine Anstalten machte, Kremers auslaufenden Vertrag zu verlängern, kündigte der Coach zwei Monate vor Saisonschluss von sich aus – per Einschreiben und den Worten: „Ich habe es nicht nötig, den Vorstand auf Knien um Weiterbeschäftigung zu bitten.“

Kremer, der als Profi 119 Bundesligaspiele für den MSV Duisburg und Hertha BSC bestritt, war vom legendären Hennes Weisweiler an der Sporthochschule Köln ausgebildet worden und hatte sich viel abgeschaut von „Don Hennes“. Einer seiner wichtigsten Grundsätze: Lautstärke und markiges Auftreten produzieren keine Autorität, sondern Sachkenntnis und Menschenführung. In Leverkusen freilich zeigte sich Kremer nach seiner ersten Trainingseinheit erst einmal höchst desillusioniert: „Ich hatte gerade mal ein lockeres Aufwärmprogramm durchgezogen, wie ich es seinerzeit aus der Bundesliga gewohnt war, da mussten sich einige Spieler schon übergeben, so sehr hatten sie sich in der halben Stunde verausgabt.“ Doch trotz des kurzfristigen Unwohlseins schaffte Bayer 04 mit Kremer auf den letzten Drücker noch als 15. der Tabelle den Klassenerhalt.

crop_19790818_B04_BSC_Gerd_Kentschke.jpg
Willibert Kremer (2.v.l.) bejubelt am 1. Spieltag der ersten Bundesliga-Saison von Bayer 04 den 2:1-Heimsieg gegen Hertha BSC.

Der Retter investierte viel Kraft und Energie in den Aufbau nachhaltiger, professioneller Strukturen bei Bayer 04. Kremer widmete sich beispielsweise der A-Jugend, die er anfangs zusätzlich zu den Profis noch mittrainierte. „Die hatten damals ja nicht einmal einen kompletten Satz Trikots. Ein Nachwuchsspieler, der etwas auf sich hielt, ging nicht nach Leverkusen, sondern zum 1. FC Köln oder TuS Höhenhaus“, so der gebürtige Rheinländer, der höchstpersönlich Talente sichtete und sich im Zweifel auch mit dem Platzwart auseinandersetzte, wenn er den Eindruck gewann, dass die Halme des neu eingesäten Rasens nicht ordentlich wuchsen. Eine seiner wertvollsten Neuverpflichtungen: Reiner Calmund kam als neuer Jugendbetreuer von Frechen 20.

Sportlich gediehen die Dinge prächtig unter Kremer: Platz zehn im Sommer 1977 und Rang acht ein Jahr später bildeten die Zwischenstationen zur sensationellen Saison 1978/79, als die Leverkusener als Underdog mit 20 ungeschlagenen Spielen in Folge unwiderstehlich in die Bundesliga marschierten. In der ersten Spielzeit im Oberhaus landete Bayer 04 auf Platz zwölf, doch im schwierigen zweiten Jahr häuften sich die sportlichen Probleme – und der Coach geriet zunehmend in die Diskussion. Am 22. November 1981 wurde Kremer beurlaubt und sein Assistent Gerd Kentschke mit der Teamleitung betraut. Kremer arbeitete danach noch weitere 14 Jahre als Trainer bei 1860 München, Fortuna Düsseldorf, Eintracht Braunschweig, MSV Duisburg und Tennis Borussia Berlin, ehe er ab 1998 die Scouting-Abteilung von Bayer 04 bereicherte und dort mit seiner geschätzten Expertise über 15 Jahre in der Sichtung und Gegnerbeobachtung tätig war.

crop_Willibert_Kremer.jpg
Im Mai 2019 kam Willibert Kremer im Rahmen der Feierlichkeiten zu „40 Jahre Bundesliga unterm Bayer-Kreuz“ in der BayArena mit alten Weggefährten zusammen.

In den vergangenen Jahren waren seine öffentlichen Auftritte selten geworden, doch der Kontakt zu Bayer 04 im Allgemeinen und zum 79er-Aufstiegsteam im Besonderen riss nie ab. Wer ihn im Mai 2019 bei schon angeschlagener Gesundheit inmitten seiner Zöglinge von damals bei den Feierlichkeiten zu „40 Jahre Bundesliga unterm Bayer-Kreuz“ als Alterspräsidenten der Truppe erlebte, spürte die innige Verbundenheit und sah in seinen glänzenden Augen pure Freude über ein bewegendes Wiedersehen.

In der Nacht zu Heiligabend ist Willibert Kremer nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 82 Jahren verstorben. Sein Platz in der Vereinsgeschichte von Schwarz und Rot wird unantastbar bleiben. Als Pionier und Erneuerer, als Meister-Coach und Aufstiegstrainer.

Ähnliche News

Ticket-Infos
Bayer 04 - 01.05.2026

Tickets für Spiele der Werkself

Ein Überblick über die Ticket-Verkäufe zu den Heim- und Auswärtsspielen der Werkself.

Mehr zeigen
T-Shirt-Verkauf für den guten Zweck mit Edmond Tapsoba, Ibrahim Maza und Christian Kofane
Bayer 04 - 01.05.2026

Großer Andrang bei Shirt-Verkauf für den guten Zweck mit Tapsoba, Maza und Kofane – letzte Chance am Heimspieltag

Dieses besondere Event hat einmal mehr gezeigt, wie stark Bayer 04 zusammenhält: Im Rahmen von „BarmeniaGothaer schenkt Freude“ unterstützten die Werkself-Profis Edmond Tapsoba, Ibrahim Maza und Christian Kofane am Donnerstag in der Fanwelt den Verkauf individuell designter T-Shirts für den guten Zweck. Mehrere hundert Fans waren gekommen, um sich an der Charity-Aktion zu beteiligen. Der Leverkusener Hauptsponsor BarmeniaGothaer spendet den Erlös an die „Fondation Edmond Tapsoba“, die Menschen in Tapsobas Heimat Burkina Faso im herausfordernden Alltag unter die Arme greift.

Mehr zeigen
Spaß im Training
Frauen - 01.05.2026

Frauen in Essen auf Rekord-Jagd: „Schöne Randaspekte“

Drei Spieltage vor Saisonende können die Bayer 04-Frauen bei der SGS Essen einen Rekord knacken und einen weiteren einstellen. Auch rein sportlich ist die Mannschaft von Trainer Roberto Pätzold nach zuletzt drei Siegen in Folge im Auswärtsspiel am Sonntag (14 Uhr, Stadion an der Hafenstraße) in der Pflicht, um ihre Chance auf Platz drei zu wahren.

Mehr zeigen
U10 von Bayer 04
Jugend - 01.05.2026

Nachwuchs: Jüngere Jahrgänge in Frankreich und Belgien am Ball

Nach der Hauptrunde ist vor der K.-o.-Phase: Im Achtelfinale der DFB-Nachwuchsliga reist die U19 von Bayer 04 zum 1. FC Heidenheim 1846. Auf die U16, U14 und U13 warten derweil wichtige Liga-Spiele. Internationale Hochkaräter wie der FC Porto oder die PSV Eindhoven begegnen der U12 beim Nanterre Cup in Frankreich, während auch die jüngeren Nachwuchs-Teams am Wochenende auf Turnieren in Belgien und Deutschland weilen. Die Partien der Junioren und Juniorinnen im Überblick.

Mehr zeigen
Rudi Vollborn
Bayer 04 - 01.05.2026

„Rudi erzählt…“: Vollborn über Highlights aus Mai

Rüdiger Vollborn ist seit 40 Jahren im Klub, mit 401 Bundesliga-Einsätzen der Rekordspieler des Klubs und hat als einziger Bayer 04-Profi sowohl den UEFA-Cup (1988) als auch den DFB-Pokal (1993) gewonnen. Und auch nach seiner beeindruckenden Profi-Karriere blieb der gebürtige Berliner dem Werksklub weiter erhalten, arbeitete fortan neun Jahre als Torwarttrainer. Inzwischen ist Vollborn unterm Bayer-Kreuz als Fanbeauftragter und Klub-Archivar tätig. Seit Februar 2021 nimmt das personalisierte schwarz-rote Lexikon die Werkself-Fans in der Rubrik „Rudi erzählt...“ monatlich mit auf eine kleine Reise in die Geschichte von Bayer 04.

Mehr zeigen