Gegner-Check: Der VfB kann aus eigener Kraft noch viel erreichen

Es ist eine hochspannende Ausgangslage: Im Saisonendspurt biegen der VfB Stuttgart und Bayer 04 nahezu parallel auf die Zielgerade ein. Nach 32 Spielen und jeweils 17 Siegen, sieben Remis und acht Niederlagen kommen beide Teams auf 58 Punkte. Selbst bei den erzielten Toren liegen die Schwaben und die Werkself mit 66 Treffern gleichauf. Schwarz-Rot kassierte lediglich drei Tore weniger (43) als der VfB (46), der deshalb einen Platz hinter dem Tabellenvierten aus Leverkusen rangiert. An diesem Samstag, 9. Mai (Anstoß: 15.30 Uhr/live bei Sky, WOW und im Werkself-Radio), treffen beide Teams in der MHP Arena in Stuttgart aufeinander. Der Gegner-Check.
VfB Stuttgart

Position

Dass der VfB vor dem direkten Duell mit der Werkself die Teilnahme an der Königsklasse noch in der eigenen Hand haben würde, war am vergangenen Wochenende lange Zeit unwahrscheinlich. Denn im Auswärtsspiel beim Tabellennachbarn TSG Hoffenheim lagen die Schwaben bis weit in die Nachspielzeit 2:3 in Rückstand. Zudem hatte die Hoffnung der rund 10.000 mitgereisten VfB-Fans auf einen Punktgewinn in Minute 69 einen Dämpfer erhalten, als Stuttgarts Kapitän Atakan Karazor nach hartem Einsteigen gegen Fisnik Asllani die Rote Karte sah. Doch ihr Team zeigte Moral und erzielte in Unterzahl den Ausgleich. In der fünften Minute der Nachspielzeit traf Tiago Tomás mit der letzten Aktion zum 3:3. „Eine fantastische Energie- und Willensleistung hat zu dem Punkt geführt, mit dem wir diesmal gut leben können“, sagte Fabian Wohlgemuth, Vorstand Sport des VfB. „Wir haben gegenüber Hoffenheim die Ausgangslage gehalten und darüber hinaus erfahren, wie intensiv die Spiele gegen direkte Konkurrenten in der finalen Phase der Saison sind und sein werden.“ Hoffenheim liegt als Tabellensechster wie der VfB und Bayer 04 bei 58 Punkten. Enger könnte das Rennen um die Champions-League-Qualifikation nicht sein.

Trainer Sebastian Hoeneß sprach hinterher von einem „unglaublichen Spiel“, in dem seine Mannschaft den 17. Punkt nach einem Rückstand holen konnte – nur dem FC Bayern (29 Punkte) und dem SC Freiburg (19) gelang das noch häufiger. Ein Punkt, der sich anfühlte wie ein Sieg. „Wir haben das Ding heute mit einem Unentschieden gewonnen", fasste Keeper Alexander Nübel, der den VfB mit vielen Paraden im Spiel gehalten hatte, seine Gefühlslage zusammen. „Am Ende ist es ein ganz wichtiger Punkt, der nochmals etwas freisetzen kann für den Endspurt in der Bundesliga“, sagte Stürmer Ermedin Demirovic auch schon mit Blick auf die Partie gegen Bayer 04. In der Hinrunde hatten sich die Stuttgarter mit 4:1 in der BayArena durchgesetzt und dabei nach starken 45 Minuten durch Treffer von Jamie Leweling (2), Maximilian Mittelstädt und Deniz Undav bereits 4:0 geführt. Alejandro Grimaldo war im zweiten Durchgang per Elfmeter der Treffer zum 1:4 gelungen. Der Klub aus Cannstatt hatte damit erstmals nach 15 sieglosen Pflichtspielen gegen die Werkself wieder gewonnen.

Nun stehen für den VfB Stuttgart noch drei Endspiele auf dem Programm: Neben den beiden Bundesliga-Partien gegen Bayer 04 und bei Eintracht Frankfurt haben die Schwaben am 23. Mai im DFB-Pokalfinale in Berlin die Möglichkeit, gegen den FC Bayern München ihren Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen.

„Wir haben erfahren, wie intensiv die Spiele gegen direkte Konkurrenten in der finalen Phase der Saison sind und sein werdenVorstand Sport Fabian Wohlgemuth nach dem 3:3 gegen die TSG Hoffenheim

Personal

Stuttgart muss im letzten Heimspiel der Saison gegen Bayer 04 sowie in der Woche darauf auch in Frankfurt auf seinen Kapitän Atakan Karazor verzichten. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes hat den 29 Jahre alten Mittelfeldakteur nach dessen Roter Karte wegen rohen Spiels am vergangenen Wochenende in Hoffenheim für zwei Meisterschaftsspiele gesperrt. Die beiden Innenverteidiger Finn Jeltsch und Ameen Al-Dakhil, die in den vergangenen Wochen verletzungsbedingt fehlten, konnten wieder Teile des Mannschaftstrainings absolvieren und dürften am Samstag in den Kader zurückkehren.

Die Karazor-Position im defensiven Mittelfeld könnte wie vor zwei Wochen beim 1:1 gegen den SV Werder Bremen der spanische U21-Nationalspieler Chema Andrés übernehmen. Gesetzt in der Zentrale ist Angelo Stiller. Der 25-Jährige kam neben Torhüter Alexander Nübel als einziger VfB-Akteur bislang in allen 32 Bundesliga-Spielen zum Einsatz. In der Offensive verfügt Sebastian Hoeneß über viele erstklassige Optionen, darunter die drei deutschen Nationalspieler Jamie Leweling, Chris Führich und Deniz Undav. Aber auch Ermedin Demirovic, Tiago Tomás, Bilal El Khannouss und Nikolas Nartey stellen regelmäßig ihre Torgefährlichkeit unter Beweis.

Probleme

Der VfB Stuttgart ist konteranfällig: Bereits zehn Gegentore kassierten die Schwaben nach schnellen Gegenstößen des Gegners – ligaweit die meisten. Und gegen keine andere Mannschaft wurde so viel gekontert wie gegen den VfB (54-mal). Es wird interessant sein zu sehen, wie sich der VfB gegen die Werkself schlägt, die mit zwölf Kontertoren die zweitmeisten nach dem FC Bayern erzielte.

Die Formkurve der spielstarken Stuttgarter zeigte in den vergangenen Wochen etwas nach unten. Von den letzten fünf Partien konnte der VfB nur eine gewinnen. Beim 4:0-Sieg gegen den Hamburger SV Mitte April überzeugten Stiller und Co. letztmals über die volle Distanz. Mit der Werkself kommt nun nicht gerade der Lieblingsgegner der Stuttgarter nach Bad Cannstatt: Gegen Bayer 04 wartet der VfB zu Hause seit 16 Jahren auf einen Sieg. Drei Punkte gegen Schwarz-Rot sprangen vor eigenem Publikum letztmals im April 2010 heraus (2:1). Gegen kein anderes Team blieben die Schwaben daheim länger sieglos.

Deniz Undav und Alejandro Grimaldo
Die Werkself hatte im Hinspiel gegen den VfB einen schweren Stand – hier Torschütze Alejandro Grimaldo gegen Deniz Undav und Angelo Stiller.

Prunkstück

Mit ihren 66 erzielten Toren stellen die Schwaben gemeinsam mit der Werkself die zweitbeste Offensive der Liga nach den Bayern (116). Unter den Top-20-Scorern ist der VfB gleich mit vier Spielern vertreten: Deniz Undav (18 Tore/5 Assists), Jamie Leweling (7/9), Ermedin Demirovic (11/4) und Chris Führich (7/8) sind. Zusammen erzielte das Quartett 43 der 66 Treffer. Viel läuft beim Tabellenfünften über die schnellen Außenspieler: Stuttgart schlägt von allen Mannschaften die meisten Flanken aus dem Spiel heraus (486) und liegt bei der Flankengenauigkeit an zweiter Stelle (hinter der TSG Hoffenheim). Allein Chris Führich bringt 44 Prozent seiner Flanken zu einem Mitspieler – Bestwert aller Spieler mit mindestens 25 Flanken.

Interessant auch: Stuttgart netzt oft in der Schlussviertelstunde ein. 22-mal traf das Team von Sebastian Hoeneß in den letzten 15 Spielminuten – nur der FC Bayern (34) schaffte das noch häufiger. Die Schwaben setzen ähnlich wie Bayer 04 auf Ballbesitzfußball. Während Schwarz-Rot im Schnitt auf 60 Prozent Ballbesitz kommt, liegen die Rot-Weißen knapp darunter bei 58 Prozent. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Mit dem VfB (55 Prozent) und der Werkself (52) treffen die beiden zweikampfstärksten Mannschaften im Tableau aufeinander. Vier Stuttgarter tun sich diesbezüglich besonders hervor: Ramon Hendriks (69,6 Prozent), Jeff Chabot (66,4), Karazor (65,4) und Maximilian Mittelstädt (64,5) zählen in puncto Zweikampfquote zu den Top-Ten-Spielern der Liga.

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