Viele schwarz-rote Akzente bei der 22. Leverkusener Kunstnacht

Spannende Ausstellungen, anregende Gespräche, große Resonanz: Im Rahmen der 22. Leverkusener Kunstnacht wurde auch die Bismarckstraße am Freitagabend zur Kunstmeile. Stadioneck und Schwadbud feierten ihre Premiere beim traditionellen Event, das Klubhaus der Lev-Szene 86 am Konrad-Adenauer-Platz war bereits zum dritten Mal dabei. Auch in Schlebusch gab‘s Kunst mit Bayer 04-Bezug zu sehen. Der Fußball stand dabei gar nicht immer im Mittelpunkt.
22. Leverkusener Kunstnacht

Choreo-Highlights aus mehreren Jahrzehnten

Dort, wo sich sonst die Fans zum Einstimmen auf Spiele der Werkself treffen und schwarz-rot die vorherrschenden Farben sind, sah man diesmal auch anderes Publikum. „Kunst in der Fankultur“ hieß das Motto im Stadioneck. Schon kurz nach Öffnung um 18 Uhr strömten Menschen in den kleinen Kneipenraum. Die ausgestellten Fotos von Choreographien aus den vergangenen drei Jahrzehnten gaben einen spannenden Überblick über die Entwicklung einer besonderen Kunstform. Von den bescheidenen Anfängen Mitte der 1990er-Jahre mit schlichten Papptafeln bis zur technisch aufwendigen LED-Installation eines 15-mal-15-Meter großen Bayer-Kreuzes und der imposanten Meister-Choreo nach dem Gewinn der Schale 2024: Im Stadioneck sah manch eine(r) zum ersten Mal die ganze künstlerische Bandbreite, die die Leverkusener Fanszene zu bieten hat. „Das ist ja das Schöne heute Abend: Wir lernen viele neue Leute kennen, die sich bislang nie mit dem Thema Choreo als Kunstform beschäftigt haben“, sagt Nils Peters von den Ultras Leverkusen, die in der Regel für Planung und Durchführung der Choreographien verantwortlich sind. „In den Austausch mit Menschen zu kommen, die gar nicht wissen, wieviel Zeit und Arbeit dahintersteckt, ist doch großartig.“

22. Leverkusener Kunstnacht

Nicht nur auf den Ausstellungswänden, auch auf einem großen Bildschirm waren sie noch einmal zu sehen: Die zwei „Goatbusters“-Choreos mit schönen Grüßen an die rheinischen Nachbarn, das große Tribünenspektakel beim letzten Spiel von Klublegende Stefan Kießling, die beeindruckende Kurven-Performance im Berliner Olympiastadion beim DFB-Pokalfinale 2024 und viele andere Highlights mehr. Florian, ausgebildeter Dachdecker und Zimmermann und einer von vielen kreativen Köpfen in der Bayer 04-Fanszene, demonstrierte im Laufe des Abends vor dem Stadioneck, wie ein Motiv auf große Stoffbahnen gerastert wird. Ein spannender Einblick in den Produktionsprozess, der sich nicht selten über Monate hinzieht.

Schwarz-Rote Mode in der Schwadbud

Die Ergebnisse einer langen künstlerischen Schaffensphase konnten auch ein paar hundert Meter vom Stadioneck entfernt betrachtet werden. In der Schwadbud stellten Studierende der Akademie Mode & Design in Düsseldorf (AMD) ihre Exponate unter dem Motto „Disrupted Sportswear“ aus. Ausrangierte Sportkleidung von Bayer 04 wird Kunst. Trikots, Schals, Trainingsjacken und -hosen, Shirts: Der Klub stellte das Material zur Verfügung, die Studierenden entwickelten und entwarfen daraus Designkonzepte. Entstanden sind Outfits, die Tradition und Bayer 04-Identität in einen neuen, modischen Kontext setzen. Nichts für den Alltag. Eher die High Fashion-Linie. Und die Schwadbud mit ihrem musealen Charakter bildete als Ort den perfekten Rahmen für die Ausstellung. „Ein schöner Kontrast zu den alten Fotos an den Wänden, wobei unsere Klubgeschichte ja auch in diesen Outfits hier sehr gelungen aufgenommen wurde, finde ich“, zeigte sich Bayer 04-Fan Simone angetan vor allem vom Modell „Keine Tradition seit 1904“, das Bezug auf die Mode aus dieser Zeit nahm. Skizzenbücher und Booklets gaben Aufschluss über das Making-of der Exponate. Bei einem Fotoshooting in der BayArena trugen Models die Upcycling-Kleidung, auch diese lebensgroßen Bilder waren Teil der Ausstellung.

Zeitweise wurde es eng in der Schwadbud, die Resonanz war groß. Zu sehen gab es nicht nur außergewöhnliche Mode. Auch die Superhelden-Collage von der Meistermannschaft auf Leinwand oder auf einem Stadionsitz stießen auf Interesse. Zudem nutzten viele Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, die länger geöffnete Fanwelt zu besuchen.

22. Leverkusener Kunstnacht

Mit Vollborn auf Zeitreise

Wer anschließend die BayArena verließ, musste nur wenige Meter gehen und konnte schon wieder tief eintauchen in die Vereinshistorie. Im Klubhaus der Lev-Szene 86 plauderte Bayer 04-Ehrenspielführer Rüdiger Vollborn ausgiebig über alte Zeiten. Ausgangspunkt vieler Erzählungen: die 26 ausgestellten Trikots der Torhüterlegende. Rappelvoll war’s im kleinen Thekenraum, der mit all seinen Bildern und Fan-Devotionalien den perfekten Rahmen für „Rudis Erzählungen“ gab. Seit 45 Jahren arbeitet Vollborn inzwischen für Bayer 04. Und natürlich kann sich der Mann mit dem Elefanten-Gedächtnis noch lebhaft an sein erstes Bundesligaspiel für die Werkself erinnern. Sein Torwarttrikot aus dieser Partie beim FC Bayern München aus dem Sommer 1983 hat er natürlich auch dabei. Auch das Dress, das er beim ersten DFB-Pokalgewinn zehn Jahre später trug, ist vor Ort - wenn auch nicht das Original, das in der Schwadbud hängt. „Mein Lieblingstrikot“, sagt Vollborn, „weil es so weit war und ich nicht gerne in engen Trikots spielte“. Er hat schlichte Exemplare mitgebracht und schrill-bunte. Künstlerisch wertvoll sind gewiss nicht alle. Aber jedes Trikot hat seine eigene Geschichte.

Natürlich geht es an diesem Abend nicht nur um Trikots. Der Klubhistoriker erzählt von seiner Zeit als Torwarttrainer und von René Adler, der einige Jahre bei der Familie Vollborn wohnte. Thematisch geht es auch noch viel weiter zurück, bis in die Sechziger. „Die älteren Gäste können in Erinnerungen schwelgen, die jüngeren lernen noch was dazu – für jeden ist etwas dabei“, sagt Vollborn mit einem Augenzwinkern. Ihm gegenüber sitzt an diesem Abend Uwe Miserius. Der Fotograf und Künstler, der unter anderem für die Rheinische Post arbeitet, stellte im Rahmen der Kunstnacht Porträts von 14 Mitgliedern der Lev-Szene 86 aus. Der Fanclub feierte Ende vergangener Saison sein 40-jähriges Jubiläum und war nun bereits zum dritten Mal bei der Leverkusener Kunstnacht dabei. Die mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Räumlichkeiten sind auch ein kleines Bayer 04-Museum. „Und gerade bei der Kunstnacht bekommen wir immer ein tolles Feedback“, sagt der Vorsitzende Marco Giese. „Was diese Abende so besonders macht, sind die Begegnungen mit Menschen, die uns zum Teil noch nicht kennen, die staunen und mit uns in Gespräch kommen.“

22. Leverkusener Kunstnacht

Martin Kowatzki: Bayer 04-Betreuer und Künstler

Staunen, ins Gespräch kommen – darum ging es auch in der Schlebuscher Filiale von Heicken Optik. Hier stellte Martin Kowatzki seine Werke aus. Der gebürtige Leverkusener ist seit vielen Jahren Betreuer und Zeugwart bei Bayer 04. Und leidenschaftlicher Trikotsammler. Aber eben auch: Künstler. Seine Meister-Collage nach dem ersten Titelgewinn 2024 – mit vielen Fotos, Fan-Stickern und Zeitungsüberschriften – fand viele begeisterte Abnehmer nicht nur im Mannschaftskreis und im Staff. Die Erlöse aus den Drucken spendet Kowatzki immer noch sozialen Projekten in der Stadt.

Aber Kunst mit Bayer 04-Bezug macht eben nur einen winzigen Teil seines künstlerischen Schaffens aus. In der Schlebuscher Fußgängerzone präsentierte Kowatzki nun sein breites Spektrum: Collagen mit den unterschiedlichsten Themen, Materialien und Motiven. Von Kurt Cobain über Barak Obama bis zu Queen Elisabeth. Abstraktes und sehr Konkretes. Provozierendes und Dekonstruktives. Großformatiges und Kleines. „Ich hatte in der Schule Kunst-Leistungskurs, für mich war Kunst immer wichtig. Es ist eine meditative, kreative Arbeit, die irgendwie raus muss aus mir. Ein Hobby, nicht mehr und nicht weniger“, sagt Kowatzki.

22. Leverkusener Kunstnacht

Auch er kommt an diesem Abend immer wieder ins Gespräch mit den Kunst-Interessierten. Genauso wie sein Freund Jens Lagemann, der gemeinsam mit ihm ausstellte. Lagemann hat bereits vor zwei Jahren an der A1 in Leverkusen ein 400 Quadratmeter großes Bild geschaffen – ebenfalls von der Meister-Mannschaft. Eine Adaption des Kunstwerkes gab es am Freitagabend auch als Diorama zu sehen und zog viele Blicke auf sich.

Bayer 04 und Kunst – das hat diese 22. Leverkusener Kunstnacht einmal mehr bewiesen – passen gut zusammen.

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