Es ein trauriger Tag für alle Bayer 04-Fans. Mit Bernd Schneider beendet ein Vollblutfußballer und Publikumsliebling seine aktive Karriere als Fußballer. Der „weiße Brasilianer“ muss die Fußballschuhe aufgrund seiner Bandscheibenverletzung am Halswirbel und einer daraus resultierenden Rückenmarksverletzung an den berühmten Nagel hängen. Nach 296 Bundesliga-Spielen und 81 Länderspielen für Deutschland verlässt ein Großer die Fußball-Bühne.
Mit DFB-Mediendirektor Harald Stenger sprach Schneider über Höhen und Tiefen bei Bayer Leverkusen, die Zeit in der Nationalmannschaft, seine Gefühlslage in der Stunde des Abschieds und seine Perspektiven.
Wie groß ist der Abschiedsschmerz?
Bernd Schneider: Schon groß. Wer mich kennt, der weiß genau, dass Fußball für mich Leidenschaft war. Es ist schon ärgerlich, wenn man auf eine solche Weise seine Karriere beenden muss. Momentan ist es vielleicht sogar einfach, weil erst die Vorbereitung auf die neue Saison beginnt und der Ball noch nicht rollt. Wenn dann die Bundesliga wieder spielt und ich bin nicht dabei, wird es sicher emotionaler. Aber irgendwann wäre der Zeitpunkt ohnehin gekommen, dass Schluss für mich ist. Und jetzt ist es einfacher, als hätte ich zu Beginn meiner Laufbahn wegen einer Verletzung aufhören müssen.
Hast Du insgeheim nach Deinem 13-Minuten-Comeback in der Bundesliga beim 5:0-Sieg von Bayer Leverkusen über Borussia Mönchengladbach am 33. Spieltag der vergangenen Saison darauf gehofft, dort und auch in der Nationalmannschaft an alte Zeiten anknüpfen zu können?
Bernd Schneider: Zunächst einmal muss ich sagen: Der Kurzeinsatz in der Bundesliga nach meiner Operation war für mich wirklich ein sensationelles Erlebnis. Ich fand es einfach schön und beeindruckend, wie sich alle mit mir gefreut haben, dass ich wieder dabei bin. Danach hatte ich natürlich gehofft, dass ich in der kommenden Saison voll angreifen kann. Im Hinterkopf hatte ich immer die WM 2010 – das sollte der Abschluss meiner Karriere werden. Die Basis dafür hatte ich mir bereits erarbeitet, denn die nötige Fitness war vorhanden. Doch es ist alles anders gekommen. Vor einer Woche haben mir die Ärzte endgültig mitgeteilt, dass das Risiko zu groß wäre, wenn ich als Profi weitermache. Bei einer ärztlichen Nachuntersuchung wurde festgestellt, dass es bei dem Sportunfall, den ich zwei Monate vor der EURO 2008 erlitten habe, auch zu einer Rückenmarksverletzung gekommen ist, die die Fortsetzung meiner Laufbahn unmöglich macht.
Was ist Dir von den Anfängen Deiner Karriere im Osten Deutschlands am meisten in Erinnerung geblieben?
Bernd Schneider: Als ich aus der Jugend bei Carl-Zeiss Jena kam, war gerade die politische Wende und das hat mir natürlich tolle sportliche Perspektiven im Westen eröffnet. Denn ich hatte schon als Kind immer von der Bundesliga geträumt. Ich bekam dann die Chance bei Eintracht Frankfurt und erlebte dort ein interessantes und auch erfolgreiches Jahr, inklusive des in einem dramatischen Endspurt für den Klassenerhalt entscheidenden 5:1-Siegs über Kaiserslautern am letzten Spieltag.
Und dann ging es gleich nach Leverkusen. Was waren bei Bayer 04 die schönsten und unerfreulichsten Momente?
Bernd Schneider: Die Antwort ist doch klar: Dass wir im letzten Saison-Spiel 2000 in Unterhaching verloren und als Tabellenführer die Deutsche Meisterschaft verpasst haben, weil uns die Bayern in letzter Sekunde überholt haben, war eine ganz schwere Enttäuschung. Am positivsten war die Saison 2001/2002, als wir das Champions-League-Finale gegen Real Madrid in Glasgow äußerst unglücklich verloren haben. Es hatte uns niemand zugetraut, so weit zu kommen. Und zusätzlich schön war, dass wir damals national und international einen äußerst attraktiven Fußball gespielt haben.
Du bist einer der ganz Großen des deutschen Fußballs in diesem Jahrzehnt gewesen und wurdest sogar als „Weißer Brasilianer“ nach der WM 2002 gefeiert, hast aber nie einen Titel gewonnen. Wie tief sitzt so etwas?
Bernd Schneider: Sicher wäre es toll gewesen, einmal einen Pokal oder die Meisterschale in Händen zu halten. Aber es stört mich nicht so sehr. Wir waren oft nahe dran, doch es hat nie ganz gereicht, dass wir den ganz großen Erfolg feiern konnten. Trotzdem bin ich mit meiner Laufbahn zufrieden.
Was waren für Dich die Höhepunkt in der Nationalmannschaft?
Bernd Schneider: Die WM 2002 war ein erstes spektakuläres Ereignis. Und dann folgte eben die WM 2006 in Deutschland. Das ist das Größte gewesen, was ein Fußballer erleben kann. Wie uns damals die deutschen Fans unterstützt und gefeiert haben, wird für uns alle unvergesslich bleiben. Ob das die Party nach der WM an Brandenburger Tor war, ob eine Menschenschlange von vielleicht 1000 Bundeswehr-Soldaten nach dem Sieg im Elfmeterschießen gegen Argentinien, die bei der Abfahrt vom Berliner Olympiastadion die „La Ola“ für uns gemacht hat oder wie uns die Fans schon vor dem Spiel um Platz 3 einen begeisternden Empfang vor dem Hotel in Stuttgart bereitet haben und uns Tausende nach dem Erfolg gegen Portugal am Straßenrand zugejubelt haben.
Würdest Du heute sportlich nochmals etwas anders machen wollen?
Bernd Schneider: Das ist schwer zu sagen. Ich bedaure es, nicht mal die Erfahrung gemacht zu haben, ins Ausland zu wechseln, um eine neue Sprache und eine neue Mentalität kennen lernen zu können, um mich fußballerisch unter neuen Voraussetzungen zu behaupten und durchzusetzen, wie jetzt etwa mein Freund Michael Ballack in England. Es gab einige Angebote, auch von europäischen Topvereinen, aber es hat nie richtig gepasst. Und ehrlich kann ich heute sagen: In Leverkusen habe ich mich immer wohl und heimisch gefühlt. Ebenso wie zuvor in Jena und Frankfurt. Ich finde es toll, dass ich heute dort überall ein willkommener Gast bin. In all den Jahren hatte ich viele gute Trainer. Bayer 04, Rudi Völler und meinem Berater Michael Becker habe ich natürlich am meisten zu verdanken.
Du bist mal nach einer langen Saison in den Urlaub gefahren und hast dort gleich wieder Fußball gespielt mit englischen Touristen. Werden wir auch weiterhin den Freizeit-Kicker Bernd Schneider erleben?
Bernd Schneider: Es juckt natürlich immer. Doch es wird wohl aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr gehen, dass ich dem Ball hinterher jage.
Freust Du Dich auf die neuen Aufgaben, die Dir Dein Verein angeboten hat?
Bernd Schneider: Selbstverständlich. Ich will mich im Bayer-Management etwas umschauen, in der Scouting- und Jugendabteilung. Genaues ist bisher nicht geregelt. Dazu ist die Entscheidung zu schnell und kurzfristig gefallen. Ich habe Rudi Völler und Wolfgang Holzhäuser ja erst gestern mündlich informiert, dass ich als Spieler aufhören muss. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass sie mir gleich spontan angeboten haben, bei Bayer 04 eine neue Aufgabe zu übernehmen. Außerdem finde ich es stark, dass sie ein Abschiedsspiel für mich organisieren wollen.
Wann gibt es das nächste Wiedersehen mit der Nationalmannschaft?
Bernd Schneider: Natürlich werde ich vorbei schauen, wenn sie am 5. September in Leverkusen gegen Südafrika spielt. Da werde ich auch mal mit Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff reden, dass ich demnächst bei der DFB-Auswahl hinter die Kulissen schauen kann. Als Spieler kann ich nur sagen, dass dort immer alles perfekt organisiert war. Jetzt will ich mal die andere Seite kennen lernen und sehen, wie die Arbeit der Betreuer konkret aussieht und wie alles so rund um die Uhr abläuft. Ob bei der Organisation, der medizinischen Abteilung oder in der Pressestelle. Ich kann da bestimmt einiges lernen. Gerade den Kontakt zu den langjährigen Weggefährten bei der Nationalmannschaft möchte ich nicht abreißen lassen.