Genau das macht er nun. Als neuer Leiter des Leistungszentrums von Bayer 04 Leverkusen. Er ist seit dem 1. Oktober Nachfolger von Rolf Minge, der sich auf eigenen Wunsch verändert hat.
Gelsdorf ist wieder dort angelangt, wo seine Spieler-Karriere vor fast 30 Jahren und seine Trainer-Laufbahn vor fast zwei Jahrzehnten begonnen hatte.
Gelsdorfs neue Arbeitstätte ist eine grüne Idylle in Sichtweite des Leverkusener Arbeitsalltags im Bayer-Werk. Von den Klub-Greenkeepern optimal gepflegte Rasenplätze laden geradezu ein zum Dribbling und Doppel-Pass.
Die Aluminium-Stollen der Jungs klappern auf den gepflasterten Wegen. Mütter, die ihren hoffnungsvollen Nachwuchs begleiten, plaudern in der Sonne. Ein Segelflugzeug dreht träge und lautlos seine Runden. Ab und zu rauscht unaufdringlich ein ICE vorbei.
Für Jürgen Gelsdorf ist der Zug abgefahren. „Ich gehe mal davon aus, dass ich auf dem Rasen nicht mehr auflaufe“, sagt der 52-Jährige. Das Trainer-Kapitel in seinem Leben ist für ihn abgeschlossen. Der tagtägliche Druck ist Vergangenheit. Der ganz normale Wahnsinn des Wochenend-Stresses ist vorbei. Das Vagabunden-Dasein hat ein Ende. Die Familie – Ehefrau Gaby, mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist, Tochter Alina (18) und Sohn Jannik (16) – hofft auf ein Happyend.
"Paradiesische Bedingungen" Ein paar golden oder silbern funkelnde Pokale, errungen von Bayer-04-Teens oder -Twens, säumen den Weg zum eher schmucklosen Chef-Büro im ersten Stock des Zweckbaus am Kurtekotten. Trophäen für Erfolge von gestern.
Die von morgen werden heute vorbereitet. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Das gilt auch für die Jugendarbeit, selbst wenn die Sportlehrer gerade in diesem Bereich immer wieder verzweifelt Geduld anmahnen und auf die normalen Reifeprozesse dieser Altersgruppen hinweisen.
Gelsdorf nennt die Trainingsbedingungen in seinem Reich „paradiesisch“. Er weiß, wovon er spricht. Er hat die Vergleichsmöglichkeiten verinnerlicht. Als der damalige Bayer-Coach Erich Ribbeck den Libero 1986 aussortiert und damit dessen aktive Karriere beendet hatte, erwarb dieser die Trainer-Lizenz und kümmerte sich auf eigenen Wunsch um den Bayer-Nachwuchs: „Das war durchaus mein Traumjob.“
Leverkusener Urgestein
Die Kick-Azubis probierten das kleine und große Fußball-Einmaleins damals auf Aschenplätzen unweit des alten Haberland-Stadions. „Bernhard Dreher und seine Frau Maria, die in der ‚Schwaadbuud’ das Vereinsleben pflegten, haben sich rührend um uns gekümmert“, erinnert sich Gelsdorf, „das war alles sehr einfach, aber herzlich.“ Die D-Jugendlichen beispielsweise trafen sich maximal zweimal wöchentlich zur Übungseinheit. Heute sind vier oder fünf an der Tagesordnung.
Er ist im besten Sinne Leverkusener Urgestein. Gelsdorf hat die Erfolgsgeschichte des Profi-Fußballs im Zeichen des Bayer-Kreuzes miterlebt. 1976 kam er von Arminia Bielefeld an den Rhein zum Zweitligisten Bayer 04: „Wir hatten auf der Alm in der Regel über 20 000 Zuschauer. Hier spielten wir vor gerade mal 2000 Leuten gegen Wilhelmshaven. Das war zunächst mal wie ein Kulturschock für mich.“
1979 stieg die Truppe in die Bundesliga auf – „das war riesig“. Ein Jahr später war entgegen der allgemeinen Erwartung der Klassenerhalt gesichert – „das war noch unglaublicher“. Auf die professionelle Schiene kam der Betrieb nach seiner Einschätzung mit der Verpflichtung von Dettmar Cramer und unter dem Einfluss des damaligen Sportbeauftragen Günter W. Becker.
Bayer erste Trainer-Station 189 Bundesligaspiele mit neun Toren führt die Statistik unter dem Namen Jürgen Gelsdorf. Ein Haudegen, ein Abwehrrecke, der weder sich noch den Gegner schonte. Einer, der sich auch dann mit seinem Klub identifizierte, wenn die Neider sich zu Wort meldeten. Das ZDF-Archiv schreibt ihm drei Treffer an seiner berühmten Torwand zu.
Die erste Trainer-Station war – wie hätte es anders sein können? – die BayArena. Gelsdorf übernahm am 13. April 1989 die Position des Holländers Rinus Michels. Eine anspruchsvolle Aufgabe, ein großer Schatten. „Bei der Berufung war ich mir bewusst, dass dies sozusagen meinen Abschied von einem gewissen Lebensabschnitt einläutete“, berichtet er heute. Es lief „unerwartet gut“.
Die Mannschaft erreichte 1990 Platz fünf und damit den UEFA-Cup. Wichtiger: „Wir haben Spieler wie Jorginho, Thom oder Kirsten geholt und hier integriert.“ Gleichwohl war ein Jahr später Schluss. Der damalige Manager Reiner Calmund fand nach der Trennung einen unvergesslichen Satz: „Freundschaften zählen für mich sehr, aber nicht in diesem Geschäft. Ich habe Jürgen Gelsdorf vor die Tür gesetzt, der war sogar mein Trauzeuge.“
Marke „Ehrliche Haut“
Der fand zunächst den Weg zum Gladbacher „Bökelberg“, fuhr mit den Borussen nach Berlin, wo er das Pokalfinale (nach Elfmeterschießen) gegen Hannover 96 verlor, nachdem sein Team zuvor „seine“ Leverkusener (gleichfalls per Elfmeterschießen) ausgeknockt hatte. Es folgten mehrere Beschäftigungsverhältnisse in der 1. und 2. Liga. Große Siege und bittere Niederlagen. Auf- und Abstiege.
Gelsdorf blieb sich treu. Ein Mann, Marke „Ehrliche Haut“, der sich in seiner jeweiligen Mission auslebte und an der Seitenlinie zu verzehren schien. Als er in Osnabrück „Servus“ sagte, wunderten sich die Beobachter, dies sei ein so stiller Abschied gewesen, dass man es kaum hätte glauben mögen: „Einen Ruf ‚Gelsdorf raus!’ hat man hier nie gehört.“ Der Vielbeschäftigte ist darauf stolz: „Ich kann mich überall noch sehen lassen. Und mir hat nie ein Spieler irgendwas unangenehmes hinterher gerufen.“
Fördern und fordern
Mit dem großen Pfund seiner Erfahrungen will er jetzt am Kurtekotten wuchern: „Ich kann vieles nun an meine Trainer hier weitergeben.“ Gelsdorf möchte die Bayer 04-Talente bei ihren sportlichen Bemühungen begleiten, Toptalente möglichst durchbringen bis in den Profibereich. Dazu gehören viele Gespräche mit den Jungs, aber auch mit ihren Erziehern und mit den Eltern.
Denn um die begabtesten Exemplare reißen sich schon früh die gewieften Interessenten aus der Berater-Fraktion. Seine Devise dabei lautet: Fördern und fordern. „Das ist wie eine Gratwanderung zwischen den großen Anreizen einer Fußball-Karriere und den Risiken“, sagt der Chef im Leistungszentrum und weiß wieder mal sehr genau, wovon er spricht.