Fri­scher Wind zwi­schen alten Mau­ern

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„Der Fußball ist längst entromantisiert“, hat Christian Streich kürzlich in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gesagt. Und es schwang ein Bedauern mit in diesem Satz. Ach, der Trainer des SC Freiburg sollte mal dem Fanprojekt in Leverkusen einen Besuch abstatten, er würde seine Meinung zumindest relativieren. Denn hier, in der Lichstraße 64, hat die Fußball-Nostalgie noch ein Zuhause. Die Räumlichkeiten auf den drei Etagen verströmen eine Atmosphäre der Behaglichkeit: Original grüne Sitzschalen aus dem Ulrich-Haberland-Stadion, eine Riesen-Wandtapete mit dem Motiv des „Schmuckkästchens“, eine große Couch-Ecke, die knarzende Treppe hoch ins erste Obergeschoss, an den Wänden die alten Bilder von Spielern, Spielen und Fan-Choreos, ganz oben unterm Schrägdach der gemütliche Besprechungsraum mit den vielen Fanschals – all das hat Charme und strahlt Wärme aus.

Im Anbau rechts vom Haupteingang finden Dart- und Kicker-Turniere statt und werden die Auswärtsspiele der Werkself auf einer Leinwand übertragen, manchmal inklusive Übernachtungsparty. Vom großen Kommerz, vom Millionen-Geschäft Fußball ist hier nix zu spüren. Hier braucht niemand Angst zu haben, nicht zum Design zu passen. In diesen „heiligen Hallen“ unweit des Bayer-Kreuzes scheint die Zeit stehen geblieben zu sein - auf den ersten Blick.

Seit 1996 ist das Fanprojekt Leverkusen e.V. in der Lichstraße beheimatet. Doch mag das Jugendhaus im Vintage-Look äußerlich auch Patina angesetzt haben: Innendrin tobt das Leben. Das Fanprojekt ist eine Villa Kunterbunt, ein Bayer 04-Mikro-Kosmos. Offen für alle jungen, aber auch ältere Werkself-Anhänger und doch ein geschützter Raum, in den man sich zurückziehen kann. Wo man nicht nur die gemeinsame Leidenschaft für „den Bayer“ ausleben, sondern sich bei persönlichen Problemen auch immer den Sozialpädagogen anvertrauen darf. Hier, wo so viele gestandene Bayer 04-Fans ihre gute Kinderstube genossen haben, geht’s heute lebhafter zu denn je. Und das hat mehrere Gründe:

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Kümmert sich verstärkt um das Angebot für die männlichen Fans unter 18: Riccardo Bitonti.

Aus dem Duo wurde ein Trio

Riccardo Bitonti verstärkt das Team des Fanprojekts seit knapp zwei Jahren. Neben Stefan Thomé, dem Mann der ersten Stunde, und Daniela Frühling, die seit neun Jahren dabei ist, ist Bitonti nun der dritte Sozialpädagoge im Bunde. Die zusätzliche Manpower erweitert natürlich die Möglichkeiten. Der gebürtige Solinger kümmert sich insbesondere um die jüngeren Fans von 12 bis 18 Jahren. Außer den traditionellen betreuten U16- bzw. U18-Fahrten zu den Bundesliga-Auswärtsspielen der Werkself (mit dem Klein- oder Reisebus) bietet das Fanprojekt jetzt auch eine U18-Fußballgruppe, die regelmäßig im SoccerCentor kickt, sowie einen U18-Fantreff, der jeden zweiten Freitagabend stattfindet. Einige weitere Angebote für diese Zielgruppe sind in Planung.

Bitonti arbeitet bereits seit März 2018 für das Fanprojekt. Zunächst war er im Rahmen eines Praktikums tätig, seit dem 1. Juli 2019 ist der studierte Sozialarbeiter hauptamtlich aktiv. „Mein Traum war es immer, als Streetworker zu arbeiten“, sagt er, der selbst beim TSV Aufderhöhe Fußball spielt. „Mein Job hier kommt dem schon sehr nahe und macht mir extrem viel Spaß, weil ich einen sehr guten Zugang zu den Jungs und Mädels habe.“

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Eine besondere Reise: In Auschwitz-Birkenau besuchte eine Fanprojekt-Gruppe die Holocaust-Gedenkstätte.

Der ist auch sehr wichtig, denn: „Präventive Arbeit muss früh ansetzen. Deshalb steht freundschaftliches Miteinander mit den Fans anderer Vereine bei uns ganz weit oben in der Prioritätenliste“, sagt Bitonti. So war das Fanprojekt im vergangenen Sommer erstmals beim einwöchigen Fan-Camp am Lippesee in der Nähe von Paderborn dabei, wo viele Jugendliche verschiedenster Bundesligavereine das Ferienangebot der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Fanprojekte NRW wahrgenommen haben.

Darüber hinaus hat Bitonti in der Hinrunde auch ein Freundschaftsspiel gegen Jugendliche des Schalker Fanprojekts im Rahmen des Bundesligaspiels der Königsblauen in Leverkusen organisiert. Und auch bei der Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz-Birkenau im Oktober 2019 war er als Betreuer dabei. Im Fanprojekt lege man zudem großen Wert darauf, Kinder und Jugendlich aus sozial schwachen Familien mit ins Boot zu nehmen. Zuhören und sich einfühlen können in die Lebenswirklichkeit der jungen Bayer 04-Fans sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für seinen Job. „Ich habe ein Helfer-Syndrom“, sagt der 28-Jährige mit einem Schmunzeln über sich selbst. Die jungen Bayer 04-Fans werden sicher davon profitieren.

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Seit zwei Jahren unterstützt der Förderverein um die Vorsitzende Peggy Pöschke (3.v.r.) das Fanprojekt.

Der Förderverein

Im Februar 2018 hat sich der Förderverein des Fanprojekts aus der Leverkusener Fanszene heraus gegründet und seitdem vor allem durch seine finanzielle Unterstützung viele Aktionen und Investitionen des Fanprojekts überhaupt erst ermöglicht. „Wir, die Gründungsmitglieder, haben alle selber erfahren, was für eine wichtige und großartige Arbeit das Fanprojekt Leverkusen leistet“, sagt Peggy Pöschke, die 1. Vorsitzende des Vereins. „Viele von uns sind in der Lichstraße sozusagen groß geworden. Und wir haben deshalb natürlich mitbekommen, dass das Fanprojekt ideelle und finanzielle Zuwendung durchaus gebrauchen könnte.“ Die Fördermittel durch die Stadt Leverkusen reichten nicht immer aus, um präventive Jugendarbeit im gewünschten Umfang leisten zu können. Also ergriffen Peggy, ihr Mann Sebastian und fünf weitere Gründungsmitglieder die Initiative und gründeten nach Mainzer Vorbild einen eigenen Förderverein.

Die Resonanz darauf übertraf alle Erwartungen. Denn die Idee fand nicht nur breite Zustimmung in der eigenen Fanszene. Auch die Spenden ließen nicht lange auf sich warten. „Wir waren wirklich überwältigt von der Hilfsbereitschaft so vieler, ob das nun die Nordkurve 12, die Ultras Leverkusen, die Fanbetreuung, die durch Paffi und Frank Linde immer wieder tolle Ideen beisteuert, oder auch viele einzelne Fans sind: Durch Einfallsreichtum und spendenfreudige Werkself-Anhänger konnten wir dem Fanprojekt in den vergangenen zwei Jahren bei der Umsetzung vieler Aktionen helfen“, sagt Pöschke. Ein Bayer 04-Fan aus England produzierte zum Beispiel selbst entworfene Pins, verkaufte diese für fünf Euro und ließ den Erlös komplett dem Förderverein zukommen. Auch die Einnahmen von Testspielen, Glücksrad-Aktionen der Fanbetreuung oder von Pfandbecher-Spenden in der BayArena flossen in die Kasse des Fördervereins, der mittlerweile 80 Mitglieder hat. So konnten mit dem Geld unter anderem die Bildungsfahrt nach Auschwitz und eine Jugendfreizeit an der Nordsee mitfinanziert werden.

Doch eigentlich sind es vor allem die vielen kleineren Projekte und Aktivitäten des Fanprojekts, die der Förderverein unterstützt: Theaterbesuche, Ausflüge ins Phantasialand, Teambuilding-Maßnahmen im Kletterpark, Fackelwanderungen, gemeinsame Kanufahrten oder mal ein Trainingscamp übers Wochenende für die U18-Mädels, damit die sich optimal auf das diesjährige Fan-Finale in Berlin vorbereiten können. Auch bei der Ausstattung des Fanhauses greift der Förderverein gerne unter die Arme, finanziert Möbel für den Außenbereich im Hof der Lichstraße, Steeldart-Scheiben, Spiele-Sammlungen oder T-Shirts für die U18-Fußballgruppen. „Es sind oft kleine Sachen, die aber in der Summe dazu beitragen, dass das Fanprojekt ein vielfältiges Programm für unsere jungen Fans auf die Beine stellen kann“, sagt Pöschke. Das ehrenamtliche Engagement des Fördervereins ist im September 2019 auch von der Sparkasse Leverkusen honoriert worden. Anlässlich ihres 175-jährigen Jubiläums schüttete die Sparkasse Gelder für gemeinnützige Leverkusener Vereine aus, die sich für einen Spenden-Wettbewerb bewerben konnten. Der Förderverein gewann dabei den 1. Platz und durfte sich über 1.750 Euro freuen, die natürlich wieder dem Fanprojekt zugute kommen.

Neue Mitglieder sind übrigens immer herzlich willkommen. Mitgliedsanträge zum Downloaden und weitere Informationen gibt’s auf www.foerderverein-leverkusen.de.

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Das U18-Fußballteam der Mädels: In diesem Jahr werden sie mal wieder am Fan-Finale in Berlin teilnehmen.

Schwerpunkt Mädchenarbeit

Der Anteil weiblicher Fußballfans in den Stadien hat in den vergangenen Jahren in Deutschland stark zugenommen. Eine Entwicklung, die auch in Leverkusen klar zu erkennen ist. Nach einer internen Statistik des Fanprojekts sind inzwischen 35 Prozent aller Teilnehmer von Aktionen Mädchen.

Das Angebot für die Anhängerinnen der Werkself ist freilich auch stark ausgebaut worden. Lara (19), Lea (21) und Maria (20) sind seit vielen Jahren begeisterte Mitglieder des Mädchen-Fußballtreffs. Jeden Donnerstag kicken sie im SoccerCentor mit anderen Gleichgesinnten. „Wir sind alle über die betreuten Auswärtsfahrten zum Fanprojekt gekommen“, sagt Lara, die dort schon seit ihrem elften Lebensjahr ein zweites Zuhause gefunden hat. „Über das Fußballspielen, den regelmäßigen Mädchen-Treff, Cocktail- und Grillabende im Fanprojekt und viele andere Aktivitäten spüre ich hier eine familiäre Atmosphäre, die ich nicht mehr missen möchte“, sagt auch Lea, die angehende Grundschul-Lehrerin. Und Maria ergänzt: „Das Fanprojekt ist für uns die Verbindung zum Verein. Aber es ist auch eine Anlaufstelle, in der wir über weit mehr als nur Fußball reden können. Manche haben persönliche Probleme. Hier kannst du einfach alles loswerden und wirst ernst genommen. Das tut unglaublich gut.“ Auch im Stadion, ob zu Hause in der BayArena oder bei Auswärtsspielen, sei es beruhigend zu wissen, dass mindestens eine(r) aus dem Sozialpädagogen-Team immer vor Ort und ansprechbar ist. „Manchmal bekommen wir einen blöden Spruch reingedrückt oder werden angemacht von irgendwelchen Jungs, die Mädchen im Stadion immer noch nicht so cool finden“, so Lara. „Und dann fühlt man sich mit Daniela, Stefan oder Riccardo im Rücken schon sicherer.“

Nicht selten komme es übrigens vor, erzählt Daniela Frühling, dass auch dem Fanprojekt mittlerweile längst entwachsene Bayer 04-Fans noch öfter vorbeischauen und um Rat in einer persönlichen Angelegenheit fragen. „Das ist ein schönes Gefühl für einen Sozialarbeiter, weil es zeigt, dass der- oder diejenige sich bei uns gut aufgehoben fühlt.“

Sehen wir es doch einfach mal so: Das Fanprojekt leistet als Geburtshelfer von schwarz-rotem Fan-Nachwuchs, als Keimzelle vieler Bayer 04-Fanclubs und als Wegbegleiter langjähriger Werkself-Anhänger seit fast einem Viertel-Jahrhundert fantastische Arbeit für den Verein und die Stadt Leverkusen. Wenig davon wird an die große Glocke gehängt. Wird einfach gemacht. Mit viel Herz und Einsatz und Phantasie. Ja, in der Lichstraße 64 könnte man glatt wieder zum Fußball-Romantiker werden.

Christian Jacobs