Haber­lands Erben

Unsere Fan­clubs

Der Name verpflichtet, könnte man meinen. „Haberlands Erben“ – das hört sich nach Traditionspflege an, nach Heimatverbundenheit, Lokalpatriotismus. Und von all dem ist auch etwas drin, in diesem umtriebigen Bayer 04-Fanclub. Einige der Gründungsmitglieder sind in Manfort aufgewachsen, wohnten einen Steinwurf entfernt vom Ulrich-Haberland-Stadion. Katrin Duven zum Beispiel, die 1. Vorsitzende. Schon ihr Vater ging regelmäßig „zum Bayer“. Und mit ihm bald auch seine Tochter.

„Meine erste bewusste Erinnerung an ein Heimspiel ist das Drama gegen Kaiserslautern 1996, als Markus Münch uns vor dem Abstieg rettete“, sagt Katrin, die damals gerade zehn Jahre jung war. Hätte Münch nicht das 1:1 geschossen, wäre das Ulrich-Haberland-Stadion wohl nicht so schnell modernisiert worden. Dank des Klassenerhalts aber konnte der groß angelegte Umbau beginnen. 1997 wurde die neue Südtribüne inklusive Geschäftsstelle, VIP-Restaurant und Firmenlogen eingeweiht. Ein Jahr später folgte die Umbenennung: Aus dem Ulrich-Haberland-Stadion wurde die BayArena. Exakt 40 Jahre nachdem Bayer 04 das Stadion an der Bismarckstraße – benannt nach dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Bayer AG, erstmalig in Betrieb genommen hatte. Immerhin: Der alte Name verschwand nicht ganz und wurde auf das kleine Stadion nebenan übertragen, in dem heute bekanntlich die Bayer 04-Frauen sowie mitunter die männliche U19 und U17 ihre Heimspiele austragen.

Erinnerung an einen Förderer des Bayer-Sports

„Haberland war als Konzernchef auch ein großer Förderer des Bayer-Sports“, sagt Carsten Cramer, Katrins Lebenspartner. Als die beiden mit Freunden und Familienangehörigen im Jahr 2003 vor der Gründung eines eigenen Fanclubs standen, kamen sie bei der Suche nach einem geeigneten Namen relativ schnell auf „Haberlands Erben“. „Wir fanden, dass der Mann viel für den Sport in Leverkusen getan hat – daran wollten wir mit unserem Namen erinnern“, sagt Duven. Nicht mehr und nicht weniger. Das Konterfei des Chemikers, der das Unternehmen von 1951 bis 1961 als Vorstandsvorsitzender führte, ziert jedenfalls heute noch die selbst entworfenen Fanclub-Schals.

Aber so wichtig ihnen die eigene Geschichte auch ist: Haberlands Erben sind alles andere als angestaubte Hobby-Historiker, die nostalgisch in der Vergangenheit schwelgen und von den guten alten Zeiten schwärmen. Nein, die 26 Mitglieder sind quicklebendige Anhänger von Schwarz-Rot, die auch 23 Jahre nach der Gründung immer noch einem der aktivsten Fanclubs angehören. Die die Werkself nicht nur bei jedem Heimspiel unterstützen, sondern auch auswärts oft gemeinsam unterwegs sind. Ob in Bremen, Freiburg und München oder in Trondheim und Charkiw (bei jeweils unter minus 20 Grad), Paris und London.

Ein unvergesslicher Roadtrip nach San Sebastian

Ein absolutes Highlight sei die Reise nach San Sebastian im Dezember 2013 gewesen, erinnert sich Carsten. Innerhalb von einem Tag hatten sich 25 Mitglieder angemeldet. Wohlgemerkt nicht für den Billigflieger, sondern für 20 Stunden Busfahrt nach Nordspanien und zurück. Auswärtsfahren ist eben nichts für Weicheier. Von dem Roadtrip bleiben Carsten vor allem in Erinnerung: „Helene Fischers ‚Atemlos‘ und Tim Lindes ‚Wasser unterm Kiel‘ – zwei Songs, die im Bus in Dauerschleife liefen –, der wunderschöne Tag, den wir vor dem Spiel im wunderschönen San Sebastian genießen durften und natürlich der 1:0-Auswärtssieg, mit dem wir uns fürs Achtelfinale der Champions League qualifizierten.“

Haberlands Erben

Dort wartete dann ein paar Monate später Paris Saint-Germain auf Bayer 04 – und auf Haberlands Erben. Zählte die Reise nach Spanien zu ihren unvergesslichsten Erlebnissen, entwickelte sich die Tour nach Paris im Frühling 2014 zu einem Albtraum. Die französische Polizei hatte die Busse aus Leverkusen schon weit vor den Toren der Hauptstadt abgefangen und hielt die Fans stundenlang auf einer Raststätte fest. Aus dem Sightseeing wurde nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit und viel Schikane ging es per Polizeieskorte direkt ins Stadion. „Eine ganz bittere Erfahrung, die wir so zum Glück nur einmal machen mussten“, sagt Carsten.

Frauen in der Mehrheit

Viele der Touren im In- und Ausland machen die „Erben“ mit befreundeten Fanclubs wie den Djangos Leverkusen, den Vikings, der Lev-Elite oder den Red Black Lions. Letztere organisieren etwa den NRW-Express zu den Auswärtsspielen in Dortmund, Mönchengladbach und Köln. „Wir sind gut vernetzt in der Leverkusener Fanszene“, sagt Stephan Duven, Katrins jüngerer Bruder, „und trotzdem legen wir Wert darauf, immer auch unser eigenes Ding zu machen“. Zu den legendären Fahrten gehört seit vielen Jahren die Bustour nach Bremen. „Wir waren oft so früh vor Ort, dass wir uns fragten, was wir mit der ganzen Zeit bis zum Anpfiff anfangen sollen“, erzählt Carsten. „Also kauften wir uns einen Einweggrill, suchten uns ein Plätzchen gegenüber dem Weserstadion und grillten. Dann fuhren wir mit der Fähre rüber zum Stadion.“ Daraus wurde eine Tradition. Nur der Grillplatz ist inzwischen ein anderer, denn die ursprüngliche Location an der Fähre wurde von den Bremer Ultras geentert…

Wir gehören zu den Fanclubs, die immer schon unmittelbar nach Blocköffnung in der Kurve sindFanclub-Mitglied und -Vorsitzende Katrin Duven

Auch zu Hause in der BayArena legen Haberlands Erben Wert auf Pünktlichkeit. „Wir gehören zu den Fanclubs, die immer schon unmittelbar nach Blocköffnung in der Kurve sind“, sagt Katrin. Sie ist eine von vielen Frauen im Fanclub. „Genau genommen waren wir sogar immer in der Mehrheit – und sind es heute noch“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Viele Mitglieder sind untereinander verwandt. Der familiäre Charakter passe doch wunderbar zu Bayer 04, findet Stephan. Auch der Werksklub sei schließlich trotz rasant gestiegener Mitgliederzahlen und Fans weltweit irgendwie immer noch eine große Familie. „Früher standest du in Nürnberg mit 50 anderen Bayer-Fans in der Kurve und du kanntest jeden einzelnen. Heute fahren zum Teil 4.000 Anhänger auswärts mit. Natürlich kennst du da nicht mehr jeden. Aber es sind viel mehr Jugendliche dabei, auch viel mehr Frauen als früher. Es gibt aus meiner Sicht vielleicht auch deshalb keine Probleme mit Gewalt bei uns und politisch keine extremen Ausschläge nach links oder rechts. Ich finde Bayer 04 immer noch sehr familienfreundlich.“

Ein Mitglied aus der Schweiz

Bei den „Erben“ wird Familie jedenfalls intensiv gelebt: Ob auf dem Grillplatz, in der Kurve, bei regelmäßigen Fanclub-Wochenendtouren – natürlich immer in Verbindung mit einem Spielbesuch –, Weihnachts- oder Sommerfeiern. Und weil sie viel rumkommen und Carsten Cramer zudem die Groundhopper-Szene gut kennt, werden mitunter auch Fans aus Nachbarländern in die Familie aufgenommen. Wie Marco aus der Schweiz, dessen Herz auch für den Grasshopper Club Zürich schlägt. Und der seit fast einem Vierteljahrhundert Bayer 04-Fan ist. In der Meistersaison 2023/24 reiste Marco zu zwölf Heimspielen aus Zürich nach Leverkusen. „Das ist schon verdammt stark“, sagt Carsten Cramer. Der gelernte Bäcker ist Bayer 04 inzwischen nicht mehr nur als Fan, sondern seit Mai 2025 als hauptamtlicher Fanbeauftragter eng verbunden. Den Posten als langjähriger Vorsitzender seines Fanclubs hat er deshalb gar nicht so schweren Herzens an seine Lebenspartnerin Katrin abgegeben. Bei Haberlands Erben bleibt schließlich alles in der Familie.