„Ver­such‘ nicht, die Welt zu ret­ten“

Mark Flek­ken im gro­ßen Inter­view

Mark Flekken kam im Sommer 2025 aus Brentford an den Rhein, hatte einen komplizierten Start – und überzeugte am Ende der Saison auch seine Kritiker: Der 33 Jahre alte Torhüter spricht im Interview mit dem Werkself-Magazin (Ausgabe #56) über den neuen Trainer, seine erste Saison in Leverkusen, Führung ohne Kapitänsbinde und das Privileg, aus seinem Hobby einen Beruf gemacht zu haben.

Mark, ihr habt in Carles Martínez einen neuen Coach, zudem einige Zu- wie Abgänge: Mit welchen Gefühlen gehst du in die Saison?

„Ich spüre, dass eine ganz andere Energie in der Truppe steckt. Eine Energie, die auch vom Trainerteam kommt. Der Trainer ist spritzig, pusht viel, ist im Training wie in den Besprechungen extrem präsent. Er selbst lebt vor, was er von uns auf dem Platz sehen will – und das zieht einen mit. Man sollte der Fairness halber aber nicht vergessen: Kasper Hjulmand ist letztes Jahr ohne Assistenten in eine Mannschaft gekommen, die überhaupt nicht rund lief. Er hatte zwei Jobs gleichzeitig: dem Trainerteam und der Mannschaft klarzumachen, was er will. Und dazu kaum Training, nur Spiele. Genau das ist jetzt der Vorteil für Carles: Der Trainer hat wirklich Zeit, zu bauen und zu kneten. Und das fühlt sich für alle Beteiligten gut an.“

Wie weit kann es euch in der Saison führen?

„Ich bin nicht der Typ, der zu weit vorausschaut. Das Wichtigste ist, dass wir jetzt in einer gemeinsamen Entwicklung von Mannschaft und Trainerteam im neuen System etwas Gutes kreieren. Wahrscheinlich werden wir nicht am ersten Tag die Sterne vom Himmel spielen, das ist ein Prozess. Wichtig ist aber: Nicht der gute Fußball kommt zuerst, sondern der Erfolg. Wenn du erfolgreich bist und dieses gute Gefühl mit in deinen Spielstil nimmst, kommt der schöne Fußball ein Stück weit von alleine. Umso besser, dass der Trainer die ganze Vorbereitung mit der Mannschaft hatte, um zu bauen, zu schrauben und alles im Detail anzusprechen. Das Trainerteam ist sehr detailliert, fragt oft bei einzelnen Spielern nach – etwa, was unser Eindruck zu einer Taktik ist. Ich habe das Gefühl, dass hier etwas entstehen kann. Das ist das Wichtigste. Es muss und wird nicht heute oder morgen fertig sein: Entscheidend ist, dass wir alle in eine Richtung schauen und am selben Strang ziehen.“

Mark Flekken und Carles Martínez

Auch für dich persönlich ist es sicher eine Art Neustart.

„Ich bin, wie wir alle, definitiv nicht zufrieden mit der vergangenen Saison. Ich bin letztes Jahr mit einem guten Gefühl aus Brentford angekommen und habe auch gut begonnen. Gegen Ende der Vorbereitung hat sich dann aber die allgemeine Unruhe im Klub auch in mein Spiel eingeschlichen. Es wurde eine Saison mit Höhen und Tiefen, in der genau das gefehlt hat, was für einen Torwart am wichtigsten ist: die Konstanz. Es gab Phasen, in denen ich Punkte liegen gelassen habe, und Phasen, in denen ich welche festgehalten habe. Es war ein ständiges Auf und Ab. Zum Glück habe ich in den letzten vier Spielen die Konstanz wiedergefunden. Das war für mich das Wichtigste: das Gefühl, dass es hier auch geht. Das gilt es nun, dauerhaft zu zeigen. Denn diese Konstanz auf hohem Niveau ist letztlich auch der Grund, warum mich die Verantwortlichen geholt haben.“

Und zudem sicher auch als eine Leitfigur, dessen Wort auch in der Kabine Gewicht hat. Was braucht es für den Typus Führungsspieler?

„Das ist ein Paket, in dem vieles zusammenkommt. Du brauchst eine gewisse Ruhe in dir, aber zugleich ein Feuer, das andere fordert und fördert. Und das A und O ist natürlich, dass du selbst vorangehst und Leistung bringst. Ich glaube sehr an ‚Leading by example‘, ein Vorbild zu sein, mit gutem Beispiel voranzugehen. Meine Karriere hat sich durch harte Arbeit so entwickelt. Ich bin von unten gekommen und jetzt auf diesem Niveau angelangt, das ich mir vor zehn Jahren nicht hätte vorstellen können.“

Inwieweit war ein mögliches Kapitänsamt für dich ein Thema?

„Gar nicht. Ich kann die Rolle auch sehr gut ohne Binde ausfüllen, dafür brauche ich den Titel nicht. Ein Führungsspieler muss nicht zwangsläufig der Kapitän sein. Du brauchst nicht nur einen, der Kapitän ist. Du brauchst fünf, sechs davon in einer Mannschaft, die sich gegenseitig unterstützen.“

Wann hast du im Lauf deiner Karriere gemerkt: Ich habe Einfluss in der Kabine und auf dem Platz?

„Das war in meiner Zeit in Freiburg, nachdem ich im Sommer 2018 dorthin gewechselt bin. Die ersten zwei Jahre habe ich, bis auf ein paar Spiele aufgrund einer Verletzung, als Ersatztorwart hinter Alexander Schwolow auf der Bank verbracht. Über diese zwei Jahre habe ich mir aber mit harter Arbeit im Training so viel Respekt bei der Mannschaft verdient, dass sich das mit der Zeit von selbst aufgebaut hat. Die Jungs wussten: Wenn sie ein Problem haben, müssen sie eigentlich nur auf mich zukommen, dann ist es schon fast gelöst. (lacht) Weil ich auch kein Blatt vor den Mund nehme: Ich traue mich, jederzeit ins Trainerbüro oder zu den Klubverantwortlichen zu gehen und Dinge anzusprechen, die im Argen liegen oder mir auffallen. Ich bin da sehr direkt, aber alles auf eine vernünftige Art. Und wenn du im Training selbst vorneweg marschierst und jeden Tag hart arbeitest, steigert das intern deinen Wert.“

Mark Flekken gegen Manchester City

Konntest du das im vergangenen Jahr genauso vorleben?

„Ich finde schon, denn die Leistung im Spiel spiegelt nicht immer das wider, was man auf dem Trainingsplatz leistet. Natürlich hofft man, dass sich das eine dann auch im anderen zeigt, das ist mir nicht konstant genug gelungen. In manchen Phasen hat es sehr gut geklappt, in anderen bin ich in einen Strudel geraten. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, im Training weiter alles zu geben.“

Hast du dich dabei an dein erstes Jahr in Brentford erinnert gefühlt, wo du auch Anlaufschwierigkeiten hattest?

„Definitiv, wir haben in der Familie oft über die Parallelen gesprochen. Dort bin ich allerdings ein halbes Jahr schneller aus dem Strudel herausgekommen. Mir war aber immer bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit ist – es ging nur nicht schnell genug. Ein großer Unterschied: Mit Bayer 04 haben wir international gespielt, da kamen viel mehr Spiele dazu, ein enger Rhythmus. Bei Brentford hatte ich einfach mehr Zeit im Training.“

Wie gehst du mit so einem Strudel um?

„In England habe ich mit einem Mentaltrainer gearbeitet, dessen Tricks ich hier auch angewendet habe. Jedes Mal, wenn es besser lief, dachte ich: Okay, jetzt bin ich raus. Und dann kam wieder so eine Phase. Dazu gab es zwei Momente in der Saison, in denen mir von den eigenen Fans höhnisch zugejubelt wurde, was sich – sagen wir es so – nicht positiv aufs Selbstvertrauen auswirkt.“

Wie fährst du an so einem Abend nach Hause?

„Mit dem Verlangen nach einer großen Flasche Wein. (lacht) Im Ernst: Ich hatte mal einen Torwarttrainer, der mir beigebracht hat: ,Versuch‘ nicht, die Welt zu retten.‘ Klingt simpel, ist aber schwer zu leben, weil du zeigen willst, was du draufhast. Diese Ruhe zu behalten, ist mir in manchen Momenten nicht gut gelungen. Dann bin ich in der Risikoabwägung übers Ziel hinausgeschossen. Dem Publikum gab das natürlich das Gefühl, dass da grundsätzlich etwas nicht läuft, dabei wollte ich nur helfen, wollte aus dem Strudel herauskommen, es besser machen. Da kommt wieder ein gutes Sprichwort ins Spiel: Ab und an ist weniger mehr. Zum Glück hatte ich die mentale Resilienz, die Spiele danach besser zu gestalten.“

„Du gehst in 95 Prozent der Partien mit einem ganz anderen Mindset ins Spiel: Du musst gewinnen.Mark Flekken

Neu war für dich hier auch das grundsätzliche Level der Mannschaft – und damit der Begriff Druck. Was verändert das für einen Spieler?

„Du gehst in 95 Prozent der Partien mit einem ganz anderen Mindset ins Spiel: Du musst gewinnen. Das ist per se eine gute Situation, denn du weißt, dass du in einem Klub auf hohem Niveau bist. Aber es bringt auch eine gewisse Verantwortung mit sich, die anders war, als ich es gewohnt war. Mit den Erfahrungen des ersten Jahres kann ich das nun viel einfacher schultern.“

Du bist 33 Jahre alt, nicht nur ein Führungsspieler, sondern auch einer der Erfahrenen. Wie nimmst du die hochtalentierten 18-, 19-Jährigen um dich herum wahr?

„Für mich ist das nicht im Ansatz vergleichbar. Ich war vom Talent her bei weitem nicht auf dem Level wie die Jungs, mit denen ich hier in dem Alter trainiere. Die stehen fünf, sechs Klassen über meinen Fähigkeiten als 19-Jähriger. Ich habe meine Ausbildung in Aachen gemacht, bin dort in den Drittliga-Kader hochgerutscht, habe durch die Insolvenz des Vereins mein Debüt in der dritten Liga gegeben und konnte ein halbes Jahr später nach Fürth wechseln. Das ist etwas ganz anderes, als in einem Klub wie Bayer 04 ausgebildet zu werden – das ist weder von den Möglichkeiten noch vom Niveau her vergleichbar. Den Jungs werden ja heute auf eine ganz andere Art und Weise viele Dinge abgenommen.“

Sprichst du mit den jungen Mitspielern manchmal darüber?

„Nein, das muss auch nicht sein, weil es den Jungs wahrscheinlich nicht weiterhelfen würde.“

Warum nicht?

„Weil sie sich das gar nicht vorstellen können, ganz einfach.“ (lacht).

Beneidest du die Jungs um diese Möglichkeiten?

„Nein, weil mich diese Zeit auch als Mensch geformt hat, neben dem Platz. Mit 18 habe ich noch die Schuhe älterer Spieler geputzt. Das wird heute alles von den Zeugwarten gemacht. Früher gab es fünf, sechs Jungs, die Jüngsten, die nach jedem Training alles weggeräumt haben: Tore weggetragen, Bälle eingesammelt. Das müssen sie heutzutage wie selbstverständlich nicht mehr machen. Wir mussten als Jüngste nach dem Auswärtsspiel den Bus ausräumen; muss auch kein Spieler mehr, wird alles erledigt. Es ist einfach ganz anders. War das besser, war das schlechter? Keine Ahnung. Es war einfach die Zeit.“

Zugleich war es aber auch ein wenig unbeschwerter.

„Mit der Smartphone-Generation und den Sozialen Medien hat sich das ganze Leben verändert, auch innerhalb einer Mannschaft. Heute musst du mit allem vorsichtig sein, was du machst. Gehst du irgendwohin, wird das auf einem Foto festgehalten. Triffst du dich mit jemandem, wirst du fotografiert. Es ist einfach eine ganz andere Zeit geworden, und die jungen Spieler stehen permanent im Rampenlicht, die können sich nicht mehr so ausleben wie wir früher. Wenn wir mit sechs, sieben älteren Jungs zusammensitzen und Anekdoten austauschen – dann fällt dir auf: Das wäre heute unvorstellbar, weil mindestens sechs der sieben Geschichten gefilmt worden wären. Von der Teambindung her ist es entsprechend ganz anders als früher.“

Was sind die Werte, die dir aus dieser Zeit geblieben sind?

„Die Bindung untereinander ist in einer Mannschaft sehr wichtig. Viel reden, gelegentlich etwas zusammen machen, vor allem wenn man jung ist. Das bindet wirklich. Sei offen und ehrlich, und nimm nichts zu persönlich. Was auf dem Platz passiert, bleibt dort und muss nicht neben dem Platz weitergetragen werden. Ab und an muss man hart zueinander sein, das heißt aber nicht, dass man sich deshalb schlechter versteht.“

Mark Flekken

Dein Ratschlag ging ja auch explizit an die Jüngeren. Was aber macht der Familienvater Mark Flekken abseits des Rasens?

„Ich habe zwei Töchter: Wenn ich heimfahre, hole ich sie von der Schule ab, dann ist erst mal Kinderzeit. Und wenn sie schlafen, ist Zeit für meine Frau. (lacht) Wann soll man da noch etwas mit den Jungs aus der Mannschaft machen? In der Freiburger Zeit sind wir anfangs mehrmals die Woche nach dem Training zusammen essen gegangen, aber wenn dann Kinder ins Spiel kommen, sieht deine Frau dich auch gern mal zu Hause. Und ich bin ein Familienmensch, der lieber einen Tag extra zu Hause ist, als noch mal mit den Kollegen wegzugehen.“

Du bist jetzt 33 Jahre alt. Wie lange siehst du dich noch als Profi?

„Bei Bayer 04 hängt es davon ab, wie lange ich noch spielen darf. Ich habe noch zwei Jahre Vertrag und nicht vor, dann schon meine Karriere zu beenden, dafür fühle ich mich viel zu gut und bin noch zu gern auf dem Platz. Meine Frau hat mich neulich spaßeshalber gefragt, wie lange ich das noch machen will. Meine Antwort war: Ich mache es, so lange meine Knochen mich tragen. Wenn ich jeden Tag mit Schmerzen auf dem Trainingsplatz stünde, wäre das der Punkt, an dem ich keinen Spaß mehr daran hätte, aber davon bin ich noch weit entfernt. Mir ist sehr bewusst, dass wir als Fußballer ein großes Privileg haben: unser Hobby auszuüben und dafür auch noch sehr gutes Geld zu bekommen. Das werde ich so lange wie möglich durchziehen.“

Könntest du dir vorstellen, deine Karriere hier zu beenden?

„Das hängt ja nicht nur von mir ab, dazu brauchst du auch Trainer und eine Führungsebene, die das genauso sehen. Wenn ich mein Niveau konstant halten könnte, hätte ich nichts dagegen, auch weil privat gerade vieles stimmt. Wir wohnen sehr gern hier, unsere beiden Mädels fühlen sich an ihrer Schule wohl, wir leben nur gut eine Stunde von unseren Familien an der niederländisch-deutschen Grenze entfernt. Insofern spricht nichts dagegen, hier über Jahre zu bleiben. Aber das alles funktioniert nur über Leistung. Die steht immer an erster Stelle.“

Werkself-Magazin #56 - der Blätterkatalog

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