Mit Anlauf zum Ziel

Malik Till­man im Por­trät

Malik Tillman galt im Sommer als der Königstransfer der Werkself in der Offensive. Doch der 23 Jahre alte US-Nationalspieler benötigte nach zwei herausragenden Spielzeiten in den Niederlanden zu Beginn der Saison Eingewöhnungszeit – wie auch die gesamte Bayer 04-Mannschaft. An Tillmans Format, an seiner Klasse existiert dabei kein Zweifel. Über einen, der in der Fremde zu sich selbst gefunden hat und sich nun in der Heimat beweisen will.

Es war eine Szene, die die Fantasie beflügelt. Wie er gegen Union Berlin von Keeper Mark Flekken im Aufbau 30 Meter vor dem eigenen Tor mit dem Rücken zum Gegner angespielt wird und den Ball kurz prallen lässt, um sofort aufzudrehen und sich wieder in Position für den nächsten Pass zu bringen. Wie er dann kurz vor dem Mittelkreis mit sicherem Gefühl für Zeit und Raum in einer fließenden Bewegung drei Gegner stehen lässt und die Kugel mit Tempo durchs Zentrum treibt, ehe er schließlich den finalen Steckpass aus dem Fußgelenk spielt, erinnert in seiner Dynamik und Entschlossenheit fast ein wenig an Lothar Matthäus anno 1990 bei der WM im Spiel gegen Jugoslawien. Am Ende der Aktion setzt Ibrahim Maza den Ball an den Pfosten – und versäumt die Veredelung der vorzüglichen Vorleistung.

Momente wie diese aus dem Heimsieg gegen Union Berlin (2:0) mag Malik Tillman wohl im Sinn gehabt haben, als er einige Wochen zuvor davon sprach, er wisse, dass künftig „noch mehr von mir kommen muss“. In ganz ruhigem Ton hat er das gesagt, wie es eben so seine Art ist, leise und reflektiert, zugleich aber bestimmt und klar in der Ansage. Der Selbstanspruch ist hoch bei dem 23-Jährigen, der oft sein schärfster Kritiker ist. „Wenn es nicht so richtig läuft, bin ich sehr selbstkritisch. Ich neige dann dazu, auch mal Sachen in mich reinzufressen“, sagt Tillman. Er weiß, dass es noch etwas Zeit braucht bei ihm. Weil auch die Mannschaft noch Zeit braucht. „Wir haben viele Neue, nicht nur mich. Deshalb dauert es, bis wir uns auf dem Platz finden und ein Selbstverständnis entwickeln, das passiert nun übers Training und die Spiele.“

Bei Malik Tillman hat es ja schon gedauert, bis er überhaupt das erste Mal mit den Bayer 04-Kollegen auf dem Feld stand. Im Sommer hatte er den Gold Cup mit den USA bis zur 1:2-Finalniederlage gegen Mexiko am 7. Juli gespielt, er verpasste wegen Urlaubs das Leverkusener Trainingslager in Brasilien und wegen einer folgenden Faszienverletzung in der Wade auch sämtliche Testspiele der Werkself. Eine geschmeidige Eingewöhnung geht sicher anders. „Es war kein einfacher Start für mich“, sagt er.

Malik Tillman gegen den 1. FC Union Berlin

Da ist es zumindest von Vorteil, dass sich der gebürtige Nürnberger mit dem Schmieden eines Plan B auskennt, seine Karriere war schließlich häufiger schon von Ausweichmanövern geprägt. Nach sieben Jahren beim FC Bayern München – in der Jugend, der Zweitvertretung und gelegentlich im Profiteam – wagte Tillman 2022 den Sprung ins Ausland zu den Glasgow Rangers. Keine Liga für Zartbesaitete, und genau das war Tillmans Antrieb. „Für mich ging es bei der Leihe vorrangig um die Frage, wo ich am meisten dazulernen kann. Alle meine Trainer bei den Bayern haben gefordert, dass ich auf dem Platz auch mal laut werden und die Ellenbogen ausfahren muss“, sagt er, wobei sich da insbesondere Hermann Gerland als väterlich fordernde Instanz hervortat. Der fußballerische Survival-Trip ins raue Schottland erfüllte seinen Zweck, bei den Rangers habe er „das Dreckige“ gelernt: „Diese nötige Härte auf dem Platz, nicht nur in den Zweikämpfen. Ich will immer noch attraktiven Fußball spielen, kann mir dabei aber seitdem selbst viel besser helfen.“

Aus dem Talent mit dem feinen Fuß war am Rande der Highlands ein kämpfender Spielmacher geworden, bereit für den nächsten Schritt. Tillmans Weg führte ihn nach kurzer Rückkehr an die Säbener Straße wieder in die Fremde, erneut über eine Leihe, zur PSV Eindhoven. Der nächste Volltreffer in seiner Karriereplanung. Unter Trainer Peter Bosz blühte Tillman auf und wurde bald unverzichtbar im Team. Beim 8:0-Sieg in Heerenveen, mit dem sich Eindhoven im April 2024 vorzeitig zum Champion krönte, schoss er zwei Tore und bereitete einen Treffer vor: Meister Malik, endlich der erste „echte“ Titel für ihn. „Ja“, sagt er ganz bedächtig, „ich war dabei bei Bayerns Meisterschaft 2022, und wenn man's so sieht, bin ich auch 2021 Champions-League-Sieger geworden. Aber der Titel mit PSV war noch mal was ganz anderes, weil ich ein wichtiger Teil der Mannschaft war.“

Zwei Wochen nach dem Triumph wurde aus dem Leihvertrag mit Eindhoven eine Festanstellung – und Malik Tillman erlebte mit 22 das beste Jahr seiner noch jungen Laufbahn. Am Ende standen der erneute Gewinn der Meisterschaft in den Niederlanden und sein Aufstieg zum internationalen Topstar. Tillman reifte zum Unterschiedsspieler, trug zwölf Tore zur Titelverteidigung bei, obwohl er in acht Spielen wegen eines Syndesmoserisses gefehlt hatte. In der Champions League traf er dazu dreimal in sechs Partien. Einen Besseren als ihn gab es nicht in der vergangenen Spielzeit in den Niederlanden.

Dass er nach diesem sportlichen Gipfelsturm im Nachbarland erst mal Zeit zur Gewöhnung bei der Werkself beanspruchen musste, kann angesichts der erwähnten Schwierigkeiten zum Start nicht überraschen. Bei Bayer 04 gibt es deshalb auch nicht die leisesten Zweifel am Leistungsvermögen Tillmans. „Malik hat brillante technische Fähigkeiten, das ist außergewöhnlich. Lucas Vázquez war nach wenigen Trainingseinheiten begeistert von ihm – und der dürfte sich ja wirklich auskennen. Aber Malik ist etwas introvertierter und braucht noch Anlauf“, urteilt Geschäftsführer Sport Simon Rolfes. Bei Trainer Kasper Hjulmand klingt das nicht weniger begeistert: „Malik hat ungeheure Qualität, er ist ein großartiger Spieler und arbeitet jeden Tag daran, sein höchstes Level zu erreichen.“

Malik hat ungeheure Qualität, er ist ein großartiger Spieler und arbeitet jeden Tag daran, sein höchstes Level zu erreichen.Kasper Hjulmand

Dabei lässt der Sohn einer deutschen Mutter und eines US-amerikanischen Vaters nichts aus, um seine Möglichkeiten zu optimieren. Schon seit seiner Zeit in München arbeitet er mit einem persönlichen Physiotherapeuten zusammen, dazu hat er seit Beginn der vergangenen Saison auch einen Koch, der täglich zu ihm nach Hause kommt und eine bestmögliche Versorgung mit Vitaminen, Proteinen und Kohlenhydraten verantwortet. Professionalität hört für Tillman keineswegs auf, wenn auf dem Platz der Abpfiff ertönt. Einen erstklassigen Partner hat er auch an der Seite, wenn es um persönliche Fragen geht: Sein drei Jahre älterer Bruder Timothy ist eine seiner wichtigsten Bezugspersonen und war in vielen Angelegenheiten Vorreiter für Malik. Beide begannen in der Jugend bei der SpVgg Greuther Fürth und wechselten gemeinsam zum FC Bayern München, aktuell spielt Timothy beim Los Angeles FC in der MLS.

„Er hat viele Phasen im Leben, durch die ich gegangen bin, schon vor mir durchlebt und mir dadurch unheimlich helfen können. Ich spreche auch heute noch viel mit ihm, wahrscheinlich weiß er besser als jeder andere, wie ich ticke“, sagt der Jüngere, der sich durchaus mal vorstellen kann, mit Timothy gemeinsam in einem Team zu spielen: „Das wäre sicher was Besonderes, aber wohl eher dann, wenn es mal in Richtung Karriereende gehen sollte.“

Davon freilich ist Malik Tillman aktuell weit entfernt. „Ich bin noch nicht da, wo ich sein möchte und wo ich denke, dass es für mich hingehen kann. Ich glaube, ich kann noch viel mehr“, sagt er und gibt zu verstehen, dass eine Rückkehr in die Heimat für ihn auch in Schottland und den Niederlanden stets im Hinterkopf war: „Es war immer mein Ziel, mich in Deutschland noch mal zu zeigen und beweisen zu können. Das ist nun mein Job in den nächsten Jahren hier mit Bayer 04.“

Der Coach, der ihn bei seinem bislang größten Leistungssprung in Eindhoven begleitet hat, nahm diese Vorlage gern aktiv auf. Peter Bosz jedenfalls outete sich nach dem Champions-League-Duell der PSV mit der Werkself kürzlich als Fan Tillmans: „Ich weiß, dass er bei Bayer 04 etwas schwierig angefangen hat. Aber ich habe den Leuten hier gesagt: ,Habt Geduld mit Malik, schenkt ihm Liebe und sprecht mit ihm.‘ Denn dieser Junge kann so toll Fußball spielen.“

„DIE WM IST EIN GANZ GROSSER TREIBER“

Das Thema Nationalmannschaft besteht bei Malik Tillman schon von klein auf aus zwei Welten. Aufgrund der Staatsangehörigkeiten seiner Eltern war er im Jugendbereich für die USA und Deutschland spielberechtigt. 2016 bestritt er zwei Länderspiele für die U15 der US-Boys, ein knappes Jahr später aber trug er bereits den Adler auf der Brust. Von der U15 bis zur U21 streifte er sich in 21 Länderspielen das deutsche Trikot über, ehe er sich im Mai 2022 endgültig für die USA entschied. „Für mich stand im Vordergrund, so schnell es geht in der A-Nationalmannschaft zu spielen. Der Weg beim US-Team schien mir klar kürzer“, sagt Tillman, der bereits einen Monat darauf vom damaligen Nationalcoach Gregg Berhalter erstmals ins A-Team berufen wurde und beim 3:0-Erfolg im Testspiel gegen Marokko debütierte.

Richtig gezündet hat Tillman aber erst in diesem Jahr. Beim Gold Cup, der Kontinental-Meisterschaft Nord- und Mittelamerikas, führte er das US-Team im Sommer bis ins Finale gegen Mexiko (1:2). Der 23-Jährige absolvierte sämtliche sechs Partien über 90 Minuten und erzielte dabei seine ersten drei Tore für die Stars-and-Stripes-Equipe. Spätestens seit diesen mitreißenden Auftritten gilt Malik Tillman als großer Hoffnungsträger der Mannschaft von Trainer Mauricio Pochettino für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr, die im eigenen Land sowie in Kanada und Mexiko ausgetragen wird.

„Ich bin sicher, dass wir ein wettbewerbsfähiges Team stellen werden und an einem guten Tag auch gegen jeden Gegner bestehen können“, sagt Tillman, der die grundsätzliche „Soccer“-Entwicklung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten positiv beurteilt: „Die WM ist natürlich ein ganz großer Treiber, und dass Lionel Messi und nun auch Thomas Müller in die MLS gekommen sind, hat ebenfalls für gewaltigen Auftrieb gesorgt. Dazu wächst auch die Infrastruktur, derzeit wird südlich von Atlanta in Fayette County ein großes nationales Trainingszentrum gebaut, das als Hauptquartier des US-Fußballverbandes dienen soll und im kommenden Jahr fertiggestellt wird.“