Hinterberger: Spannende Autobiografie des UEFA-Cup-Siegers

Sechseinhalb Jahre lang trug Florian Hinterberger das Bayer 04-Trikot. Zwischen 1984 und 1990 absolvierte der Verteidiger und Mittelfeldspieler 127 Pflichtspiele für die Werkself, gewann mit ihr den UEFA-Cup. Kein Wunder, dass seine Leverkusener Zeit in seiner gerade erschienenen Autobiografie „Er will halt nur Fußball spielen“ viel Raum einnimmt. Und weil Hinterberger nicht nur viel zu erzählen hat, sondern auch gut schreiben kann, sind die 252 Seiten eine kurzweilige Lektüre. Nicht zuletzt Bayer 04-Fans werden hier auf ihre Kosten kommen.
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Der gebürtige Regensburger, der ohne Co-Autor und Ghostwriter ausgekommen ist, reiht Anekdote an Anekdote, plaudert humorvoll aus dem Nähkästchen, ohne jemanden bloßzustellen. Klaus Täuber zum Beispiel, von allen nur „der Boxer“ genannt, habe seine Muskeln gerne spielen lassen, wenn Kollegen ihm dumm kamen. Über ihn schreibt Hinterberger: „Grundsätzlich war er ein guter Typ, geradeheraus und ein verlässlicher Mitspieler. Er kam halt etwas kraftstrotzend und grobschlächtig daher und pflegte dieses Image auch ganz bewusst.“ Der ehemalige Bayer 04-Keeper Bernd Dreher, der vom Boxer mal ordentlich in den Schwitzkasten genommen wurde, kann ein Lied davon singen.

Amüsant zu lesen sind auch Hinterbergers Erinnerungen an Mannschaftstouren in die USA, nach Südkorea (in die Heimat seines damaligen Mitspielers Bum-kun Cha) oder Südamerika. Wie Rüdiger Vollborn, Bernd Dreher und er sich einmal im 20. Stock eines Hotels in Los Angeles ein paar Zigaretten gönnten und plötzlich ein „Schrank von einem Kerl“, der Security-Mann, vor der Tür stand, weil das Trio den Rauchalarm ausgelöst hatte. Oder die gefährlichen Wellen an der Copacabana, die ihm und einigen Mitspielern schmerzhafte Schürfwunden bescherten und einen Teamkollegen sogar in noch größere Nöte brachten. Oder wie Dieter „Tscholli“ Trzolek, der ehemalige Physiotherapeut, bei der „Schlacht von Montevideo“ dem wohl nicht ganz unparteiischen Schiedsrichter die einem Bayer 04-Spieler gezeigte Rote Karte aus der Hand riss und dann zu Schnipseln verarbeitete. Oder wie einst ein allzu geschwätziger Boulevard-Journalist während eines Trainingslagers im Mannschaftshotel von einigen Spielern - mit Hilfe von Tscholli - in eine Mullbinden-Mumie verwandelt und in den Aufzug gesteckt wurde. Das alles ist in einem locker-leichten Ton geschrieben und lässt einen immer wieder schmunzeln.

Weniger lustig, vielmehr beklemmend ist der Einstieg ins Buch. Hinterbergers Geschichte beginnt mit seiner Zeit als Chorknabe bei den berühmten Regensburger Domspatzen. Prügelstrafen waren hier im Internat gang und gäbe. Auch Georg Ratzinger, der kürzlich verstorbene Bruder von Papst Benedikt, war berüchtigt für seine „Ohrwaschln“. Schlimmer noch schmerzten den kleinen Florian, damals zehn Jahre jung, freilich die Hiebe eines Präfekten mit einem unbespannten Geigenstock auf seinen Zeige- und Mittelfinger. Hinterberger irritierte die Diskrepanz zwischen der Frömmigkeit auf der einen Seite und damit einhergehender Gewalt auf der anderen. „Zum ersten Mal wurde mir persönlich direkt vor Augen geführt, was Bigotterie bedeutete.“

Die Zustände im Internat und die pädagogischen Grausamkeiten waren nicht auszuhalten. Mit Unterstützung seiner Eltern beendete Hinterberger das traurige Kapitel Domspatzen. „Er will halt nur Fußball spielen“, gab seine Mutter dem Domkapellmeister Georg Ratzinger zu verstehen. Florian durfte zurück zu den Eltern ins oberpfälzische Weiden. Die Spielvereinigung Weiden wurde sein erster Verein. Hier entwickelte sich das schmächtige Kerlchen – Spitzname „Floh“ – zum großen Talent. Mit 18 legte Hinterberger, inzwischen Spieler der ersten Mannschaft, bei einem Freundschaftsspiel gegen Bayern München eine klasse Partie hin. Weltmeister und Torjäger-Legende Gerd Müller steckte ihm auf dem Weg in die Kabine, dass Bayerns Trainer Dettmar Cramer ihn nach dem Spiel sprechen wolle. Cramer wollte Hinterberger vom Fleck weg verpflichten, aber der legte großen Wert darauf, erst sein Abitur in Weiden zu machen. Der Transfer wurde zur nächsten Saison 1978/79 vereinbart, scheiterte dann aber, weil Cramer in der Zwischenzeit zur Frankfurter Eintracht gewechselt war. Auch ein Vertrag bei 1860 München, dem Lieblingsverein seiner Jugend, kam trotz erfolgreichen Probetrainings nicht zustande. Hinterbergers Weg in den Profifußball erwies sich als einer voller Hindernisse und Zufälle. Aber eine frühe Lehre aus dieser Zeit für ihn war: „Man sieht sich im Fußball immer mindestens zweimal.“

Spannend zu lesen, wie Hinterberger über die SpVgg Fürth dann 1982 bei Fortuna Köln landet, wo für den Bayern acht Jahre im Rheinland beginnen sollten. Wie er von Vereinspräsident Jean Löring 100.000 DM im Umschlag bekommt und sich damit selbst aus seinem Vertrag bei Fürth freikauft. Wie er eine neue Sprache und Kultur – Kölsch! – kennenlernt. Und wie er 1983 nach nervendem Prämienstreit mit der Fortuna das DFB-Pokalfinale gegen den Stadtrivalen 1. FC Köln bestreitet und unglücklich 0:1 verliert.

Man folgt Hinterberger auch deshalb gerne auf seinen Stationen, weil er immer wieder mit viel Augenzwinkern die unterschiedlichen Dialekte zur Sprache bringt. Auch Fotos und die Karikaturen seines Bruders Hans-Christian lockern die Kapitel auf.

Bei Bayer 04 beginnt 1984 die Bundesliga-Zeit für Florian Hinterberger. Dettmar Cramer, der ihn sieben Jahre zuvor schon zu den Bayern holen wollte, ist nun hier sein Coach. Natürlich zitiert Hinterberger genüsslich ein paar Bonmots der Trainer-Legende („Alles hängt irgendwie zusammen: Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge“), erinnert sich ans Mannschaftshotel Gut Keuchhof in Lövenich, das auf Initiative des neuen Coaches Erich Ribbeck vor den Heimspielen bezogen wurde und das unmittelbar an den Garten von Hinterbergers Reihenhaus grenzte. Und natürlich widmet der Ex-Bayer 04-Profi dem UEFA-Cup-Sieg von 1988 etliche Seiten. Dass er selbst, der seit dem 1:0-Sieg im Viertelfinale beim FC Barcelona immer in der Startformation gestanden hatte, ausgerechnet im Final-Rückspiel gegen Espanyol Barcelona aus taktischen Gründen nicht zum Einsatz kam, schmerzte ihn enorm. Aber wie Hinterberger dann in seinem Buch das „Wunder von Leverkusen“ und die anschließenden Feiern aus seiner Sicht Revue passieren lässt, macht einfach Spaß zu lesen.

Für ihn selbst enden die sechs Jahre an der Dhünn im Dezember 1990. Hinterberger macht aus seiner Enttäuschung, dass er unter seinem ehemaligen Mitspieler und jetzigem Trainer Jürgen Gelsdorf nicht mehr zum Einsatz kommt, kein Geheimnis. Der nun 32-Jährige geht zurück in die bayrische Heimat, erfüllt sich einen Jugendtraum und wird ein Löwe. Die letzten 80 Seiten seiner Autobiografie beschäftigen sich vor allem mit seiner Zeit bei den Sechzigern als Spieler, U21-Trainer und schließlich als Sportdirektor, der unter schwierigen Umständen turbulente drei Jahre erlebt. Eine Phase, die Hinterberger im Abschlusskapitel in einem fiktiven Gespräch noch einmal aufarbeitet.

Der 61-Jährige, der 2018 zum 30-jährigen Jubiläum des UEFA-Cup-Triumphes mit seinen ehemaligen Bayer 04-Kollegen wieder einmal in der BayArena war, hat mit seiner Autobiografie ein Buch vorgelegt, das gleichermaßen humorvoll wie nachdenklich eine ungewöhnliche Fußballer-Karriere nachzeichnet. Eine sehr lohnenswerte Lektüre auch für die Fans der Werkself!

Das Buch:
Florian Hinterberger
Er will halt nur Fußball spielen – Regensburger Domspatz, UEFA-Pokalsieger und Münchner Löwe
Arete Verlag Hildesheim
Taschenbuch
252 Seiten
20 Euro

Der Spieler:
1970-1978: SpVgg Weiden
1978-1982: SpVgg Fürth (2. Liga, 119 Spiele, 18 Tore)
1982-1984: Fortuna Köln (2. Liga, 66 Spiele, 7 Tore)
1984-1990: Bayer 04 (105 Bundesliga-Spiele, 2 Tore, insgesamt 127 Pflichtspiele)
1990-1992: TSV München 1860 (Oberliga, 2. Liga, 20 Spiele)

Der Trainer und Funktionär:
1993-2001: FC Starnberg (Trainer)
2001-2003: TSV München 1860 (U21-Trainer)
2004-2009: 1. FC Nürnberg (U19- und U21-Trainer)
2011-2014: TSV München 1860 (Sportdirektor)

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