Kasper Hjulmand hat die Werkself zurück in die Erfolgsspur geführt und steht mit Bayer 04 nach dem 3:0-Sieg gegen den FC Villarreal vom Mittwochabend in der K.-o.-Phase der UEFA Champions League. Im Interview mit dem Werkself-Magazin in den Katakomben der BayArena im Besprechungsraum der Mannschaft, direkt gegenüber der Kabine, hat er für die aktuelle, im Januar erschienene Ausgabe besondere Einblicke gewährt. Ein Gespräch mit dem 53 Jahre alten Trainer über Werte, Einstellungen und persönliche Erfahrungen sowie Interessen außerhalb des Fußballs.
Herr Hjulmand, Sie sind während der Saison nach Leverkusen gekommen. Es blieb angesichts der Vielzahl an Spielen kaum Zeit, Sie kennenzulernen. Darum starten wir dieses Gespräch mal mit einer privaten Frage: Was zeichnet Sie als Person aus?
Hjulmand: Ich weiß nicht, ob ich mich großartig von anderen unterscheide. Ich bin ein Junge vom Land, komme aus einer kleinen Stadt. Ich habe Sport immer geliebt, vor allem Fußball. Das war und ist meine Leidenschaft. Ich liebe wirklich, was ich tue. Ich glaube, ich bin einfach ein ganz normaler Mensch, der sein Leben größtenteils dem Fußball widmet.
Ist diese Selbsteinschätzung im Fußball-Business vielleicht schon besonders?
Hjulmand: Ich sehe das nicht so. Heutzutage wird vieles mit einem Label versehen. Aber 99 Prozent von uns sind einfach ganz normal. Unseren Kindern wird häufig gesagt, dass sie die Besten sein müssen. Und wenn man nicht der Beste ist, sei man nicht gut genug. Aber wir liegen doch alle zwischen den Polen und nur sehr, sehr wenige sind wirklich etwas Besonderes. Meine persönlichen Helden sind zum Beispiel diejenigen, die jeden Tag mit Kindern oder in Krankenhäusern arbeiten.
Sprechen Sie mit ihren Spielern in Leverkusen über solche Dinge?
Hjulmand: Ich bin erst seit einigen Monaten hier, da blieb bei all den Englischen Wochen kaum Zeit dafür. Aber ich finde es auch hier wichtig, nicht bloß darüber zu sprechen, ob man sich etwas weiter rechts oder links auf dem Feld positioniert. Denn ich bin überzeugt, dass es für Spieler in ihren Karrieren wichtig ist, sich auch über andere Dinge Gedanken zu machen. Ich habe schon oft erlebt, dass Spieler, wenn sie ihr erstes Kind bekommen oder eine Familie gründen, plötzlich damit beginnen, Dinge zu relativieren. Aber ich würde mir wünschen, dass wir in dieser Branche diese mentalen Prozesse bereits in den Akademien anstoßen. Meiner Ansicht nach ist es sehr wichtig und hilfreich – nicht nur für Fußballspieler – als Mensch gefestigt zu sein. Und dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es im Leben nicht nur um eine Sache geht. Das Leben ist so viel mehr. Dies bedeutet aber nicht, dass der Fußball unwichtig ist. Wir spielen mit so viel Leidenschaft, das hat einen ganz hohen Stellenwert. Aber letztendlich geht es um Fußball, die Branche ist ja keine Parallelwelt, sondern ein Teil der realen Welt. Ich denke, wir können im Profifußball noch deutlich mehr tun, um sicherzustellen, dass wir auch für die anderen Menschen da sind. Ohne diese Menschen, ohne die Fans sind wir nichts. Auch darum halte ich es für wichtig, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen.

Bleibt Ihnen selbst denn noch Platz für andere Themen und Hobbys?
Hjulmand: Das ist in der Tat sehr schwierig. Und auch etwas, dass ich mir immer wieder vor Augen führe: Ich bin seit 1998 als Trainer tätig. Ich war 26, als ich wegen meiner siebten Knieoperation meine Spielerlaufbahn beenden musste. Seitdem bin ich Trainer. Nun ist mein Leben schon sehr weit fortgeschritten. Und wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass ich so leidenschaftlich und fokussiert war, dass ich wichtige Dinge verpasst habe. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Zeit, als ich Mainz verlassen habe, das war 2015. Es war das erste Mal nach 17 Jahren, dass ich Zeit für mich hatte. Und es war, als würde ich meine Sinne zurückgewinnen. Ich konnte Musik hören, lesen, Farben sehen, Essen schmecken und genießen. Manchmal ist dieses Business einfach obsessiv. Man ist besessen. Ich glaube auch, dass man auf eine Art und Weise besessen sein muss, um Erfolg zu haben. Aber ich arbeite daran, ausgeglichener zu werden, und ich bin auch zu neugierig auf andere Dinge, um mich nur auf den Fußball zu konzentrieren. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, meinen Verstand und meine Sinne auch außerhalb des Fußballs zu schärfen, um als Coach einen guten Job machen zu können.
Welche anderen Dinge sind das?
Hjulmand: Ich liebe es, in den Bergen zu wandern, mag Skifahren, Tennis oder Golf. Das macht mir wirklich Spaß. Ich lese gerne, höre gerne Musik, schätze gutes Essen, gehe manchmal in Kunstausstellungen, weil mein Kopf dann auf andere Gedanken kommt. Ich habe zudem meine Kinder, meine Familie, meine Partnerin und sehr, sehr gute Freunde, kenne viele Leute, die interessante Dinge tun, etwa Start-ups gegründet haben. Ich habe also viele Interessen, aber nicht viel Platz dafür. Manchmal liebe ich meine Leidenschaft, aber manchmal hasse ich mein Sozialleben, weil ich nicht viel Zeit für andere Menschen habe. Umso mehr schätze ich es, wenn meine Kinder und die Menschen, die mir nahestehen, aktuell bei mir sind und ich beide Welten vereinen kann.
Ihre Aussagen haben oftmals einen tieferen Charakter. Ist die – nennen wir es mal provokant – Banalität des Fußballs manchmal eine willkommene Abwechslung?
Hjulmand: Ja, aber eigentlich bewerte ich den Fußball als alles andere als banal. Selbst mit Künstlicher Intelligenz arbeiten viele Maschinen erfolglos daran, zu erfassen, wie komplex dieses Spiel ist. Zum Glück. Denn wir können zwar mit KI maschinell Daten und auch alle Spiele analysieren, aber wir können die Komplexität nicht auflösen. Am Ende sind es alles Individuen und man kann keine auf alle Spieler und Teams übertragbare Erfolgsformel erstellen. Aber ja, manchmal ist es auch ziemlich simpel, immer allerdings voller Emotionen. Und das schätze ich. Ich sage den Spielern immer: Wir können glücklich sein, und wir können alle sehr traurig sein, aber an wie vielen Orten oder Arbeitsplätzen spüren wir diese Emotionen? Also lasst uns das genießen.
Sie haben auch vor der Unterschrift in Leverkusen betont, dass Sie sehr glücklich waren. Und doch sind Sie nun hier, zurück im Profifußball. Wie würden Sie den besonderen Reiz beschreiben, der Sie zurückgebracht hat?
Hjulmand: Manchmal stelle ich mir diese Frage auch. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich entscheiden, was ich tun wollte. Ich konnte meine Kinder sehen, ein freies Wochenende genießen. Und hier bin ich nun. (lacht) Es muss also Leidenschaft sein. Ich schätze diesen Alltag wirklich sehr. Ich liebe es, im Fußball mit anderen Menschen eine familiäre Gruppe zu bilden, gemeinsam mit leidenschaftlichen Menschen etwas zu erreichen. Ich mag Menschen mit Leidenschaft, egal ob Tischler, Maler oder Fußballer. Ich bin tatsächlich auch sehr ehrgeizig und mag es, mich zu messen. Ich liebe es zu gewinnen. Ich hasse es zu verlieren. Das ist auch ein Teil von mir.
Abgesehen von Leidenschaft und Teamgeist, welche weiteren Werte sind Ihnen als Trainer wichtig?
Hjulmand: Ich denke, das Leben ist ein Mannschaftssport. Das Wichtigste ist die Verbindung untereinander. Es geht nicht darum, was ich tue oder die Spieler tun, sondern darum, was wir gemeinsam tun. Fußball ist meiner Meinung nach ein großartiges kleines Abbild des Lebens. Es braucht bestimmte Dinge und Werte, damit ein Team funktioniert und so ist es im Leben auch. Darum spreche ich auch gerade nicht nur über den Fußball, sondern über Werte im Leben. Ehrlichkeit ist mir enorm wichtig. Ich verspreche den Menschen, dass ich immer sage, was ich meine, auch wenn es keine guten Nachrichten sind. Ich bin sehr direkt. Jeder verdient Respekt, egal woher er kommt, wie alt er ist, wie er aussieht. In einem Fußballklub sage ich deshalb sehr oft, dass wir versteckte Helden haben, die nicht im Rampenlicht stehen, keine Tore schießen, nicht einmal spielen, aber jeden Tag hart arbeiten und das Team unterstützen. Dazu zählen auch alle Mitarbeitenden, jeder ist Teil des Ganzen. Gute Führung bedeutet für mich auch, anderen zu helfen. Ich bin nicht hier, um Leute niederzumachen und zu zeigen, dass ich ein toller Kerl bin. Ich bin hier, um Menschen zu helfen. Außerdem schätze ich Großzügigkeit. Ich denke, wir alle hier können uns glücklich schätzen, in diesem Teil der Welt zu leben. Und können mehr dafür tun, dieses Glück zu teilen.
Glauben Sie, dass die Werte, von denen Sie gerade gesprochen haben, ein Grund dafür sind, dass so viele junge Spieler in ihrer Mannschaft so gut spielen? Macht es das für sie einfacher, als mit einem, nennen wir es mal Schleifer, zu arbeiten?
Hjulmand: Gute Führung kann viele Formen und Farben haben. Mir persönlich ist Authentizität sehr wichtig, die Spieler sollen jeden Tag dieselbe Person mit denselben Werten sehen. Wenn ich versuche, jemand anderes zu sein, bin ich erledigt. Die Spieler spüren das. Ich bin, wer ich bin. Ich habe meine Qualitäten, aber meine Qualitäten sind auch meine Schwächen. Manche Leute sagen vielleicht: ‚Oh, er ist sehr soft‘, aber für mich hat das nichts mit Weichheit zu tun. Es ist einfach eine andere Art. Ich bin sehr anspruchsvoll, aber ich renne nicht ständig herum und schreie Leute an. Das bedeutet nicht, dass ich nicht streng bin. Ich bin sehr ehrlich und direkt und muss auch oft harte Botschaften übermitteln, aber mir ist grundsätzlich ein freundlicher Umgang wichtig, beides schließt sich nicht aus.
Ihnen ist es wichtig, nicht nur Schwarz oder Weiß zu sehen. Letztlich kommt es im Fußball aber manchmal auf einen Treffer, einen Pfiff an, der über Sieg oder Niederlage, oder eben Schwarz oder Weiß entscheidet. Wie gehen Sie damit um?
Hjulmand: Es ist wirklich sehr, sehr schwierig. Wenn ich verliere, fühle ich mich manchmal fast körperlich krank. Es ist schmerzhaft, zu verlieren. Ich erinnere mich, dass ich als junger Trainer 2012 die dänische Meisterschaft gewonnen habe und danach gehofft habe, dass der Umgang besser wird. Aber nein, es ist immer noch wirklich schmerzhaft für mich, zu verlieren. Aber egal ob wir gewinnen oder verlieren, im Fußball ist nie alles gut oder alles schlecht. Zum Beispiel das Derby gegen Köln. Es hätten nur ein paar Dinge anders laufen müssen, und wir hätten nicht gewonnen. So ist der Fußball. Deshalb versuchen wir, Spiele sehr objektiv zu analysieren. Es geht nicht um das Ergebnis. Es geht darum, wie wir spielen. Und dann machen wir weiter mit dem nächsten Spiel. Natürlich bin ich außer mir vor Freude, wenn wir gewinnen. Aber am Tag danach geht es darum, neue Ziele zu setzen und weiterzumachen.
Sie haben zuletzt betont, dass Sie stets versuchen, morgen besser zu sein als heute. Gilt das für den Trainer oder für den Menschen?
Hjulmand: Für den Menschen trifft das auf jeden Fall zu. Ich lerne ständig, wie ich Dinge besser machen kann. Mein Jahr ohne Fußball hat mich zum Nachdenken gebracht. Dafür hat mir vorher die Zeit gefehlt. Ich glaube, wir alle haben Vorurteile. Wir sind durch unser Wesen geprägt. Ich versuche immer, meine Vorurteile zu hinterfragen. Ich sehe so viele Dinge in der Welt, die nicht so sein sollten, wie sie sind. Es gibt so viel, das wir besser machen können. Letztendlich versuche ich wirklich, ein guter Mensch zu sein. Denn es ist wichtiger, ein guter Mensch zu sein, als ein guter Trainer zu sein. Aber im besten Fall hängt beides zusammen. Auf jeden Fall versuche ich kontinuierlich zu lernen: als Trainer, aber auch als Mensch. Ich hoffe, dass das niemals aufhört. Ich bin sehr neugierig und habe auf beiden Feldern noch viel zu lernen. Für mich ist es ein ständiger Prozess.

Wenn Sie auf die bisherige Zeit zurückblicken: Glauben Sie, dass Sie sich als Mensch oder als Trainer verbessert haben?
Hjulmand: Ja, ich denke schon. Vor einigen Monaten wohnte ich noch in Kopenhagen, lebte ein völlig anderes Leben. Innerhalb einer Woche stand ich dann gegen Frankfurt an der Seitenlinie. Seitdem gab es so viele Spiele, Abläufe und Begegnungen. Es kommt mir vor wie ein Jahr. Insgesamt habe ich viel über die Region, die Kultur sowie diesen Klub gelernt – und zudem viele tolle Menschen getroffen. Ich erinnere mich in meiner Laufbahn an meine Erfolge, aber noch mehr an die Menschen und Wegbegleiter. Das ist für mich das Wichtigste.
Sie kannten den Klub schon lange, waren stets mit Simon Rolfes im Austausch. Gab es dennoch etwas, das Sie überrascht hat?
Hjulmand: Es gab viele Dinge und Momente. Eine Erfahrung sticht aber heraus: Als wir zu Hause 2:7 gegen Paris verloren haben und die Fans nach dem Spiel dennoch applaudiert haben. Sie waren da, haben die Mannschaft unterstützt, haben hinter dem Team gestanden. Das werde ich nie vergessen, denn man sieht so oft, dass sich Zuschauer nach einer Niederlage umdrehen und pfeifen. Aber diese Nacht war speziell. Ich denke, das ist die absolut beste und wichtigste Art der Unterstützung: wenn es bei jemand anderem nicht gut läuft. Denn so geben wir Rückhalt, so holen wir das Beste aus den Menschen heraus. Das kann man auch auf sein eigenes Leben übertragen, jeder hat das in schlechten Situationen schon erlebt. Ich mochte diesen Abend deshalb sehr, weil ich wusste, dass diese Unterstützung der Mannschaft sehr viel bedeutet und auch hilft. Wenn jeder in diesem Verein das beherzigt und sich so verhält, werden wir weiterhin ein erfolgreicher Klub sein. Ich liebe es hier und bin froh, bei Bayer 04 zu arbeiten.
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