Bayer 04-Junxx

Unsere Fan­clubs

Nein, sie stehen nicht mit Regenbogen-Fahnen in der Nordkurve. Ist nicht ihr Ding. Und wäre ihnen zu plakativ. Sie sind schlicht einer von 316 offiziellen Bayer 04-Fanclubs. Begeistern sich wie alle anderen auch für die Werkself. Nehmen regelmäßig ihre Stammplätze in der BayArena ein. Sind hin und wieder auswärts dabei. Und doch machen die Bayer 04-Junxx als erster und bis heute einziger schwul-lesbischer Fanclub unterm Kreuz auch ihre ganz eigenen Erfahrungen.

Als sie sich 2008 als queerer Fanclub gegründet haben, war es um Toleranz und Vielfalt in deutschen Fußballstadien noch nicht sonderlich gut bestellt. Schiedsrichter wurden als „schwule Sau“, gegnerische Spieler als „Schwuchtel“ verunglimpft. „Homophobe Sprüche hört man heute nicht mehr so häufig, Gott sei Dank“, sagt Jens Langenberg, Gründungsmitglied und 1. Vorsitzender der Bayer 04-Junxx. „Und wenn im Derby Richtung FC-Fans doch mal so etwas wie ‚Ihr seid schwule Kölner‘ angestimmt wird, singen da inzwischen deutlich weniger mit als früher.“ So weit, so gut.

Dennoch sind hin und wieder nicht nur in hiesigen Arenen, sondern mitunter auch von deutschen Fußballern homophobe Töne zu vernehmen. Erst vor anderthalb Jahren sorgte der ehemalige Wolfsburger Profi Kevin Behrens für Schlagzeilen. Als der Stürmer ein Trikot mit Regenbogenfarben signieren sollte, weigerte er sich mit den Worten „So eine schwule Scheiße unterschreibe ich nicht“. Behrens, inzwischen beim FC Lugano unter Vertrag, entschuldigte sich zwar später für seine Äußerung. Aber selbst die eigenen Fans protestierten mit Spruchbändern gegen die Entgleisung des Spielers. Reaktionen, die zeigen, dass sich die Zeiten in der Bundesliga geändert haben. Auch, weil es Fanclubs wie die Bayer 04-Junxx gibt. Fanclubs, die auf den Tribünen mit ewiggestrigen Vorurteilen aufräumen. Die in der Kurve mutig Haltung zeigen und sich gegen dumpfe Diskriminierung heterosexueller Machos wehren.

„Den Anfang haben damals die Hertha-Junxx gemacht“, erzählt Jens Langenberg. Im Jahr 2001 gründeten die Berliner ihren Fanclub und waren Vorbild für viel queere Fußballfans. Sie machten mit Slogans wie „Schwule Fans sind Hertha als man denkt“ auf sich aufmerksam. Rund um die Fußball-WM 2006 in Deutschland nahm das Thema an Fahrt auf. Inzwischen hatten vier, fünf weitere Bundesliga-Vereine jeweils einen schwul-lesbischen Fanclub. „Als ich 2008 bei Paffi (Andreas Paffrath, langjähriger Bayer 04-Fanbeauftragter, Anmerkung der Red.) anfragte, wie die Fanbetreuung dazu steht, war er sofort Feuer und Flamme: Die Zeit dafür sei auch in Leverkusen längst reif, sagte er.“ Inzwischen haben fast alle Bundesligisten und die meisten Vereine der 2. Liga mindestens einen schwul-lesbischen Fanclub. „Der Gedanke dahinter ist simpel: Wenn du mit Leuten ins Stadion gehst, die die gleiche Lebensweise, dieselbe Einstellung haben wie du, fühlst du dich sicherer. Du brauchst dich nicht zu verstecken, kannst so sein, wie du bist“, sagt Langenberg. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber viele Jahr zehnte nicht für alle galt.

Ja, es hat sich vieles zum Positiven verändert, aber es bleibt auch noch viel zu tunChristian Steinbrink, Mitglied der Bayer 04-Junxx

„Inzwischen sind wir gesellschaftlich viel weiter als noch 2008“, ist der 46 Jahre alte Düsseldorfer überzeugt. Das liegt nicht zuletzt an Initiativen wie „Fußball für Vielfalt“. Den Startschuss dafür gab am 17. Juli 2013 die „Berliner Erklärung: Gemeinsam gegen Homophobie. Für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport“. Unterzeichnet unter anderem von Bundesministerinnen und -ministern, Unternehmen, Verbänden sowie von Klubs aus der 1. und 2. Bundesliga, darunter auch Bayer 04.

„Ja, es hat sich vieles zum Positiven verändert, aber es bleibt auch noch viel zu tun“, sagt Christian Steinbrink. Auch er und sein Kölner WG-Freund Nicolas Sewing sind seit vielen Jahren Mitglieder der Bayer 04-Junxx. Beide beobachten eine Entwicklung, die ihnen Sorge bereitet. „Momentan geht es mit der Akzeptanz wieder etwas zurück“, sagt Steinbrink. „Ich weiß aus persönlichen Gesprächen, dass es auch in Köln schwieriger wird, wenn man auf der Straße Händchen hält. Dass es Anfeindungen gibt, man bespuckt wird oder blöde Kommentare bekommt. Das Klima wird rauer, auch hier im Rheinland, das ja immer für seine Toleranz gepriesen wird.“

Bayer 04-Junxx im Stadion

Umso wichtiger bleibt es, Farbe zu bekennen. In der Nord kurve der BayArena sind die Junxx als Fanclub von Anfang an gut aufgenommen worden. Man kennt und respektiert sich. Probleme gibt es kaum. Und wenn, dann manchmal von unerwarteter Seite. „Ich bin im Stadion zwei-, dreimal von Schwulen angesprochen worden, die nicht zu unserem Fanclub gehören, und die mir deutlich zu verstehen gaben, dass ich sie gefälligst nicht outen solle“, erzählt Langenberg. „Ich wäre zwar ohnehin nie auf diese Idee gekommen, aber es sagt vor allem viel über die Ängste einiger Schwuler aus. In gewissen Fankreisen ist Homosexualität offensichtlich immer noch ein Tabu.“

Mit 16 Mitgliedern – 14 schwule Männer, zwei lesbische Frauen – sind die Bayer 04-Junxx zwar ein kleiner, aber sehr aktiver Fanclub. Seit vielen Jahren gehören sie dem Netzwerk Queer Football Fanclubs (QFF) an, das 2006 von Fans aus Berlin, Stuttgart und Dortmund gegründet worden ist. Der Dachverband hat mehr als 1.200 Mitglieder aus Deutschland, England, den Niederlanden und der Schweiz. Zuletzt fand die jährliche Hauptversammlung im englischen Bradford statt, auf der Tagesordnung stehen dabei nicht nur queere Themen. „Es geht auch um Pyrotechnik und Sicherheit im Stadion, den Ticket-Schwarzmarkt oder die Debatte um die Anstoßzeiten“, sagt Sewing. Die internationale Vernetzung führt immer wieder zu Freundschaften mit Fanclubs anderer Vereine. Im Rahmen eines Champions-League-Spiels gab es zum Beispiel ein Treffen mit den queeren Fans der Tottenham Hotspur oder kürzlich des FC Arsenal.

DRITTER CSD AM 20. UND 21. JUNI IN SCHLEBUSCH

Der Christopher Street Day (CSD) in Leverkusen feierte 2024 seine Premiere. Schon im vergangenen Jahr hatten die Bayer 04-Junxx daran teilgenommen. Und auch 2026 sind sie wieder mit von der Partie. Am 20. und 21. Juni findet die 3. Auflage von LeverkusenPride statt, ein vielfältiges Straßenfest mit Infomeile, Begegnung und Austausch im Stadtteil Schlebusch. Die Junxx sind wieder mit einem Informationsstand vertreten. Außerdem veranstalten sie – unterstützt von Bayer 04 – erneut ein Torwandschießen und nehmen am Sonntag an der Demonstration teil. Das Motto 2026: „Gemeinsam wachsen wir. Sichtbar. Stark. Queer.“

Viel Resonanz erfuhren die Junxx auch im vergangenen Jahr bei ihrer ersten Teilnahme am Christopher Street Day (CSD) in Leverkusen-Schlebusch. Bei der zweitägigen Veranstaltung waren sie mit einem Informationsstand vertreten. Auch die Bayer AG und die Bayer Giants zeigten Flagge. „Während der zwei Tage fragten uns viele CSD-Teilnehmende, ob wir uns als queerer Fanclub in einem Fußballstadion denn sicher fühlen würden“, sagt Steinbrink. Die hohe Anzahl der Zweifelnden hätte ihn doch erstaunt. „Und dann weißt du selbst plötzlich wieder, wofür unser Fanclub auch wichtig ist. Wir können den Leuten zeigen: Queer sein und Fußball im Stadion erleben, das kann funktionieren. Wir leben das ja.“ Von der Leverkusener Fanbetreuung fühlen sich die Junxx seit ihrer Gründung 2008 sehr gut unterstützt, auch wenn sie sich von Bayer 04 ab und an ein bisschen mehr Sichtbarkeit für ihre Sache wünschen. Nichts Großes. „Ein, zwei Fanartikel in Regenbogenfarben, wie sie andere Klubs anbieten oder vielleicht mal eine Fahne vorm Stadion“, sagt Langenberg. „Das wäre auch ein Zeichen nach draußen: Wir sind hier offen, wir stehen hinter euch, ihr seid willkommen.“

JUNXX STAMMTISCH

An jedem zweiten Freitag im Monat findet der offene Stammtisch der Bayer 04-Junxx im Brauhaus Schlebusch, Saarstraße 1, 51375 Leverkusen, statt. Willkommen sind nicht nur die eigenen Fanclub-Mitglieder, sondern alle, die Interesse haben und die Junxx gerne einmal kennenlernen würden. Beginn ist stets ab 19 Uhr, eine Voranmeldung erwünscht an stammtisch@bayer04junxx.de.