
Die Saison ist noch jung und dennoch erlebte RB Leipzig in den ersten Wochen schon reichlich Höhen und Tiefen. Auf ein 6:0 beim Regionalligisten Eintracht Trier in der 1. Runde des DFB-Pokals und einen 3:0-Auftaktsieg in der Liga gegen Borussia Mönchgladbach folgten zwei Niederlagen, die zwischenzeitlich für Unruhe im Klub gesorgt haben. Innerhalb von fünf Tagen verlor das Team von Trainer Demichelis zweimal – zunächst am 2. Bundesliga-Spieltag beim SV Werder Bremen 1:3, dann in der ersten Partie der Ligaphase in der UEFA Champions League bei Debütant Como 1907 1:4.
Sport-Geschäftsführer Marcel Schäfer äußerte sich im Nachgang in einem Klub-Statement zur Lage: „Wir sind sehr ambitioniert und gleichzeitig kritisch mit uns selbst. Die beiden letzten Ergebnisse entsprechen nicht unserem Anspruch - das wissen wir und das reden wir auch nicht schön. Damit setzen wir uns intern sehr klar auseinander.“ Schäfer bat gleichzeitig um Geduld. „Wir haben im Sommer viele Veränderungen vorgenommen, neue Spieler integriert und gleichzeitig immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen gehabt. Jetzt kommen wichtige Spieler zurück. Eine neu zusammengestellte Mannschaft braucht Zeit, um sich zu finden und Abläufe zu entwickeln. Das ist die Realität."
Die Mannschaft zeigte denn auch am vergangenen Wochenende wieder ein anderes Gesicht und gewann 5:0 gegen den Hamburger SV. Tidiam Gomis und Antonio Nusa stellten früh auf 2:0. Nach einer zwischenzeitlichen Druckphase der Hanseaten legte Leipzig innerhalb von fünf Minuten drei Treffer nach. Willi Orban, Rückkehrer Christopher Nkunku und Romulo machten aus einem lange offenen Spiel einen Kantersieg, der die Stimmung in Leipzig spürbar verbesserte. „Ich denke, wir haben die Mentalität geändert“, sagte Nkunku nach der Partie.
Trainer Demichelis, der seit diesem Sommer als Nachfolger von Ole Werner in der sportlichen Verantwortung steht, hatte im Vergleich zur Niederlage in Como fünf personelle Veränderungen in seiner Startelf vorgenommen. Nach dem Sieg erklärte der Argentinier: „Nach zwei harten Niederlagen war das eine wichtige Reaktion – nicht nur zu gewinnen, sondern auf diese Art und Weise. Wir haben fünf Tore erzielt und zu null gespielt.“ Mit sechs Punkten nach drei Spielen rangiert RB Leipzig aktuell auf Platz fünf. Vor der nun anstehenden Partie in Leverkusen fordert Kapitän David Raum: „Zu Hause sind wir immer mutig, so müssen wir auch auswärts auftreten.“ Saisonübergreifend verlor RBL die vergangenen drei Bundesligaspiele auf des Gegners Platz. Zuletzt in Bremen, davor beim SC Freiburg (1:4) und bei Bayer 04 (1:4).
Assan Ouedraogo stand beim Sieg gegen Hamburg erstmals nach längerer Verletzungspause wieder in der Startelf. Der DFB-Nationalspieler musste jedoch bereits nach 35 Minuten wieder ausgewechselt werden. Nach der eingehenden Untersuchung teilte RBL mit, dass Ouedraogo „wegen einer Kapselverletzung in der rechten Schulter bis auf Weiteres ausfallen“ werde. Zudem muss Demichelis in Leverkusen auf den Topscorer der vergangenen Saison Christoph Baumgartner und den im Sommer von Borussia Mönchengladbach verpflichteten Mittelfeldarbeiter Rocco Reitz verzichten. Beide fehlen aufgrund von Oberschenkelverletzungen.
In der Abwehr vertraute der argentinische Chefcoach zuletzt vor Torhüter Maarten Vandevoordt in der Viererkette auf das Innenverteidiger-Duo Castello Lukeba und RBL-Urgestein Orban. Der inzwischen 33-Jährige geht in seine zwölfte Saison mit Leipzig. Auf den Außenpositionen ist Kapitän Raum links gesetzt. Rechts hatte beim 5:0 gegen den HSV der ehemalige Bayer 04-Spieler Benjamin Henrichs den Vorzug vor Ridle Baku erhalten. Im Mittelfeld stehen für die Zentrale Nicolas Seiwald, Ezequiel Banzuzi und der am Deadline Day von der AS Rom ausgeliehene Neil El Aynaoui zur Verfügung. Der Marokkaner zündete sofort und zeigte seine Qualität als vielseitiger Arbeiter im defensiven Mittelfeld bei seinen bisherigen drei Auftritten.
Besonders zahlreich sind die Alternativen in der RBL-Offensive. Vorne links war Antonio Nusa zuletzt beim 5:0 gegen Hamburg mit einem Treffer und zwei Assists der Man of the Match. Ein Unterschiedsspieler ist zweifellos auch Christopher Nkunku. Der 28 Jahre alte Franzose kehrte nach drei Jahren bei der AC Mailand im Sommer auf Leihbasis zurück nach Leipzig und soll den Weggang von Rekordtransfer Yan Diomande zu Real Madrid kompensieren. Bis 2023 bestritt der in der Offensive vielseitig einsetzbare Nkunku 172 Pflichtspiele für RBL, erzielte 70 Tore, lieferte 56 Vorlagen und wurde zweimal DFB-Pokalsieger mit den Sachsen. Neben Nusa und Nkunku verfügt Demichelis in Johan Bakayoko, Tidiam Gomis, Brajan Gruda, Romulo, dem 17 Jahre alten Talent Samba Konaté und Neuzugang Marc Guiu (FC Chelsea) über viel Qualität im Angriff.

„Wir haben zu Hause acht Tore geschossen, auswärts sieben Stück bekommen – über dieses Thema müssen wir reden.“ Martin Demichelis, einst eisenharter Weltklasse-Verteidiger unter anderem beim FC Bayern München und in der argentinischen Nationalelf, kann die defensive Anfälligkeit seiner Mannschaft in der Fremde natürlich nicht gefallen. Ein möglicher Grund für die Mängel im Abwehrverhalten: Zahlreiche verletzungsbedingte Ausfälle zwangen Demichelis dazu, seine Startelf immer wieder umbauen. Ein eingespieltes Team kann RBL deshalb noch nicht sein. Auch die beiden Zu-null-Heimsiege gegen die Tabellenschlusslichter Mönchengladbach und Hamburg sind noch kein Gradmesser dafür, wie stabil das neue Leipziger Gefüge ist.
Neun Tore in drei Ligaspielen sind natürlich dennoch ein Statement. Wie im vergangenen Jahr starteten die „Roten Bullen“ mit sechs Punkten aus drei Partien in die Saison. Der große Unterschied: In der Vorsaison hatte Leipzig zu diesem Zeitpunkt nur drei Treffer erzielt. Der neue Torhunger – lediglich der SC Freiburg (zehn Treffer) hat häufiger eingenetzt als RB – passt zum Anspruch des Klubs, der seinen Fans in dieser Saison noch dominanteren, attraktiveren Fußball bieten möchte. In puncto Ballbesitz (61 Prozent) und Passquote (88 Prozent) weist Leipzig nach dem FC Bayern (72/90) und Bayer 04 (64/89) auch die jeweils drittbesten Werte auf.
Demichelis fordert Intensität und Mut von seiner Mannschaft. „Wir versuchen, mit Ball besser zu werden, vor allem im letzten Drittel. Und wir wollen ohne Ball aggressiver sein und höher stehen.“ In seinem Team sind im Übrigen nicht nur die Offensivkräfte torgefährlich. Abwehrspieler Baku traf schon zweimal, Innenverteidiger Orban steuerte einen Treffer gegen den HSV bei. Insgesamt verteilen sich die neun Leipziger Tore auf sieben verschiedene Torschützen. „Wenn wir unsere Stammelf auf dem Platz haben, sind wir schon eine brutale Mannschaft“, ist Routinier Orban überzeugt. Vor allem Teamkollege Nusa präsentiert sich in bestechender Form: Für den Norweger stehen bereits zwei Tore und zwei Assists zu Buche.

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